Perfektionistin mit vielen Gesichtern

Sie wurde angefeindet wie kaum je ein Mitglied des Bundesrats. Nun tritt Eveline Widmer-Schlumpf aus dem Bundesrat zurück. Ihre Bilanz ist durchzogen.

Kari Kälin
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Sie war dossiersicher, kannte jedes Detail, verschlang Aktenberge, argumentierte sachlich, nüchtern, präzise. Kein anderes Mitglied der Landesregierung kannte ihre Geschäfte so genau wie Eveline Widmer-Schlumpf. Dennoch machte die dreifache Mutter aus dem bündnerischen Felsberg nie den Eindruck, als stünde sie kurz vor einem Burn-out. Wenn sie knochentrockene Themen wie das neue Finanzmarktdienstleistungsgesetz präsentierte, blühte sie auf.

Ein Päckchen Zigaretten pro Tag

Irgendwie aber litt Widmer-Schlumpf unter dem Image als superkorrekte, harte, fleissige, aber unglamouröse Schafferin. «Einem Mann wird das positiv ausgelegt, ich hingegen gelte als Streberin, Technokratin, Musterschülerin», sagte sie im Gespräch mit ihrer Biografin, der Publizistin Esther Girsberger. Dabei hat die schlanke Vegetarierin Widmer-Schlumpf, quasi eine wandelnde Askese, eine sanfte Seite. Die Mutter und Grossmutter interessierte sich für die Kinder ihrer Mitarbeiter und riss Witze. In Felsberg turnte sie im lokalen Verein, leidenschaftlich spielt sie Klavier und Handorgel. Bei Fraktionsessen der Bündner SVP, in der sie ihre politische Karriere startete, offerierte sie in frühen Morgenstunden manchmal eine Runde Schnaps. Jus-Studentin Eveline schlotete einst bis zu einem Päckchen Zigaretten am Tag, ehe die erste Schwangerschaft die Raucherkarriere beendete.

Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde Widmer-Schlumpf am 12. Dezember 2007, als sie die vereinigte Bundesversammlung anstelle von Christoph Blocher in den Bundesrat hievte. Fortan waren sie und die SVP beste Feinde. Widmer-Schlumpf wurde als Verräterin verschrien, die SVP Graubünden aus der nationalen Partei ausgeschlossen. Als neue politische Heimat formierte sich die BDP, in der auch Samuel Schmid, der «halbe» SVP-Bundesrat, Unterschlupf fand.

Widmer-Schlumpf, Bundesrätin von linken Gnaden, wurde von Migräne-Anfällen geplagt, erhielt gar Morddrohungen. Ihren Kindern wurde geraten, nachts nicht ohne Begleitung das Haus zu verlassen. «Ich hatte es ein paar Monate mit einer Ehefrau zu tun, die ich eigentlich gar nicht kannte, so anders war sie», sagt Ehemann Christoph. Seine Frau schrieb in dieser Zeit ein Tagebuch, «um das zu verarbeiten und damit meine Kinder lesen können, warum ihnen ihre Mutter in dieser Phase so fremd war».

Schicksalsschläge

Ihre Detailversessenheit nötigte Widmer-Schlumpf ein unglaubliches Pensum auf. Doch die Flucht in die Arbeit wirkte therapeutisch und half, den Anfeindungen zu trotzen. Die Tochter von Bundesrat Leon Schlumpf war abgehärtet, unter anderem wegen persönlicher Schicksalsschläge. Schwester Carmen starb 1983 bei einem Autounfall. Ihre zweite Tochter Giannina kam mit einem schweren Herzfehler zur Welt. Während schlaflosen Nächten lernte Widmer-Schlumpf für die Notariatsprüfung. Sie entpuppte sich auch als nachtaktive Magistratin. Wenn Mitarbeiter aus ihrem Departement um halb zwei Uhr per Mail einen Lösungsvorschlag unterbreiteten, bekamen sie bisweilen postwendend eine Antwort. Als Bundesrätin übernahm Widmer-Schlumpf zuerst das Justizdepartement (EJPD) ihres Vorgängers Blocher. Die Bilanz fällt zwiespältig aus. Mit einer Reorganisation des Bundesamtes für Migration (BFM) sollten Asylgesuche effizienter bearbeitet werden. Kein Stein blieb auf dem anderen, etliche Kaderleute verliessen das Amt. Bei den Mitarbeitern herrschten Zynismus und Resignation. Gleichzeitig stieg die Zahl der Asylgesuche, was die SVP genüsslich ausschlachtete. 2010 flüchtete Widmer-Schlumpf ins Finanzdepartement. Simonetta Sommaruga, ihre Nachfolgerin, bügelte die verunglückte Reorganisation aus.

Im Finanzdepartement fühlte sich Widmer-Schlumpf wohl. «Zahlen haben mich immer fasziniert. Sie erzählen in ganz kurzer Form die spannendsten Geschichten», sagt sie. Verrechnet hat sich Widmer-Schlumpf bei der «Lex USA». Sie warnte, Banken würden aufgelöst, falls das Parlament das Gesetz ablehne. Konkret hätten die Geldinstitute den USA Daten liefern können, ohne sich in der Schweiz strafbar zu machen. Das Parlament versenkte das Gesetz im Sommer 2013. Widmer-Schlumpf düsteres Szenario, das Bankensterben, blieb aus. Und die Bussen, welche die Finanzinstitute im Rahmen des sogenannten Bankenprogramms den USA entrichten müssen, fallen bis jetzt deutlich tiefer aus als befürchtet.

Bankgeheimnis beerdigt

Die Banken verfolgten Widmer-Schlumpf so hartnäckig wie ihre Gegner. Im Herbst 2008 erlitt der damalige Finanzminister Hans-Rudolf Merz einen Herz-Kreislauf-Stillstand. Widmer-Schlumpf übernahm sein Departement interimistisch und rettete die UBS, die sich mit Schrottpapieren ins Elend geritten hatte, vor dem Kollaps. Die Nationalbank und der Bund stellten der Grossbank 68 Milliarden Franken zur Verfügung. Um solche Staatskrücken fortan möglichst zu verhindern, gleiste Widmer-Schlumpf die «Too-big-to-fail»-Vorlage mit verschärften Eigenkapitalvorschriften auf. Das Ziel: mehr Kristenresistenz. Die Weissgeldstrategie führte derweil zum automatischen Informationsaustausch, mit dem Widmer-Schlumpf unter ausländischem Druck und Applaus der Linken das Bankgeheimnis liquidierte. Ob das Einknicken dem Land letztlich nützt oder schadet, wird sich zeigen. Die Banken haben sich längst damit abgefunden. Klar ist: Eveline Widmer-Schlumpf geht als jene Bundesrätin in die Geschichte ein, die den Finanzplatz Schweiz mit einem Reformgewitter umgepflügt hat.