Ostschweiz kommt nicht zu kurz

Seit 1848 kamen insgesamt 13 Bundesräte aus der Ostschweiz. Was auf den ersten Blick nach wenig tönt, ist faktisch eher eine Übervertretung des Landesteils. Insbesondere die Innerrhödler waren in der Regierung klar überpräsent.

Stefan Schmid
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Regionalpolitisch ausgewogen muss die Zusammensetzung des Bundesrats laut Verfassung sein. Darauf berufen sich jetzt Ostschweizer Politiker, die den Ausserrhoder Hans-Rudolf Merz mit einer Nachfolgerin aus der Ostschweiz «ersetzen» wollen. Und der Ostschweizer Sitz in der Landesregierung sei «eine Tradition», wird weiter behauptet. In der Tat: Seit Kurt Furglers Wahl im Dezember 1971 ist unser Landesteil ständig in der Regierung präsent.

Doch lässt sich daraus ein regionalpolitisch begründeter Anspruch auf den frei werdenden Sitz ableiten?

AI: Siebenmal zu lang im Amt

Ueli Maurer ist der 20. Zürcher Bundesrat. Kein anderer Kanton stellte seit 1848 so viele Bundesräte, und kein anderer Kanton war ununterbrochen in der Landesregierung vertreten (siehe Grafik). Dahinter folgen die Waadt mit 14 und Bern mit 12 Vertretern.

Das Schlusslicht bilden Uri, Nidwalden, Jura, Schaffhausen und Schwyz, die noch nie einen Bundesrat stellten.

Doch die absolute Zahl sagt wenig aus über die tatsächliche Repräsentanz der Kantone. Entscheidend ist die Amtsdauer der einzelnen Bundesräte und der Anteil des jeweiligen Kantons an der Gesamtbevölkerung. So betrachtet ist Zürich im Bundesrat untervertreten, wie die «Basler Zeitung» berechnet hat. Daran ändert selbst die aktuelle Doppelvertretung mit Ueli Maurer und Moritz Leuenberger nichts.

Am krassesten übervertreten ist dafür der Kanton Appenzell Innerrhoden. Ruth Metzler und Arnold Koller (beide CVP) regierten zusammen während über 16 Jahren in Bern. Gemessen am Bevölkerungsanteil von nur 0,2 Prozent ist das über siebenmal zu lang. Relativ betrachtet hätte Innerrhoden nur Anspruch auf gut zwei Amtsjahre im Bundesrat, wie die BaZ ausgerechnet hat. Rein mathematisch gesehen müsste Innerrhoden somit auf lange Sicht hinaus auf weitere Bundesräte verzichten.

Benachteiligte Schaffhauser

Auch Ausserrhoden steht in dieser Rechnung gut da: Die Freisinnigen Johannes Baumann (von 1934 bis 1940) und Hans-Rudolf Merz (2003 bis 2010) sassen 1,38mal zu lange im Bundesrat. Übervertreten ebenso die Thurgauer: Der ländliche Kanton stellte mit den drei Freisinnigen Fridolin Anderwert (von 1875 bis 1880), Adolf Deucher (1883 bis 1912) und Heinrich Häberlin (1920 bis 1934) ebenfalls etwas zu lange (1,11) ein Mitglied der Landesregierung.

Fast eine Punktlandung machen derweil die St. Galler: Sie stellten bisher fünf Bundesräte – neben Furgler Matthias Wilhelm Naeff (FDP, 1848 bis 1875), Arthur Hoffmann (FDP, 1911 bis 1917), Karl Kobelt (FDP, 1940 bis 1954), Thomas Holenstein (CVP, 1954 bis 1959) – und liegen damit praktisch im Soll gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil. Sollte also Karin Keller-Sutter nicht gewählt werden, kann sich der Kanton diesbezüglich nicht beklagen.

Grund zum Lamento haben wenn schon die Glarner. Das Bergvolk stellte bisher erst einmal einen Bundesrat. Joachim Heer (FDP) sass nur drei Jahre in der Regierung, und sein Rücktritt ist auch schon wieder 132 Jahre her. So betrachtet müsste die Glarner FDP-Regierungsrätin Marianne Dürst oder SP-Mann Werner Marti das Fähnlein ihres Kantons unbedingt hochhalten. Noch gar nie im Bundesrat vertreten war der Kanton Schaffhausen. Dass sich dies bald ändert, ist unwahrscheinlich. Es zeichnet sich keine chancenreiche Kandidatur ab.

Es zählen die Köpfe

Diese rein proportionale Betrachtung zeigt: Die Ostschweiz kann sich generell nicht beklagen. Dennoch besteht natürlich kein Grund, auf eine oder mehrere eigene Kandidaturen zu verzichten. Schliesslich geht es in Bundesratswahlen in erster Linie um die Qualität der Personen.

Kurt Furgler (Bild: ky)

Kurt Furgler (Bild: ky)

Arnold Koller (Bild: ky)

Arnold Koller (Bild: ky)

Ruth Metzler (Bild: ky)

Ruth Metzler (Bild: ky)

Hans-Rudolf Merz (Bild: ky)

Hans-Rudolf Merz (Bild: ky)

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