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«Ohne Arbeit würde ich im Gefängnis durchdrehen»: Drei Gefangene erzählen

Erfolgreiche Bildungsgeschichten: Drei Gefangene sprechen über ihre Laufbahn – vor und nach der Inhaftierung.
Andreas Maurer
Insasse Ali K. arbeitet in der Malerei der Justizvollzugsanstalt Lenzburg. Bild: Severin Bigler (Lenzburg, 9. April 2019)

Insasse Ali K. arbeitet in der Malerei der Justizvollzugsanstalt Lenzburg.
Bild: Severin Bigler (Lenzburg, 9. April 2019)

Ausbildungen in Gefängnissen werden wichtiger. Denn es gibt immer mehr Insassen, und die Haftdauer wird tendenziell länger. So ist die Zahl der Inhaftierten schweizweit innerhalb von 30 Jahren um 50 Prozent gestiegen. Mittlerweile befinden sich insgesamt mehr als 6000 Personen in einem Freiheitsentzug.

Im geschlossenen Strafvollzug machen die meisten Insassen eine Praxisausbildung. Viele sind zufrieden damit. Drei Gefangene der Strafanstalt Lenzburg berichten über ihre Bildungswege.

Vom Messerstecher zum Maler

Ali K., Zelle 262, hat drei tätowierte Tränen am Hals. Sie symbolisieren die drei Jahre, die er im Gefängnis verbringt. In zwei Monaten sind diese vorbei. Doch die Entlassung wird für Ali K. kein Freudentag. Denn dann wird er ausgeschafft in die Türkei.

Der 27-Jährige kam mit 10 in die Schweiz. Seine Familie lebt seither in der Nähe von Basel. Er hat sechs Geschwister. «Ich war das schwarze Schaf», sagt er im Besucherraum des Gefängnisses. Er hat ein schmales Gesicht, einen schmächtigen Körper und dunkelbraune Augen. In ruhigem Ton spricht er über seine unruhigen Zeiten. Damals habe er seine Emotionen nicht im Griff gehabt: «Ich bin schnell explodiert.» Er habe die falschen Freunde gehabt und sei mit ­ihnen zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Damals, das war vor vier Jahren im Ausgang in Baden AG. Ali K. kam direkt von seinem Job auf dem Bau zum Treffen mit seinen Kumpels. Er trug noch die Arbeitskleidung, in der Hosentasche ein Japanmesser. Als es zu einem Streit kam, zog er es plötzlich seinem Gegenüber durchs Gesicht. Schwere Körperverletzung, urteilte das Gericht. Neben der Freiheitsstrafe verhängte es einen Landesverweis.

Ali K. hat im Gefängnis an seinem Charakter gearbeitet. Er ist nicht mehr der aufbrausende Typ von damals. In der internen Malerwerkstatt absolvierte er eine Praxisausbildung. Sein Chef ­bezeichnet ihn als Mustergefangenen. Ali K. hat sich auf die Arbeit mit dem Farbsprühgerät spezialisiert. Er sagt: «Ohne Arbeit würde ich hier durchdrehen.» Dass das Zertifikat nicht offiziell anerkannt wird, bedauert er. Doch da er vor der Haft bereits einen Lehrabschluss als Industrie- und Unterlagsbodenbauer gemacht habe, sei er nicht auf ein Diplom angewiesen. Die Ausbildung werde ihm aber dabei helfen, in der Türkei eine Arbeit zu finden.

Vom Räuber zum Metallbauer

Maik B., Zelle 344, hat am Hals ein Drachen-Tattoo. Das Tier stehe für Intelligenz und Sterblichkeit, sagt er. Die beiden Eigenschaften prägen sein Leben. Er ist gescheit, doch sein Leben in Freiheit endete früh. Mit 18 sass er zum ersten Mal im Gefängnis. Heute ist er 38 und wieder am gleichen Ort, womöglich für immer. Maik B. ist ein Verwahrter. Eine nicht enden wollende Serie kleiner Verbrechen veranlasste das Gericht zu dieser Massnahme. Er prahlt: «Ich bin ein Berufsverbrecher.» Dokumentiert sind Raubüberfälle, Betrügereien und Erpressungen. Fest steht: Maik B. ist nie einer normalen Arbeit nachgegangen. «Ich bin ein fauler Mensch», sagt er. Doch hier in Lenzburg hat er eine Praxisausbildung in der Schlosserei absolviert. Das Dokument sei zwar nichts wert, sagt er. Doch die Arbeit als Schlosser gefalle ihm.

Das Ausbildungsangebot decke ein breites Spektrum ab: «Jeder findet etwas.» Die Justizvollzugsangestellten in Lenzburg würden sich Mühe geben. Zuvor sass er in den Anstalten Pöschwies und Thorberg. Dort sei der Umgang weniger respektvoll und weniger freundlich.

Vom Drogenboss zum Schweisser

Odin N., Zelle 202, hat kein Tattoo am Hals. Er ist ein kleiner, dicker Mann aus dem Kongo mit einem freundlichen ­Gesicht. Der 50-Jährige arbeitete früher als Gabelstaplerfahrer. Wegen familiärer Probleme sei er in den Drogenhandel­ ­gerutscht. Verhaftet wurde er 2010 in Basel, nachdem er zwei Drogenhändler über die Grenze gebracht hatte. Er sagt: «Ich habe Scheisse gebaut und muss jetzt dafür zahlen. Das akzeptiere ich.»

Odin N. tippt sich an den Kopf und sagt: «Ich will die Zeit hier für meine Bildung nutzen.» Jeden Werktag arbeite er in der Schlosserei und schneide Metall, schleife, schweisse, biege. Er habe einen Plan. Sein Horizont sei der August 2022. Dann kommt er bei guter Führung frei. Vorher wolle er in den offenen Vollzug wechseln, eine Attestlehre als Metallbauer abschliessen und danach die Schweisserprüfung machen. Auf diesem Gebiet werde er dann in Freiheit eine ­Arbeit suchen. Er ist zuversichtlich: «Ich habe bisher immer etwas gefunden.»

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