PRÄMIENANSTIEG: Abzocker-Vorwürfe gegen Ärzte

Wegen der hohen Prämien steigt der Druck auf die Ärzte. Diese machen bisher aber keine Anstalten, zur Kostensenkung beizutragen.

Jürg Ackermann
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Die Diagnose ist klar: Die Krankenkassenprämien steigen zu stark an. Ein Grund dafür ist, dass die Ärzte mit dem veralteten Tarifsystem Tarmed abrechnen. (Bild: Ralph Ribi)

Die Diagnose ist klar: Die Krankenkassenprämien steigen zu stark an. Ein Grund dafür ist, dass die Ärzte mit dem veralteten Tarifsystem Tarmed abrechnen. (Bild: Ralph Ribi)

Es passiert im Gesundheitswesen selten. Aber in einem Punkt sind sich Bundesrat Alain Berset, die Krankenkassen und die Ärzte einig. Das Tarifsystem Tarmed, mit dem Ärzte ihre Leistungen abrechnen, taugt nicht mehr. Es stammt aus dem letzten Jahrhundert, es entschädigt Leistungserbringer für Aufwände, die sie wegen des technischen Fortschritts zum Teil gar nicht mehr haben, und es setzt vor allem falsche Anreize. Je mehr Behandlungen ein Arzt an einem Patienten durchführt, desto höher ist sein Verdienst. Zudem hat in diesem Tarifdschungel mit über 4000 Positionen kaum mehr jemand den Durchblick.

Für Experten wie Felix Schneuwly vom Vergleichsdienst Comparis steht fest, dass dieses System auch zum Missbrauch verleitet. «Es gibt Indizien dafür, dass Ärzte, die wenig Patienten haben, diese öfter aufbieten, um die Wartezimmer zu füllen und ihren Verdienst zu sichern», sagt Schneuwly. Die Ärzte seien bei den Themen Kostensenkung und Qualitätstransparenz bisher stets unter Naturschutz gestanden. «Wenn die Ärzte mit dem Veto drohen, zittern viele Parlamentarier.»

Spezialisten und Hausärzte glauben, sie kämen zu kurz

Dass der Tarmed noch immer angewendet wird, obwohl er als veraltet gilt, mag erstaunen – aber nur auf den ersten Blick. Denn zum einen mahlen die Mühlen im Gesundheitssystem langsam, und zum anderen haben sich die wichtigsten Akteure, vor allem die Ärzte, bisher nicht auf ein neues Berechnungssystem einigen können. Sowohl die Hausärzte als auch die Spezialisten lehnten im Sommer einen Vorschlag der Ärztevereinigung FMH ab, weil beide Gruppen das Gefühl hatten, sie kämen zu kurz.

Diese Haltung sorgt jedoch nicht nur beim Prämienzahler, sondern auch in der Politik zunehmend für Irritationen. Denn die Bereitschaft, die stark steigenden Kosten einfach so hinzunehmen, sinkt. So hat nicht nur Gesundheitsminister Berset angekündigt, dass das Bundesamt für Gesundheit den Tarif punktuell anpassen werde, wenn eine Einigung bis Ende Oktober nicht zustande komme. Auch die Finanzdelegation des Parlaments macht Druck. Die Verhandlungsblockade beim Tarmed sei ein wesentlicher Kostentreiber im Gesundheitswesen, liess sie verlauten. Der Bund müsse künftig mehr Kompetenzen erhalten, um in solch verfahrenen Situationen eingreifen zu können.

Angesichts des Volumens ist die zunehmende Ungeduld nachvollziehbar: Über den Tarmed werden jährlich ärztliche Leistungen im Umfang von rund elf Milliarden Franken abgerechnet.

Die Kritik kommt jedoch zum Teil auch aus der Ärzteschaft selber. Viele Mediziner würden sich um die überproportional steigenden Gesundheitskosten foutieren, schrieb der Berner Kinderarzt Daniel Bracher kürzlich in der Schweizerischen Ärztezeitung. «Jeder denkt stets nur an das eigene Gärtlein.»

