Paradies mit Tücken

Mit dem letzten Arbeitstag verschwindet oft ein Teil des Sinnes aus dem Leben. Manchen Pensionierten macht das zu schaffen. Andere erfinden sich gerne neu.

Diana Bula
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Morgens arbeiten, nachmittags an den See: Viele Babyboomer bleiben nach der Pensionierung aktiv. (Bild: ky/Roman Maerzinger)

Morgens arbeiten, nachmittags an den See: Viele Babyboomer bleiben nach der Pensionierung aktiv. (Bild: ky/Roman Maerzinger)

Ein zwölf Kilogramm schwerer Rucksack, gefüllt mit Wasserflaschen und was sich im Haushalt sonst fand. So hat sich Eugen Spirig auf seine Pensionierung vorbereitet. Er ist damit im Rheintal herumspaziert, bei jedem Wetter. Die Übungsmärsche dienten einem einzigen Ziel: den Jakobsweg möglichst mühelos hinter sich zu bringen. Das war vor etwas mehr als sechs Jahren. Mit 63 hörte Spirig damals auf zu arbeiten, nachdem sein Arbeitgeber ihm «im Rahmen einer Umstrukturierung ein schönes Angebot» unterbreitet hatte. In einem dreitägigen Seminar dachte er über seine Pensionierung nach. Und fasste dabei den Entschluss, zu pilgern, um «mit dem Alten abzuschliessen und das Neue auf sich zukommen zu lassen», um die Zukunft zu konkretisieren.

Auch wenn es zwei Anläufe brauchte, weil die Gattin sich beim ersten Versuch den Fuss verstauchte: Der heute 69-Jährige hat nicht nur mit «überwältigendem Gefühl» Santiago de Compostela erreicht, er scheint auch glücklich im neuen Lebensabschnitt angekommen zu sein. An diesem Morgen sitzt er zufrieden auf der Terrasse seines Hauses und erzählt von der Zeit des Übergangs.

Schreiben statt tüfteln

Über 40 Jahre lange hatte Eugen Spirig in verschiedenen Unternehmen als Konstrukteur gearbeitet und Neuheiten entwickelt, die teils zu Patenten führten. Er hatte sich hochgearbeitet, später Lehrlinge ausgebildet, Abteilungen geführt. «Ich habe mir nach der Pensionierung gesagt, dass ich nun nicht mehr der Chef bin, dass ich nicht den ganzen Haushalt umkrempeln kann.» Er wollte es besser machen als der Mann im Loriot-Film «Pappa ante Portas» aus dem Seminar: Dieser hatte die Frau beim Einkaufen abgelöst, ihr zeigen wollen, wie man das professionell erledigt. Bis eines Tages ein Lastwagen beladen mit WC-Papier vor der Türe stand.

Der Rheintaler hingegen brachte sich Schritt für Schritt ein, half zuerst beim Abwaschen, später kochte er, ging einkaufen – «aber gemässigt», sagt er. Daneben plante er die Etappen für den Jakobsweg. Was er und seine Frau auf der Reise erlebten, hat Spirig im Buch «Jakobsweg – Pilgern beflügelt» festgehalten. «Ich habe das Schreiben als Ausgleich zur Kreativität entdeckt, die ich zuvor im Beruf ausleben konnte», sagt er. Die einst geschäftlichen Beziehungen kompensiert er heute mit privaten. Da sind langjährige Freunde, aber auch neue; jene etwa, die er auf dem Pilgerweg kennengelernt hat. Diese Kontakte sind eines der Mittel, mit denen Spirig die Zeit nach dem Job bereichert. «Demut, Respekt vor dem Leben und der Gesundheit, zählt auch dazu.» Er achte ausserdem auf Struktur, unternehme Ausflüge, wandere, schwimme, fahre Velo und Ski, interessiere sich für Kultur. Jeden Montag essen die drei Enkelkinder bei Spirig zu Mittag, das kleinste hütet er regelmässig. «Damit kann ich mich nützlich machen – ohne Job», sagt er.

