Panzerknacker verunsichern das Tessin

Zum zweiten Mal innert einer Woche haben Unbekannte im Südkanton nachts einen Bancomaten gesprengt und leergeräumt. Nun werden erneut Stimmen laut, die verstärkte Grenzkontrollen fordern.

Gerhard Lob
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Sprengstoffexperten des wissenschafltichen Dienstes der Zuercher Kantonspolizei bei der Untersuchung eines gesprengten Bancomats der Raiffeisen-Bank, am Freitag, 30. November 2018, in Arzo. (KEYSTONE/Ti-Press/Davide Agosta)

Sprengstoffexperten des wissenschafltichen Dienstes der Zuercher Kantonspolizei bei der Untersuchung eines gesprengten Bancomats der Raiffeisen-Bank, am Freitag, 30. November 2018, in Arzo. (KEYSTONE/Ti-Press/Davide Agosta)

Der Knall war laut, die Explosion deutlich zu hören. In der Nacht auf Freitag sprengten Unbekannte gegen 2.30 Uhr morgens in Arzo im Südtessin einen Geldautomaten. Der Raiffeisen-Bankomat befand sich im äusseren Eingangsbereich des Gebäudes. Gemäss ersten Erkenntnissen wurde der Sprengstoff auf der Tastatur befestigt. Die Täter konnten mit den Geldscheinen unerkannt entwischen. Sie hatten vor ihrem Raub die Überwachungskameras abgedunkelt.

Die ganze Aktion dauerte nur wenige Minuten. Gemäss Polizeiangaben betrug die Beute mehrere Hunderttausend Franken. Es ist davon auszugehen, dass die Täter sich nach Italien abgesetzt haben. Der Geldautomat in Arzo liegt 1000 Meter vom Grenzübergang entfernt. Von den Tätern fehlte bis am Abend jegliche Spur. «Wir ermitteln in alle Richtungen und mit allen beteiligten Institutionen», erklärte eine Mitarbeiterin der Kantonalpolizei. Damit waren die Schweizer Grenzwächter, aber auch die italienischen Behörden gemeint. Just in Italien gab es in jüngster Zeit mehrere Sprengstoffattacken auf Bankomaten.

Präventivmassnahmen ohne Erfolg

Im Südtessin ist es der zweite Schlag dieser Art innerhalb von einer Woche. Zuvor hatten Unbekannte einen Raiffeisen-Bankomaten in Coldrerio gesprengt und Bargeld in Höhe von 200000 bis 300000 Franken gestohlen. «Diese Modalität von Einbruchsdiebstahl ist für uns neu», heisst es bei der Kantonspolizei. Nach dem ersten Schlag hatte man die präventiven Massnahmen erhöht, doch offenbar nicht ausreichend.

In der Bevölkerung ist die Verunsicherung gross. Polizei- und Justizdirektor Norman Gobbi (Lega) warnt vor einer Überreaktion: «Es ist ganz menschlich, dass solche Ereignisse Sorgen auslösen, aber man sollte keine Alarmstimmung kreieren.» Man führe Diskussionen mit den Bankinstituten, wie die Sicherheitsvorkehrungen erhöht werden könnten. Sicher ist: Das Mendrisiotto ist einiges gewohnt. Raubüberfälle auf Tankstellen oder auch auf Postbüros kommen regelmässig vor. Für Politiker wie CVP-Nationalrat Marco Romano, zugleich Stadtrat von Mendrisio, zeigen die neuesten Vorfälle wie wichtig es ist, dass sekundäre Grenzübergänge besser kontrolliert werden. Auf Facebook stichelte er: «In Bern gibt es immer noch Leute, die gegen eine Verstärkung der Grenzwacht sind.» Die systematische nächtliche Schliessung kleinerer Grenzübergänge ist im Tessin ein heisses Eisen und wird im Mendrisiotto immer wieder lautstark gefordert. Über Jahre gab es einen Pilotversuch, doch im Juni 2018 kam der Bundesrat zum Schluss, diese Massnahme nicht weiterzuführen. Die Sicherheit in der Grenzgegend könne dadurch nicht erhöht werden. Kritiker der bundesrätlichen Position sehen sich nun bestätigt.