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Oberster Eisenbahnergewerkschafter kritisiert SBB-Führung: «Die Stimmung ist nicht gut und das seit Jahren»

SEV-Präsident Giorgio Tuti kritisiert knapp zwei Wochen nach dem tödlichen Unfall eines Zugbegleiters in Baden die SBB-Konzernführung.
Lorenz Honegger
Giorgio Tuti. (Bild: Keystone)

Giorgio Tuti. (Bild: Keystone)

Herr Tuti, am Freitag wurde der Zugchef beerdigt, der am 4. August am Bahnhof Baden von einer Zugtüre eingeklemmt wurde und ums Leben kam. Wie ist die Stimmung in der SBB-Belegschaft?

Giorgio Tuti: Wir sind auch mehr als eine Woche später immer noch geschockt, betroffen und traurig.

Der Unfall verstärkt den Eindruck eines Bahnunternehmens in der Krise. Viele Mitarbeiter äusserten Unbehagen über das Krisenmanagement der SBB.

Wir verfolgen genau, was in den Kantinen und Personalräumen diskutiert wird. Die Stimmung ist nicht gut und das seit Jahren. Das hat auch die jüngste Personalzufriedenheitsumfrage gezeigt.

Was sind die Ursachen?

Wir haben Konzernleitungsmitglieder, die sich reihenweise in Sabbaticals verabschieden. Wir haben einen CEO, der einen Millionenlohn bezieht. Die gleichen Manager versuchten bei den Verhandlungen zum Gesamtarbeitsvertrag, den Kündigungsschutz für ältere Arbeitnehmern aufzuweichen, Treueprämien für langjährige Mitarbeiter zu verschlechtern und Ferientage zu reduzieren. Das sind die falschen Signale. Die SBB müssten sich bemühen, ein attraktiver Arbeitgeber zu sein.

Was muss sich ändern?

Zum Beispiel, dass die Mitarbeiter eine angemessene Beteiligung am Gewinn von einer halben Milliarde Franken im Jahr 2018 erhalten. Es geht um Wertschätzung und die Anerkennung der Tatsache, dass das Personal viel geleistet hat. Das sollte selbstverständlich sein, bis jetzt sind wir aber nicht durchgedrungen.

Hat die Identifikation der Belegschaft mit dem Unternehmen gelitten?

Eisenbahner sind stolze Berufsleute, sie wollen den öffentlichen Verkehr vorwärtsbringen. Aber ich höre oft, dass sich Mitarbeiter nicht ernst genommen fühlen. Es reiht sich eine Reorganisation an die nächste, ohne dass sie einbezogen werden. Viele haben das Gefühl, sie seien Nummern auf einer Excel-Tabelle. Wer nicht für voll genommen wird, klinkt sich mental aus.

In einem Grossbetrieb kann man nicht jeden Mitarbeiter einzeln anhören.

Wir haben Gewerkschaften und Personalkommissionen, die den Dialog mit dem Management führen könnten. Aber die Führung ist gar nicht an den Inputs der Angestellten interessiert: Das hat dazu geführt, dass nach einer Reorganisation im Bereich Unterhalt reihenweise qualifiziertes Personal gekündigt hat oder dass die Einsatzplanung der Lokführer völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Die Mitarbeitenden müssen die Fehlentscheide ausbaden und sich vor den Kunden rechtfertigen.

Kritisiert wird auch die Kommunikation der SBB.

Das ist so. Ich kann Ihnen ein aktuelles Beispiel nennen: Ein Bahnmanager sagte diese Woche in einem Interview, dass es Mitarbeitende gebe, welche die Vorgaben des Abfahrtsprozesses an den Bahnhöfen nicht korrekt einhalten. Statt die echten Probleme anzugehen, macht man Schuldzuweisungen.

Die SBB warteten nach dem Unfall von Baden drei Tage, bis sie die Öffentlichkeit informierten. Zurecht?

Ich will nicht über die Gründe der Verzögerung spekulieren. Eine schnellere Kommunikation wäre aber angebracht gewesen.

Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar hat sich bis jetzt gar nicht geäussert.

Der Verwaltungsrat ist für die strategische Ausrichtung zuständig, die Konzernleitung für die operativen Fragen. Dennoch stellt sich die Frage des Fingerspitzengefühls.

Der SEV forderte, dass der beim Unfall involvierte Wagentyp EW4 bis zum Abschluss der Untersuchung von der Schiene genommen wird. Mittlerweile haben Sie von der Forderung wieder Abstand genommen.

Die SBB-Führung predigt das Prinzip «Safety First» als oberste Maxime. Es wäre konsequent gewesen, wenn man den Wagentyp aus dem Verkehr gezogen hätte. Das war offenbar nicht möglich.

Wie geht es weiter?

Die SBB haben versprochen, bis Ende nächste Woche alle 493 Wagen einer Sonderkontrolle zu unterziehen. Wir haben zudem gefordert, dass der Abfahrtsprozess umgekehrt wird: Das heisst, der Zugführer schliesst die Türen und erteilt die Abfahrtserlaubnis wie in Deutschland erst, wenn er im Zug ist.

Ein solcher Regimewechsel dürfte zu weiteren Verspätungen führen.

Wenn der Abfahrtsprozess ein paar Sekunden länger dauert, dann ist es halt so. Ein paar Sekunden sind nicht entscheidender als ein Menschenleben.

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