Kompensieren, was zuvor war: Funktioniert das? Ja, sagt François Höpflinger, Zürcher Altersforscher und Mitglied der akademischen Leitung des Zentrums für Gerontologie an der Universität Zürich. Die Lebenszufriedenheit nach der Pensionierung sei im Durchschnitt höher als zuvor. «Ein Drittel der Menschen fühlt sich sehr entlastet, für ein Drittel ändert sich nicht viel, ein Drittel hat Probleme mit der Umstellung.» Am meisten Mühe haben jene, die sich auf den Beruf konzentriert haben und im Büro einen hohen Status genossen. «Mit der Pensionierung verlieren sie ihn.» Ein Eliteproblem, meint Höpflinger. Und nennt es das Blatter-Syndrom, abgeleitet vom gleichnamigen nimmermüden Fifa-Chef. «Dieser Typus will die Macht auch in der nachberuflichen Zeit erhalten. Mit Mandaten, Vorstandssitzungen, indem er als Berater weiterarbeitet.»

«Sofie hat mir geholfen»

Rudolf Strahm, ehemaliger Preisüberwacher und SP-Nationalrat, erzählte in der SRF 2-Sendung «Musik für einen Gast», wie schwer es ihm fiel, zurückzustecken: «Die Arbeit war meine Geliebte. An ihr hänge ich noch immer. Ich musste sogar eine Begleitung in Anspruch nehmen, um mich zurückzuhalten.» Einen Tag lang nichts machen, das beherrscht Strahm kaum – obwohl seine Supervisorin ihm eben dazu rät. «Das ist einfacher gesagt als getan, wenn man das nicht geübt hat. Ich gehöre zu einer Generation, die keine Auszeiten kannte. Ich habe nach dem Studium 40 Jahre lang gearbeitet.» Allmählich gelinge es ihm, sich umzustellen. «Sofie, mein Enkelkind, hat mir dabei geholfen. Sie geht nun vor.»

Falsche Vorstellungen enttäuschen

Immer wieder wird beklagt, wie sehr zu viel Arbeit der Gesundheit schadet. Studien thematisieren aber auch das Gegenteil: Wer früher in Rente gehe, sterbe früher, heisst es etwa. Höpflinger lässt dieses Resultat nicht generell gelten: «Wer angeschlagen ist, geht früher in Rente und stirbt wohl auch eher. Die Rente schadet nicht der Gesundheit, sondern eine schlechte Gesundheit führt zu einer früheren Verrentung.» Soziologieprofessorin Ursula Staudinger, die an der New York Columbia University lehrt, hält an der These fest: Frühe Rente ist ungesund, sie macht unzufrieden. «Viele Leute machen sich falsche Vorstellungen. Sie stellen sich das Rentenalter vor wie immerwährende Ferien und sind dann enttäuscht», sagt sie gegenüber «Die Zeit».

Wolfgang Prosinger ist einer der Enttäuschten. «Die Rentner erwarten das Paradies. Daran sind auch all die Ratgeber schuld, die bekunden: Jetzt kommt die tollste Zeit des Lebens», sagt der 67jährige deutsche Journalist. Er hat einen Roman über das Leben nach der Pensionierung geschrieben. Der Protagonist, Thomas Hecker, fällt in ein tiefes Loch. «Auch ich bin in eines gefallen, es war allerdings nicht so tief wie jenes von Hecker. Schliesslich machen meine Erfahrungen nur 60 Prozent der Handlung aus», sagt Prosinger. Ihm habe nach der Pensionierung viel gefehlt: die Bestätigung, die Tagesstruktur, die Beziehungen zu anderen. «Man muss sich neu erfinden.» Prosinger half ein Tagesplan: zu einer bestimmten Zeit aufstehen, sich rasieren, sich ordentlich anziehen. Mit Systematik habe er sich von den drei Schocks erholt. Der erste: Das ganze Leben funktioniert nun anders. Der zweite: die Finanzen, «man muss seine Ansprüche zurückschrauben». Der dritte: der Gedanke, dass man nun in der letzten Lebensphase angelangt ist, sich dem Tod deutlich näher fühlt. «Die Pensionierung dokumentiert, dass man zum alten Eisen gehört. Das löst Krisen aus.» Kein Wunder gebe es unter Pensionierten mehr Suizide, mehr Alkoholismus, mehr Depressionen. «Wäre die Rente ein Medikament, würde man es wegen der Nebenwirkungen verbieten», pflegt er zu sagen.

