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Politische Korrektheit nimmt zu: Professoren warnen vor Denkverboten

Boykott, Proteste, Mobbing: Studenten verhindern öfters Auftritte unliebsamer Redner. Akademiker sehen die Meinungsfreiheit an den Universitäten gefährdet.
Yannick Nock
«Frieden! Freiheit! Anerkennung!»: Prorussische Parolen bei der Rede des ukrainischen Präsidenten Poroschenko an der Uni Zürich. (Bild: Keystone)

«Frieden! Freiheit! Anerkennung!»: Prorussische Parolen bei der Rede des ukrainischen Präsidenten Poroschenko an der Uni Zürich. (Bild: Keystone)

Schon für Philosoph Immanuel Kant war die Freiheit der Universitäten unabdingbar. Nur so könnten Gedanken gedeihen, sagte er. Doch an den Hochschulen, Hort der Aufklärung, schleicht sich öfter die Ideologie ein. Andersdenkende werden in den Hörsälen nicht mehr gerne gesehen.

Fälle, in denen Studenten zum Boykott von Vorlesungen aufrufen oder Gastredner diffamieren, nehmen zu. Statt zu debattieren, wird protestiert. «Die Toleranz gegenüber anderen Meinungen sinkt», sagt Antonio Loprieno, Präsident der Akademien der Wissenschaften Schweiz. «Wir müssen die Debattenkultur bewahren.»

Die Entwicklung zeigt sich an Hochschulen in ganz Europa. Aus Rücksichtnahme auf weniger Privilegierte würde die strikte Einhaltung der politischen Korrektheit eingefordert, schrieb kürzlich der deutsche Hochschulverband in einer Pressemitteilung – und warnte eindringlich vor Denkverboten an den Universitäten.

Gerade unkonventionellen, unbequemen und unliebsamen Meinungen müssten die Hochschulen ein Forum bieten, schreiben die Akademiker. «Das muss ausgehalten werden können.» Andersdenkenden begegne man in einem argumentativen Streit, nicht mit Boykott, Mobbing oder Gewalt. Immer häufiger werden aber Konservative, Liberale oder Islamkritiker ausgegrenzt oder diffamiert.

«Wir müssen aufpassen»

Das gilt auch für die Schweiz. Antonio Loprieno pflichtet seinen Kollegen bei. «Ich teile die Warnung», sagt er. «Wir müssen aufpassen, den aufklärerischen Charakter unserer Universitäten nicht aufs Spiel zu setzten.» Ideologie und Identitätsfragen drohten manchmal überhandzunehmen. «Die Hochschulen müssen dagegenhalten.»

Die übertriebene politische Korrektheit an den Universitäten hat ihren Ursprung in den USA. Seit Jahren tobt ein Glaubenskrieg. In Harvard verlangten Jura-Studentinnen, dass das Thema Vergewaltigung aus dem Lehrplan gestrichen wird, weil es Traumata wiederbeleben könnte. An der Northwestern University wurden sogenannte safe spaces für diverse Identitätsgruppen eingerichtet, die keiner sonst aufsuchen darf.

Am Smith College in Massachusetts sagte Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds, einen Auftritt ab, nachdem Studenten gegen sie protestierten. Der Fonds stärke die imperialistischen und patriarchalischen Systeme auf der Welt, wetterten die Studenten.

Auch in der Schweiz gab es bereits solche Vorfälle. 2017 hätte der ehemalige Chef der CIA, David Petraeus, in Zürich auftreten sollen. Doch der Vortrag an der ETH Zürich wurde nach dem Aufschrei einer linken Studentengruppe abgesagt. In einem Flyer bezeichneten sie Petraeus als «nicht verurteilten Kriegsverbrecher». Die ETH hatte wegen angekündigten Protesten Sicherheitsbedenken.

Ähnlich erging es davor dem damaligen Novartis-Chef Daniel Vasella. Und beim Besuch eines Nato-Generealsekretärs marschierten Dutzende vermummte Personen vor der Universität Zürich auf, zündeten Petarden und zertrümmerten eine Fensterscheibe.

Der kanadische Psychologe Jordan Peterson, der durch seinen Kampf gegen politische Korrektheit Tausende Anhänger gewonnen und sich ebenso viele Feinde gemacht hat, spricht von einer radikal linken Politik, die an den Universitäten installiert wurde. «Studierende werden wie in einem Kult indoktriniert», sagt er. Gilt das auch für Schweizer Hochschulen? Die kenne er nicht im Detail, sagt Peterson, der rund um den Globus auftritt und im Januar das Zürcher Volkshaus füllte. Doch seiner Erfahrung nach seien so gut wie alle westlichen Universitäten betroffen.

Politiker will Studenten ausschliessen

Dass sich die Entwicklung nun auf ihrem Höhepunkt befindet, liegt laut Akademien-Präsident Antonio Loprieno auch im Aufstieg rechter Parteien. Übertriebene politische Korrektheit sei ein Gegenentwurf zum wachsenden Populismus. Und die Pole rückten immer weiter auseinander. Doch es sei unredlich, einen Gast nicht auftreten zu lassen, nur weil man dessen Meinung nicht hören wolle.

Antonio Loprieno: «Übertriebene politische Korrektheit sei ein Gegenentwurf zum wachsenden Populismus.» (Bild: BZ)

Antonio Loprieno: «Übertriebene politische Korrektheit sei ein Gegenentwurf zum wachsenden Populismus.» (Bild: BZ)

Der Zürcher SVP-Nationalrat Mauro Tuena fordert nun Konsequenzen, wenn Proteste einen Auftritt verhindern. Wer das Grundrecht der Meinungsäusserungsfreiheit missachte, habe kein Anrecht in einer öffentlichen Institution zu studieren, sagt er. «Diese Studenten gehören ausgeschlossen.»

Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich, will hingegen die Studenten integrieren. Wenn sie mit Trillerpfeifen protestieren, wie zuletzt zu Beginn eines Vortrags eines AfD-Politikers, sucht Hengartner das Gespräch. «Die Studierenden dürften gerne einen eigenen Redner einladen», sagt er. Das sei bisher aber nicht vorgekommen.

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