Pestizide im Trinkwasser: Wasserversorger erhalten «in Ausnahmefällen» mehr Zeit, um Chlorothalonil-Problem zu lösen

Eine Million Menschen haben Trinkwasser mit zu hohen Chlorothalonil-Rückständen. Der Bund wollte den Wasserversorgern ursprünglich zwei Jahre Zeit geben, um das Problem zu lösen. Doch nun ist in «Ausnahmefällen» auch eine längere Frist möglich. Wird das Problem auf die lange Bank geschoben?

Maja Briner
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Seit den 1970er Jahren war Chlorothalonil zugelassen. Bauern versprühten es, um Gemüse oder Getreide vor Pilzkrankheiten zu schützen.

Seit den 1970er Jahren war Chlorothalonil zugelassen. Bauern versprühten es, um Gemüse oder Getreide vor Pilzkrankheiten zu schützen.

Christian Beutler/KEYSTONE

Landauf, landab stehen Trinkwasserversorger vor einem Problem: Ihr Wasser enthält zu viele Abbauprodukte des Pilzbekämpfungsmittels Chlorothalonil. Seit Anfang Jahr darf der Wirkstoff nicht mehr eingesetzt werden, da er als wahrscheinlich krebserregend eingestuft wird. Für dessen Abbauprodukte im Trinkwasser gelten neue, strengere Höchstwerte – die insbesondere im Mittelland an vielen Orten überschritten werden. Der Schweizerische Verein des Gas- und Wasserfaches SVGW schätzt, dass rund eine Million Menschen betroffen sind.

Das Trinkwasser kann dennoch bedenkenlos getrunken werden, betonen die Behörden. Der Höchstwert müsse aber eingehalten werden, «um vorbeugend den Schutz der Gesundheit zu gewährleisten», wie das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen schreibt.

Die Trinkwasserversorger müssen nun die Rückstände minimieren. Das ist jedoch gar nicht einfach. Rolf Meier vom Schweizerischen Verein des Gas- und Wasserfaches SVGW sagt, die Trinkwasserversorger seien bestrebt und gesetzlich dazu verpflichtet, qualitativ einwandfreies Trinkwasser abzugeben. «Teilweise ist das jedoch mit erheblichem Aufwand und hohen Kosten verbunden.»

Während es mancherorts reicht, unbelastetes Wasser beizumischen, braucht es andernorts zum Beispiel neue Leitungen oder eine regionale Vernetzung. Möglich sind auch technische Wasseraufbereitungsanlagen, doch diese seien ökonomisch und ökologisch nicht sinnvoll und daher als letzte Massnahme einzusetzen, sagt Meier. Wie hoch die Kosten schweizweit ausfallen, sei noch nicht abschätzbar.

Bund gibt in «Ausnahmefällen» mehr Zeit

Der Bund hat jüngst den Druck etwas gelockert. Bisher galt die Weisung, dass spätestens zwei Jahre nach Beanstandung Massnahmen umgesetzt werden müssen. Mitte September passte das zuständige Bundesamt die Vorgaben an: In «Ausnahmefällen» könnten die Kantone eine längere Frist gewähren, teilte es mit. Wörtlich heisst es in der Weisung: «Ist die Umsetzung der Massnahmen innert zwei Jahren ab der Beanstandung aus zeitlichen, finanziellen, politischen oder ökologischen Gründen nicht möglich, so verfügt der Kanton eine der Situation angemessene Frist.»

Dadurch bestehe die Gefahr, dass Massnahmen auf die lange Bank geschoben werden, sagt Michael Casanova von Pro Natura. Er verweist darauf, dass das Problem von Pestizidrückständen im Grund- und Trinkwasser nicht neu sei. «Viele Kantone haben im Bereich des Grundwasserschutzes zu lange gezögert, um wirkungsvolle Massnahmen zu ergreifen und dem Druck der Agrarlobby nachgegeben», sagt er. «Wenn man bedenkt, dass die belastenden Stoffe noch über Jahre hinaus im Boden verbleiben und ins Grund- und damit Trinkwasser gelangen können, ist es allerhöchste Zeit konsequent zu handeln.»

Kanton Bern: Zwei-Jahres-Frist für die meisten nicht möglich

Rolf Meier vom SVGW glaubt hingegen nicht, dass das Problem durch die neue Weisung auf die lange Bank geschoben wird. «Wenn es an manchen Orten länger dauern sollte, ist das keine Absicht, sondern den Rahmenbedingungen geschuldet», sagt er. Es könne beispielsweise sein, dass man längerfristig ein sinnvolles Projekt anstrebe, um einerseits die Pestizid-Problematik zu lösen, sich gleichzeitig aber auch gegen die zunehmende Trockenheit zu wappnen. Ein Beispiel: Eine Gemeinde will eine Leitung zum zehn Kilometer entfernten See bauen und dort zusammen mit weiteren Gemeinden Seewasser aufbereiten.

Dass es mehr als ein paar wenige Ausnahmefälle geben dürfte, zeigt ein Brief, den der Kanton Bern den Wasserversorgungen in seinem Gebiet unlängst geschickt hat. Darin heisst es: «Die Umsetzung von zielführenden Massnahmen innert zwei Jahren wird voraussichtlich für die meisten betroffenen Wasserversorgungen nicht zu bewerkstelligen sein.»

Weitere Massnahmen gefordert

Einig sind sich der SVGW und Pro Natura darin, dass es weitergehende Massnahmen braucht. Meier sagt, ein nachhaltiger Schutz der Ressource für Trinkwasser habe oberste Priorität und könne vor allem durch eine bessere Raumplanung gelöst werden. Denn am besten sei es, wenn Fremdstoffe gar nicht erst ins Grundwasser gelangten. Er fordert daher, die Kantone müssten zügig die Zuströmbereiche definieren und für diese wirksame Massnahmen durchsetzen, also beispielsweise den Einsatz von Pestiziden in diesen Gebieten beschränken.

Schweizweit sind erst rund 60 Zuströmbereiche festgelegt, wie Umweltministerin Simonetta Sommaruga kürzlich im Ständerat sagte. Dieser möchte den Druck auf die Kantone nun erhöhen. Für Pro Natura reicht allerdings auch das nicht, weil es nur sehr lokal Besserung bringe. Die Umweltorganisation hofft, dass der Nationalrat sich für einen griffigen inoffiziellen Gegenvorschlag zur Trinkwasserinitiative aussprechen wird. Das wäre aus ihrer Sicht «ein erster Schritt». Die zuständige Kommission befasst sich kommende Woche damit.

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