«Viele Rentner lügen»

«Wer nicht glücklich ist, hat etwas falsch gemacht, glaubt die Gesellschaft. Und wer gibt das gerne zu? Deswegen lügen viele unzufriedene Rentner», sagt Prosinger. Ein Schwarzmaler? Nein, betont er. Natürlich könne der Ruhestand etwas Phänomenales sein. «Doch das bedeutet, nach 65 Jahren eingefahren in Abläufen aus ihnen herauszutreten. Diese Kraft hat nicht jeder.» Prosinger will Unglücklichen mit seinem Roman zeigen, dass sie nicht alleine sind, dass sie über ihre Probleme reden sollen. Und fordert, dass man so lange arbeiten dürfen soll, wie einem danach ist. Er selber ist wieder zurück auf der Redaktion, in Teilzeit.

Das Alter ist heute bunt

Laut Altersforscher Höpflinger arbeitet bereits mehr als ein Drittel der Neurentner über das AHV-Alter hinaus, 40 Prozent davon als Selbständige, die ihr Pensum selber bestimmen. «Ein ideales Modell, um sich in Raten zur Ruhe zu setzen.» Höpflinger spricht sich für ein höheres Rentenalter in der Schweiz aus. Zumal mit den Babyboomern «junge Alte» ins Pensionsalter kommen, die fit und finanziell abgesichert seien, jedoch oft ohne Nachwuchs. Fast ein Drittel der in den Nachkriegsjahren Geborenen ist kinderlos, wird keine Erfüllung in der Aufgabe als Grosseltern finden. Und hat ausserdem viele Träume gelebt: «Sie verwarfen oft die bürgerlichen Ideale ihrer Eltern, sie experimentierten mit Lebensformen. Sie sind gereist und werden nicht so viel nachholen wollen wie die bisherigen Generationen», sagt Höpflinger. Er sieht in den Babyboomern die Botschafter «einer stillen Revolution des dritten Lebensalters». In den letzten Jahren hätten auch die späteren Lebensphasen «eine Individualisierung und Dynamisierung» erfahren. «Die Zeit nach der Pensionierung bedeutet für viele nicht mehr Rückzug, sondern eine Lebensphase mit bunten Gestaltungsmöglichkeiten.» Das Alter sei nun ein Abschnitt, wo sich neue Chancen ergeben.

Reisen, Wandern, Golfen, Segeln, das sind einige der beliebtesten Tätigkeiten von Pensionären. Alle bedingen sie Zeit, alle sind sie schön. Laut Höpflinger ändern sich die Interessen im neuen Lebensabschnitt oft nicht grundlegend: «Wer vorher Sport gemacht hat, macht weiter Sport. Wer eher Kurse belegt hat, belegt auch nun Kurse.»

Zeit, um Gutes zu tun

Pensionäre, die ihre Hände in den Schoss legen, es gibt sie nur noch selten. Einige gönnten den Rentnern diese Ruhe zwar, andere fordern, dass sie sich für das Gemeinwohl einsetzen. Viele tun das von sich aus, um etwas zurückzugeben, um sich gebraucht zu fühlen. Auch deshalb entstehen immer mehr Projekte wie Rent-a-Rentner, in deren Rahmen sich Pensionäre als Hundesitter oder Schrankmonteur anbieten. Priska Muggli leitet mit der «Zeitvorsorge» in St. Gallen ein Projekt, das ebenfalls ermöglicht, sich zu engagieren. 60 Menschen zwischen 60 und 87 Jahren schenken anderen Zeit, indem sie mit ihnen Kaffee trinken, spielen, oder spazieren gehen. Geld verdienen sie nicht, sie erhalten Zeit gutgeschrieben – für dann, wenn sie selber Hilfe brauchen. «Mehr als gesunden Menschenverstand und Nächstenliebe sind dazu nicht nötig», sagt Muggli. Und erwähnt, dass 2020 60 000 Pflegende in der Schweiz in Rente gehen. Ohne private Helfer im Betreuungsbereich lasse sich diese Lücke nicht füllen.

Eugen Spirig macht das auf seine Weise. Er fährt Altersheimbewohner im Rollstuhl aus, begleitet als Helfer Schullager. Und als Mitglied des Vereins Natur 60 plus bekämpft er fremde Pflanzen, die einheimische verdrängen. Er setzt Weihnachtsbäume und schaufelt Fussgängern im Winter den Weg über die Strasse frei. «Das gibt meinem Dasein Sinn und ich bin unter Leuten», sagt er. Und lacht sein zufriedenes Lachen. «Mich dünkt die Rente heute einer der schönsten Lebensabschnitte. Diese Freiheit, entlastet vom Berufsstress zu sein, dieses angenehme Leben, das möchte ich nicht missen.»

Und man glaubt ihm, dass er keiner von denen ist, die lügen.