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Oberster Hausarzt kritisiert Open Airs

Das Berner Gurtenfestival hat erstmals auf Tabakwerbung verzichtet, die Konkurrenz hält daran fest. Das missfällt dem Verbandspräsidenten der Haus- und Kinderärzte. Mit einer Volksinitiative wollen er und Mitstreiter gegensteuern.
Lorenz Honegger
Kommt ohne Tabakwerbung aus: Das Gurtenfestival (hier die Band Prophets Of Rage on the Main Stage (Bild: Anthony Anex / Keystone (Bern, 12. Juli 2018))

Kommt ohne Tabakwerbung aus: Das Gurtenfestival (hier die Band Prophets Of Rage on the Main Stage (Bild: Anthony Anex / Keystone (Bern, 12. Juli 2018))

Die Debatte um die Zukunft der Tabakwerbung bewegt die Schweizer Open Airs. Als erste Grossveranstaltung ihrer Art hat das Berner Gurtenfestival vergangenes Wochenende ganz auf Sponsoringgelder der Zigarettenbranche verzichtet. Den Veranstaltern sind so laut eigenen Angaben mehrere hunderttausend Franken entgangen, die der Hersteller British American Tobacco bisher ans Budget beisteuerte. Für die 77000 vornehmlich jungen Besucherinnen und Besucher änderte sich wenig: Es gab wie früher mehrere Partyzelte, einfach ohne Werbung für die Zigarettenmarke «Parisienne».

Gurten-Sprecher Simon Haldemann sagt, der Entscheid zum Verzicht auf Geldgeber aus dem Bereich Tabak und Spirituosen sei über einen Zeitraum von vier Jahren gefallen. «Wir sind einerseits sehr stark auf das Geld von Sponsoren angewiesen. Andererseits wollten wir den Tabakherstellern nicht mehr einen riesigen Auftritt ermöglichen wie bisher. Auch die Verteilung von Gratismustern und Werbegeschenken hat uns widerstrebt.»

Inzwischen hat das Festival Sponsoren gefunden, die den weggefallenen Betrag zu einem grossen Teil kompensieren – das Spektrum reicht von «Schweizer Fleisch» bis zum Elektrizitäts­anbieter EWB. Die öffentliche Resonanz sei sehr positiv ausgefallen, sagt Haldemann, wenn auch mit einer Ausnahme. «Andere Festivals hatten nicht unbedingt Freude an unserem Entscheid, weil sie sich unter Zugzwang gesetzt fühlen.»

«Zigaretten und Alkohol gehören zum Festival»

Tatsächlich: Bei der Konkurrenz des Gurtenfestivals herrscht derzeit wenig Interesse, auf das Geld der Tabakmultis zu verzichten. Mit ein Grund sind jährlich steigende Gagenforderungen der Musiker. «Zigaretten und Alkohol gehören zu unserem Festival», betont die Sprecherin des Open Airs St. Gallen auf Anfrage. Nachdem Philip Morris beim Ostschweizer Festival vor kurzem als Sponsor ausgestiegen war, fand sich schnell Ersatz: Ende Juni rührte statt Philip Morris mit «Chesterfield» Japan Tobacco International mit «Winston» die Werbetrommel im Sittertobel.

Gerade auch kleinere Veranstalter warnen vor höheren Ticketpreisen beim Verzicht auf Tabaksponsoren und zweifeln am präventiven Nutzen von weniger Zigarettenwerbung. Christoph Bill, Leiter des Heitere-Festivals in Zofingen, sagte vergangenen Herbst: «Ich habe nicht das Gefühl, dass wir die Welt verbessern, wenn das Eichhof-Eichhörnchen und der Winston-Adler nicht mehr sichtbar sind.»

Anders sieht dies der Präsident des Berufsverbandes der Haus- und Kinderärzte, Philippe Luchsinger. «Die Zigarettenhersteller sprechen an den Open Airs gezielt ein junges Publikum an. Das ist problematisch.» Der oberste Hausarzt der Schweiz zeigt sich überzeugt, die Festivals könnten auch ohne Zigarettenwerbung überleben. «Ich frage mich, ob sich die Veranstalter genügend bemüht haben, andere Sponsoren zu finden. Ich kann mir vorstellen, dass es einfach bequemer ist, wenn das Geld von den Tabakherstellern kommt.»

Luchsinger ist einer der Mitinitianten der kürzlich lancierten Volksinitiative «Ja zum Schutz der Kinder und Jugendlichen vor Tabakwerbung», die «jede Art von Werbung für Tabakprodukte» verbieten will, «die Kinder und Jugendliche erreicht». Unter das von der Initiative vorgesehene Werbeverbot würde auch das Sponsoring an Open-Air-Festivals fallen. Zur Trägerschaft gehören auch die Ärzteverbindung FMH oder die Krebsliga Schweiz.

Die Initianten wollen die notwendigen 100000 Unterschriften bis Ende Jahr beisammen haben – vor Beginn der parlamentarischen Debatte zum Tabakproduktegesetz: So wollen sie den Druck auf National- und Ständerat erhöhen für schärfere Werbeeinschränkungen. Ob das gelingt, ist offen. Eine Parlamentsmehrheit zeigt bisher wenig Interesse, Tabakwerbung einzuschränken.

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