Österreich will ein Generalabo nach Schweizer Vorbild – nur viel günstiger

Freie Fahrt im ganzen Land: Die neue Regierung in Wien plant ein Pauschalabo für den öffentlichen Verkehr. Es soll umgerechnet nur 1185 Franken kosten.

Sven Altermatt
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Sie könnten vom neuen «Austria-GA» profitieren: Pendler am Bahnhof Wien-Praterstern.

Sie könnten vom neuen «Austria-GA» profitieren: Pendler am Bahnhof Wien-Praterstern.

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Kaum hat sie ihr Amt angetreten, ist sie im ganzen Land als «Superministerin» bekannt: Leonore Gewessler ist eine zentrale Figur in Österreichs erster türkisgrüner Regierung. Im
neuen Ministerium der Grünen-Politikerin sind die Bereiche Umwelt, Verkehr, Infrastruktur, Energie und Technologie gebündelt. Die meisten anderen Länder haben dafür jeweils eigene Ministerien. Vergleichbar sind die österreichischen Verhältnisse nur noch mit jenen in der Schweiz. Nach der jüngsten Ressortaufteilung in Wien verfügt Gewessler über eine ähnliche Machtfülle wie ihre Schweizer Amtskollegin Simonetta Sommaruga.

Mehr noch: Auch inhaltlich wandelt die Ministerin auf Schweizer Spuren. In einem politischen Kraftakt will sie mit der Regierung den öffentlichen Verkehr in Österreich reformieren. Herzstück ihrer Pläne ist eine einheitliche Jahreskarte für das ganze Verkehrsnetz in der Republik – Züge und Busse soll man damit ebenso uneingeschränkt nutzen können wie Strassenbahnen und U-Bahnen. Die sogenannte «1-2-3-Jahreskarte» wird von der Regierung als Wunderwaffe gefeiert. Bisher gibt es solche Abonnements zum Pauschalpreis nur innerhalb von Tarifverbünden und auf einzelne Verkehrsmittel beschränkt.

Debatte um Kostenwahrheit hüben wie drüben

Die geplante Jahreskarte soll ein Äquivalent zum Generalabonnement in der Schweiz werden. Das GA ist eine «europaweit einmalige Flatrate-Karte», wie es österreichische Verkehrsexperten nennen. Rund 500'000 Schweizer Pendler haben eins. Es berechtigt sie, ohne weitere Buchungen alle Züge der Bundesbahnen und weiterer Bahnen sowie Busse, Trams und Schiffe zu nutzen.

Genau darauf verwies Ministerin Gewessler soeben in ihrer ersten Rede im österreichischen Nationalrat:

«Wir haben in Österreich ein sehr gutes Angebot, aber wir haben auch eine Benchmark: Das sind unsere Nachbarn in der Schweiz.»

Da lohne es sich, «hinzuschauen und das öffentliche Angebot für alle in diesem Land mit einem Mehr an Lebensqualität weiterzuentwickeln». Mit dem «Austria-GA» einhergehen soll eine nationale Buchungsplattform für Ticketsysteme, wie sie in der Schweiz ebenfalls etabliert ist. Von einem «grünen Prestigeprojekt» spricht die «Kronen-Zeitung», das auflagenstärkste Blatt Österreichs. Tatsächlich verkauft die Regierung die Abo-Offensive als Teil ihres Klimaschutz-Pakets. Die Jahreskarte soll nicht nur «breit leistbar und zugleich unkompliziert sein», sondern auch «eine klimaschonende Alternative zum Individualverkehr darstellen».

Die Pläne haben in Österreich eine Debatte um Kostenwahrheit angestossen, die auch in der Schweiz immer wieder aufflammt. Auf der einen Seite ist der Ausbau des öffentlichen Verkehrs ein Gebot der Stunde. Attraktive Pauschalangebote sollen helfen, Autofahrer zum Umstieg zu bewegen. Auf der anderen Seite entsteht just dadurch – wie es die Denkfabrik Avenir Suisse nennt – «eine Form von subventionierter Übermobilität». Je nach Erhebung liegt der Kostendeckungsgrad der Bahnbillette bei 60 Prozent oder weniger.

Das Generalabonnement gilt unter Schweizer Branchenvertretern schon lange als zu günstig; regulär in der zweiten Klasse kostet es 3860 Franken pro Jahr. Im vergangenen Frühjahr wurde bekannt, dass Branchengremien prüfen, die Tarife zu erhöhen und keine Rabatte mehr für beliebte Abos zu gewähren. Nach breiten Protesten begruben sie ihre Pläne wieder.

Pauschalabo für 1185 Franken fordert Staatskasse heraus

In Österreich soll das Jahresticket fürs ganze Land umgerechnet sogar nur 1185 Franken kosten. Die Pendler dürften angesichts des attraktiven Angebots mehr werden, die Einnahmen für die Verkehrsbetriebe aber weniger.

Wie soll das funktionieren, wo doch das System schon heute nur dank öffentlicher Millionen-Zuschüsse funktioniert? Der österreichische Staat müsste eben die Einnahmenausfälle ersetzen, schreibt der «Standard». Die Zeitung spricht von einer «budgetären Herkulesaufgabe». Ministerin Gewessler werde nun mit ihren Regierungskollegen «ausschnapsen müssen, wo man im türkisgrünen Budget Geld für das Ticket auftreibt», kommentiert die «Kronen-Zeitung» mit einem Austriazismus.

Dass die Regierung vorschreibt, wie viel ein Abo genau kosten soll, wäre in der Schweiz übrigens nicht denkbar. Die Tarifgestaltung ist Sache der Transportunternehmen und Verkehrsverbünde, die Politik mischt sich da nicht ein.