Krankenkassen
Prämienzahler als Goldesel? Politikergruppe sagt: Schluss mit horrenden Vermittlerprovisionen

Krankenkassenvermittler versuchen Kunden neue Grund- oder Zusatzversicherungen aufzuschwatzen. Die Zeche zahlen die Prämienzahler. Eine breite Allianz im Parlament will nun die horrenden Vermittlerprovisionen stutzen.

Henry Habegger
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Bei Unterschrift hohe Provision: Krankenkassen-Vermittler auf Hausbesuch. Shutterstock

Bei Unterschrift hohe Provision: Krankenkassen-Vermittler auf Hausbesuch. Shutterstock

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Der Anruf aufs Handy kommt von einer Aargauer Nummer, am anderen Ende sitzt ein Deutscher. Er sei von der Schweizerischen Gesundheitskasse, behauptet er. Er habe ein günstiges Prämienangebot. Diese Krankenkasse gibt’s natürlich nicht, und eine Gegenfrage ergibt, dass der Mann keinen Schimmer hat vom Schweizer Gesundheitssystem. Er sitzt in einem Callcenter irgendwo im Ausland.

Das passiert derzeit wieder Tausenden von Personen in der Schweiz. Es ist eine von vielen Spielarten der Kaltakquise, dem zufälligen Ansprechen unbekannter möglicher Kunden. Das ist eine besonders verpönte Form von Kundenwerbung.

Aus Callcentern wählen Computer systematisch Schweizer Nummern an. Ziel ist, dem Angerufenen einen Termin für ein Beratungsgespräch anzudrehen. Diesen Termin verkauft das Callcenter danach an einen Vermittler, manchmal direkt an eine Kasse. Der Vermittler versucht, dem Kunden danach eine neue Grund- und vor allem Zusatzversicherungen aufzuschwatzen. Gelingt das, erhält er von der Kasse einige hundert, manchmal sogar einige tausend Franken als Provision.

Viele verdienen mit

Alle Jahre wieder. Die Prämien steigen, Versicherte schauen sich nach einer günstigen
Lösung um. Paradox: Bei diversen Akteuren bricht Goldgräberstimmung aus. Viele verdienen an den Kassenwechseln: Callcenter, Vermittler, aber auch die Vergleichsdienste. Jede im Internet bestellte Offerte bringt einen mittleren zweistelligen Betrag, insgesamt Millionen pro Jahr. Der Verband Santésuisse hat 50 Franken als Provisions-Obergrenze für Kundenvermittlungen in der Grundversicherung festgelegt. Curafutura dagegen nennt keine solche Obergrenze. (HAY)

100 Millionen pro Jahr

Callcenter und Vermittler: Die Zeche zahlen in jedem Fall die Prämienzahler. Entweder über die Prämien in der Grundversicherung oder jene in der Zusatzversicherung. 100 Millionen Franken, so Schätzungen, werfen Kassen für Provisionen auf. Der Prämienzahler als Goldesel.

Das Problem ist seit Jahren bekannt. Die Kassen haben gesetzliche Eingriffe bisher verhindert. Lieber wollten sie das Problem selbst lösen. Genützt hat’s wenig, die Callcenter und die Vermittler auf Hausbesuch sind nicht weniger aufsässig als früher. Grund laut Insidern: Wenn eine Kasse sich auf dieser Art neue gute Kunden zulegt, zieht die andere nach. Nur wenige Kassen geben an, vollständig auf die Dienste von externen Vermittlern zu verzichten: EGK, KPT und die Bauernkasse Agrisano.

Breite Allianz gegen Provisionen

Parlamentarier in Bern haben jetzt genug von den Absichtserklärungen der Kassen. Nationalrätin Prisca Birrer-Heimo (SP, LU) und Ständerätin Pascale Bruderer (SP, AG) reichten soeben je eine gleichlautende Motion ein. Ziel: die «unverhältnismässigen Ausgaben für Vermittlerprovisionen in der Grundversicherung» unterbinden. Die Vorstösse sind breit abgestützt, sie wurden von Mitgliedern sämtlicher Parteien mitunterzeichnet. Unter ihnen KPT-Vize Ueli Giezendanner (SVP, AG) und Bauernpräsident Markus Ritter (CVP, SG), der der Agrisano nahesteht. Also zwei Kassen, die angeben, keine externen Vermittler zu zahlen.

Prisca Birrer-Heimo, auch Präsidentin der Stiftung für Konsumentenschutz, sagt: «Der Vorstoss ist mit der Kann-Formulierung bewusst moderat gehalten. Der Bundesrat «kann» die Entschädigung der Vermittlertätigkeit regeln. Es geht uns darum, dass die Motion im Parlament mehrheitsfähig ist und dass das Problem der Vermittlerprovisionen endlich wirksam angegangen wird.» Sie sieht in den hohen Provisionen auch Anreize für Vermittler, den Kunden um jeden Preis Policen anzudrehen.

Das Ziel müsse sein: «Vermittlerprovisionen dürfen in der Grundversicherung höchstens 50 Franken betragen. Krankenkassen, die sich danach nicht an die Vorschriften halten, müssen gebüsst werden.» Wird die Motion überwiesen, ist es am Bundesrat, die Details auszuarbeiten, inklusive Strafkatalog für fehlbare Kassen.

Welche horrenden Provisionen nach wie vor gezahlt werden, zeigt ein Bericht des «Kassensturzes» vom September. Danach zahlt die Visana (Präsident: BDP-Nationalrat Lorenz Hess) dem Vermittler bis zu 250 Franken pro angeworbenen Grundversicherten, sofern dieser die Franchise von 2500 Franken wählt. Was umgekehrt heisst, dass Leute mit 2500er-Franchise ein gutes Geschäft sind für die Kassen. Ist eine Zusatzversicherung dabei, zahlt Visana sogar bis zu 1500 Franken.

In der Branche ist es ein offenes Geheimnis, dass andere Kassen ähnlich hohe Provisionen zahlen. Sie suchen zahlungswillige, möglichst gesunde Kundschaft, der sie Zusatzversicherungen verkaufen können.

Kassen wehren sich auch diesmal

Dennoch werden viele Kassen die Motionen von Birrer-Heimo und Bruderer bekämpfen: Weil sie keine bundesrätlichen Eingriffe zur Provisionshöhe wollen. Stattdessen setzen die Kassen auf Rezepte wie die hängige Motion von Ruth Humbel (CVP, AG), die die Kaltakquise verbieten will. Die Motion wurde von allen wichtigen Kassenvertretern unterschrieben. Santésuisse-Sprecher Paul Rhyn erklärt, die Aufsicht könne schon heute bei überrissenen Vermittlerausgaben einschreiten. «Mit der Unterbindung der Kaltakquise würde vielen wilden beziehungsweise unseriösen Vermittlern das Wasser abgegraben.»

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