«Sie wollen für die lange Ausbildung entschädigt werden»

Diesen Vorwurf will die Mehrheit der Ärzte jedoch nicht auf sich sitzen lassen. Er habe Verständnis dafür, dass die Ungeduld steige, sagt der Thurgauer Arzt Alex Steinacher, Vorstandsmitglied bei Hausärzte Schweiz. Die Einkommensunterschiede seien jedoch noch immer beträchtlich. «Darum hat Bundesrat Berset vor drei Jahren beschlossen, das Einkommen der Hausärzte aufzubessern.» Da ein noch grösserer Mangel bei Hausärzten drohe, müsse sich dieser Kurswechsel auch im neuen Tarifsystem spiegeln. «Weil das nicht der Fall war, haben wir im Sommer zum Vorschlag der FMH Nein gesagt.»

Die Einkommensunterschiede sind in der Tat gross: Gemäss einer Studie der FMH von 2012 verdienen frei praktizierende Spezialisten wie Radiologen oder Urologen deutlich mehr als Allgemeinmediziner (siehe Grafik). Die Einkünfte können nach Region oder Erfahrung des Arztes jedoch stark variieren. Dass Radiologen zu den bestverdienenden Ärzten gehören, ist kein Zufall. Gemäss Tarmed werden gerade technische Leistungen wie Röntgen sehr grosszügig abgerechnet. Zudem profitieren Spezialisten davon, dass sie auch Patienten mit privater Zusatzversicherung behandeln.

«Es ist uns bewusst, dass es niemandem und schon gar nicht den Ärzten etwas bringt, wenn die soziale Krankenversicherung wegen der hohen Prämien an die Wand gefahren wird», sagt Markus Trutmann, der Generalsekretär der fmCh, der wegen der hohen Löhne in der Kritik stehenden Vereinigung der Spezialisten. «Aber es muss eine Leistungsgerechtigkeit geben. Deshalb wollen Spezialisten für die lange Ausbildung und ihre verantwortungsvolle Aufgabe entsprechend entschädigt werden.»

Auch Gesundheitsökonom Willy Oggier sagt, dass es menschlich sei, nicht gerne Einkommensverluste hinzunehmen. Grundsätzlich sei eine Besserstellung der Spezialärzte gerechtfertigt. Diese müssten sich stärker auf bestimmte Bereiche einschränken, um auf notwendige Fallzahlen und eine bestimmte Qualität zu kommen. «Zudem tragen sie meist ein höheres Haftpflichtrisiko.»

Pauschalen sollen das unternehmerische Denken fördern

Im Raum steht nun ein von den Spezialärzten eingebrachter Vorschlag, statt des Tarmed ein System mit Pauschalen einzuführen. Dies soll die Medizin im ambulanten Bereich effizienter machen und falsche Anreize entfernen. «Pauschalen kitzeln das unternehmerische Denken des Arztes heraus», sagt Trutmann. Kritiker bemängeln jedoch, dass Pauschalen dazu führen könnten, dass Ärzte kostenintensive Patienten meiden. «Wenn ich einen zuckerkranken Patienten mit hohem Blutdruck und Lungenproblemen habe, wie soll ich da eine Pauschale verrechnen?», fragt Urs Stoffel, Vorstandsmitglied der Ärztevereinigung FMH. Ein wichtiger Teil der Grundversorgung lasse sich damit nicht abgelten.

Stoffel hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sich die Ärzte bis Ende 2017 mit den Tarifpartnern doch noch auf ein neues System einigen. «Das wird eine Herkulesaufgabe. Aber wenn wir keinen Konsens finden, dann greift der Bund ein, und wir verlieren die Tarifautonomie.» Für viele Beobachter geht dieser Prozess jedoch zu langsam. Und sie äussern Zweifel am Sparwillen der Ärzte. Diese seien den Tatbeweis bisher schuldig geblieben, dass ihnen der Behandlungserfolg wichtiger als der Umsatz sei, sagt Felix Schneuwly.