PARTEIEN: Jürg Grossen hat gute Chancen

Diesen Monat wollen die Grünliberalen bekannt geben, wer Nachfolger von Martin Bäumle wird. Zunächst standen zwei junge Frauen im Vordergrund. Nun, nachdem diese zögern, rückt zunehmend ein Mann vom Land in den Mittelpunkt.

Roger Braun
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Jürg Grossen, Kathrin Bertschy, Martin Bäumle und Tiana Angelina Moser (von links): Grossen gilt nun als Favorit auf die Nachfolge Bäumles. (Bild: Keystone (Neuenburg 30. April 2016)

Jürg Grossen, Kathrin Bertschy, Martin Bäumle und Tiana Angelina Moser (von links): Grossen gilt nun als Favorit auf die Nachfolge Bäumles. (Bild: Keystone (Neuenburg 30. April 2016)

Roger Braun

Als Martin Bäumle vor knapp zwei Wochen seinen Rücktritt ankündigte, richtete sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit sofort auf zwei jungen Frauen der Grünliberalen. Tiana Moser, 38-jährige Fraktionschefin aus Zürich, und Kathrin Bertschy, 37-jährige Nationalrätin aus Bern, galten als ideales Aushängeschild für die junge und urbane Partei, die stets bestrebt ist, dynamischer und offener zu wirken als die etablierten Parteien.

Und doch könnte es gut sein, dass am Ende nicht eine junge Frau aus der Stadt, sondern ein 47-jähriger Mann vom Land das Rennen macht. Im engsten Zirkel der Partei wird zunehmend der Berner Oberländer Jürg Grossen als Kandidat gehandelt. Grossen sitzt seit 2011 im Nationalrat und setzt sich vor allem als Energiepolitiker in Szene. Beruflich führt der dreifache Familienvater ein Elektroplanungsunternehmen in Frutigen mit 37 Mitarbeitern.

Auf den ersten Blick überrascht diese Entwicklung, hat sich doch die GLP jüngst neben der Umweltpolitik vor allem mit gesellschafts- und europapolitischen Positionen profiliert. So befürwortet sie die Initiative «Raus aus der Sackgasse», die den Zuwanderungsartikel wieder aus der Verfassung streichen will, und setzt sich für die Ehe für Homosexuelle ein. Ein KMU-Vertreter vom Land passt dazu nur bedingt. Allerdings: Martin Bäumle verkörperte ebenfalls nie den typischen Vertreter einer urbanen, progressiven Partei. In diesem Sinne könnte das Tandem Grossen/Moser als Parteipräsident und Fraktionschefin weiterhin beide Wählergruppen der Partei abdecken: die linksliberale in den Städten sowie die grünbürgerliche auf dem Land.

«Ich denke nicht nur, sondern lebe grünliberal»

Grossen äussert unumwunden Interesse am Präsidium. «Die Grünliberale Partei spielt eine sehr wichtige Rolle in meinem Leben», sagt er. «Ich denke nicht nur, sondern lebe auch grünliberal.» Ob er wirklich antritt, ist offen. Der Grund ist die zusätzliche zeitliche Belastung. «Unvereinbar ist das Präsidium mit meiner Arbeit grundsätzlich nicht», sagt er, «aber sicher eine Herausforderung.» Die Familie beansprucht ihn nicht mehr so intensiv wie früher, da zwei Kinder bereits aus der Schule sind und der Jüngste in der Oberstufe ist.

Grossen gilt im Bundeshaus eher als Leisetreter. Geht so jemand im Konzert der präsidialen Alphatiere nicht unter? «Ich bin eher ein sensibler Mensch», sagt Grossen. Einen Nachteil sieht er darin jedoch nicht. «Ich finde, zu unserer konstruktiven Partei passt jemand, der gut zuhören kann.» Überdies könne er sich durchaus prägnant äussern, wenn es angebracht sei.

Fraktionschefin Moser ist bereits vier Jahre länger im Parlament als Grossen und Bertschy, gilt als dossiersicher und hat sich in der «Arena» wiederholt bewiesen. Fraglich ist jedoch, ob sie sich als dreifache Mutter mit einem beruflich eingespannten Ehemann das Amt antun will. Moser sagt, dass ihr die Partei am Herzen liege und sie diese prägen wolle. «Das kann ich sowohl als Fraktions- wie auch als Parteipräsidentin», sagt die Polit- und Umweltwissenschafterin. «Wir müssen schauen, was für die Partei die beste Lösung ist.»

Bertschy kennt man in Bundesbern als Kämpferin gegen die Bauernlobby und als Fürsprecherin für Frauen- und Homosexuellenrechte. Die Ökonomin ist auch verantwortlich für das GLP Lab, das offene Ideenlabor fortschrittlicher Kräfte ausserhalb der Parteistrukturen. «Es reizt mich, Kopf dieser fortschrittlichen Partei zu sein», sagt sie. Bedingung für sie wäre allerdings, dass die Aufgabenbereiche des Präsidiums auf mehrere Schultern verteilt sind, damit sie auch das GLP Lab weiterentwickeln kann. «Als Präsident gleichzeitig für Medienarbeit, Kantonalparteien sowie die strategisch-inhaltliche Arbeit alleine zuständig zu sein, erachte ich sowieso als unrealistisch», sagt sie.

Wer die Bäumle-Nachfolge antritt, wird schon bald klar sein. Der Vorstand will bereits diesen Monat einen Vorschlag präsentieren. Die Delegierten werden dann am 26. August die definitive Wahl treffen.