PRÄVENTION: Grosse Debatte um kleinen Stich: Spitalangestellte lassen sich nicht impfen

Nur eine Minderheit der Spitalangestellten lässt sich gegen die Grippe impfen. Nun wollen Bund und Spitäler genauer wissen, wie die Haltung des Gesundheitspersonals gegenüber Impfungen ist.

Michel Burtscher
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Besonders beim Pflegepersonal ist die Grippe-Impfquote tief. (Bild: Gaëtan Bally (Zürich, 30. Januar 2015))

Besonders beim Pflegepersonal ist die Grippe-Impfquote tief. (Bild: Gaëtan Bally (Zürich, 30. Januar 2015))

Michel Burtscher

Die Position des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) ist klar: Es empfiehlt dem Gesundheitspersonal, sich gegen die saisonale Grippe impfen zu lassen. In einem Merkblatt heisst es, die Impfung sei eine «einfache, sichere und sinnvolle Präventionsmassnahme». Doch dem Aufruf folgt nur eine Minderheit, wie die Zahlen aus den Spitälern zeigen. So hat etwa der Verband der Zürcher Krankenhäuser kürzlich mitgeteilt, dass sich in dieser Saison rund 27 Prozent der Angestellten, die Kontakt mit Patienten haben, gegen die Grippe impfen liessen. In anderen Regionen der Schweiz sieht es ähnlich aus.

Im Rahmen der Nationalen Strategie Impfungen lässt das Bundesamt nun die Kenntnisse des Gesundheitspersonals über und ihre Haltung gegenüber Impfungen untersuchen. Die Erkenntnisse der Studie sollen als Grundlage dienen für neue Massnahmen zur Sensibilisierung und Information – mit dem Ziel, dass die Akteure Impfungen «als sehr wichtig für die Gesundheit der Bevölkerung und sich selber erachten», wie es im Studienbeschrieb heisst. Laut BAG geht es darum, dass die Gesundheitsfachpersonen die Patienten besser beraten, aber auch ihre persönliche Entscheidung zum Impfen «aufgrund von fundierten Informationen» treffen können. Zu Diskussionen führt in diesem Zusammenhang vor ­allem die Grippeimpfung.

Pfleger lassen sich weniger oft impfen als Ärzte

Christoph Berger ist Leiter der Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene am Kinderspital Zürich und Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impf­fragen. Angesprochen auf die Grippe-Impfquoten in den Spitälern sagt er: «Diese sind ein­deutig zu tief.» Laut ihm wäre wünschenswert, wenn sich mindestens die Hälfte des Gesundheitspersonals impfen liesse.

Das BAG selbst hat vor einigen Jahren eine Impfquote von 70 Prozent für das Spitalpersonal ausgerufen. Berger findet, es müsse vielerorts ein Umdenken stattfinden: «Es geht bei der Impfung in erster Linie nicht um die Gesundheit des Spitalpersonals, sondern um jene der Patienten», sagt er.

100 bis 300 Tote pro Jahr

Gemäss einer Schätzung des Basler Spitalarztes und Infektiologen Andreas Widmer sterben hier­zulande jedes Jahr 100 bis 300 Menschen, nachdem sie sich in einem Krankenhaus mit der Grippe angesteckt haben – wobei hier nicht nur Ansteckungen durch das Gesundheitspersonal, sondern auch durch andere Patienten und Besucher eingerechnet sind. Trotzdem sind Ärzte und Pflegerinnen einem erhöhten Risiko ausgesetzt, an Infektionen zu erkranken und diese dann zu übertragen.

Wenn man die Zahlen zu den Impfquoten genauer anschaut, dann fällt auf, dass sich vor allem das Pflegepersonal gegen die Grippeimpfung sträubt. Die Quote bei den Ärzten ist jeweils deutlich höher. Dazu sagt Roswitha Koch vom Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK): «Wir unterstützen die Impfempfehlungen des Bundesamtes für Gesundheit und empfehlen dem Pflegepersonal auch, sich impfen zu lassen.». Die tiefe Impfquote führt sie auf zwei Faktoren ­zurück: Einerseits müsse die Grippeimpfung im Gegensatz zu ­anderen Impfungen jedes Jahr wiederholt werden. «Das ist eine zusätzliche Hürde», sagt Koch. Zudem sei die Impfung nicht jedes Jahr gleich wirksam. Ein Impfobligatorium für das Gesundheitspersonal, wie es in der Vergangenheit schon verschiedentlich gefordert wurde, lehnt der SBK klar ab. «Das wäre ein zu grosser Eingriff in die Entscheidungsfreiheit», sagt Koch. Auch Christoph Berger betont, das Ziel müsse immer sein, mehr Gesundheitsfachpersonen zu überzeugen, sich freiwillig impfen zu lassen.

Auch die Spitäler machen vorwärts

Die Übertragung der Grippe in den Schweizer Spitälern so gering wie möglich zu halten, ist auch das Ziel einer Studie, an der unter anderem das Universitätsspital Basel, das Kantonsspital St. Gallen und das Luzerner Kantons­spital beteiligt sind. Laut Philipp Lutz, Medienbeauftragter des Kantonsspitals St. Gallen, sollen die Gründe der ungenügenden Umsetzung aller präventiven Massnahmen untersucht werden. Dazu gehört nicht nur die Grippeimpfung, sondern auch die Händehygiene, das Tragen von Gesichtsmasken oder die Isolation erkrankter Patienten. Basierend auf den Ergebnissen der Studie sollen dann Massnahmen getroffen werden.