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Interview

NZZ-Chefredaktor Gujer: «Die einen schreien ‹Lügenpresse›, die anderen ‹Nazis›»

Die «Neue Zürcher Zeitung» macht in Deutschland von sich reden - mit konservativen Kommentaren etwa zur Migrationspolitik. Im Interview mit der CH-Media-Redaktion spricht NZZ-Chefredaktor Eric Gujer über seine Deutschland-Strategie und über die Kritik, seine Zeitung umwerbe die Rechtspopulisten.
Patrik Müller
Mag keine Etiketten und Schablonen: NZZ-Chefredaktor Eric Gujer. (Bild: Keystone)

Mag keine Etiketten und Schablonen: NZZ-Chefredaktor Eric Gujer. (Bild: Keystone)

Als Eric Gujer vor vier Jahren die Chefredaktion der «Neuen Zürcher Zeitung» übernommen hat, schärfte er ihren bürgerlich-liberalen Kurs – und begann, mit digitalen Angeboten gezielt auch Leser in Deutschland anzusprechen. Regelmässig macht die NZZ nun im Nachbarland von sich reden, oft mit konservativen Kommentaren und Beiträgen gegen die politische Korrektheit, wie sie in der linksliberal geprägten deutschen Medienlandschaft kaum zu finden sind. Gujer (57) war früher Korrespondent in Deutschland, Israel und Russland und leitete das Auslandressort der NZZ.

Die NZZ provoziert in Deutschland mit politisch konservativen Artikeln regelmässig Reaktionen. Die linke Zeitung «taz» stellte fest, es gebe in Deutschland einen «Hype um die NZZ». Wie erklären Sie sich das?

Eric Gujer: Die Leserinnen und Leser sind offenkundig neugierig auf unsere nüchtern-kritische Berichterstattung über Deutschland und die Welt. Wir bieten auf einer eigenen Seite für deutsche Kunden eine ausgebaute Berichterstattung unseres Berliner Büros und wir hören immer wieder, wir sollten davon noch mehr machen. Ja, wir sind dabei manchmal sehr kritisch, aber das sind deutsche Medien gegenüber der Schweiz auch. So schrieb der «Spiegel» kürzlich: «Warum die Schweiz zu den rückständigsten Ländern Europas zählt». Lasst uns in Europa diskutieren, wo unsere Stärken liegen und unsere Schwächen! Die Schweiz muss sich da nicht verstecken. Die NZZ ist in dieser Diskussion allerdings die einzige Schweizer Stimme, die in Deutschland Gehör findet.

«Für mich ist die NZZ so etwas wie ‹Westfernsehen›», twitterte der frühere Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maassen. Warum hat sich die NZZ von diesem Label distanziert?

Weil es impliziert, dass die deutschen Medien «Ostfernsehen» sind. Und wer je die Medien der DDR gelesen oder gesehen hat, weiss, dass dieser Vergleich völlig schief wäre. Ausserdem mag ich solche Etiketten und Schablonen nicht, weil sie das Denken zu einfach machen.

Mit den politisch inkorrekten Artikeln, etwa über Migration, holen Sie in Deutschland viele Klicks - und wohl auch Abonnements. Insofern profitieren Sie doch von diesem Label?

Die NZZ profitiert in Deutschland davon, dass sie klar bürgerlich-liberale Positionen vertritt und gegenüber rechts wie links gleichermassen kritisch ist. Wir müssen deshalb mit Kritik von beiden Seiten leben. So provozierte kürzlich ein Kommentar einen Shitstorm bei offensichtlichen AfD-Anhängern, weil wir die enthemmte Sprache der Partei kritisiert und gefragt hatten, inwieweit das rechtsextremer Gewalt Vorschub leistet.

Wie wichtig ist Deutschland als Markt für die NZZ?

Die NZZ hat ein in der Schweizer Zeitungslandschaft einzigartiges Korrespondentennetz. Mittelfristig können wir dies nicht allein aus dem kleinen Schweizer Markt finanzieren. Man hat dann zwei Möglichkeiten. Entweder man macht es so wie der «Tages-Anzeiger» und übernimmt die Korrespondenten der «Süddeutschen Zeitung» und damit den deutschen Blick. Oder man versucht, den Schweizer Blick in Deutschland zu verbreiten und damit im deutschen Markt Geld zu verdienen. Wir haben gegenwärtig rund 14 000 Abonnenten in Deutschland und wachsen von Monat zu Monat. Gleichzeitig erfolgt ein Drittel der Besuche auf nzz.ch von Lesern und Leserinnen aus Deutschland.

Wie viel Wahrheit steckt in Maassens Aussage? Gibt es in der deutschen Medienlandschaft nicht zunehmend Einheitsbrei?

Ich würde es nicht Einheitsbrei nennen, aber bei bestimmten Fragen liegen die Positionen sehr eng beieinander. Besonders augenfällig war dies auf dem Höhepunkt des Flüchtlingsstroms 2015/2016. Da verteidigten die meisten Medien vehement die «Willkommenskultur» und analysierten nicht, dass das zu einer Gegenbewegung führen würde. Wir haben frühzeitig davor gewarnt, dass eine unkontrollierte Migration den Rechtspopulisten Auftrieb geben wird. Das ist dann auch leider eingetreten.

Sie lebten lange in Deutschland. Wie hat sich die Medienlandschaft verändert?

Es hat sich weniger die Medienlandschaft als die Gesellschaft insgesamt verändert. Die Polarisierung hat in den letzten Jahren massiv zugenommen und damit die Neigung, nur noch die eigene Meinung gelten zu lassen. Die einen schreien «Lügenpresse», die anderen «Nazis». Beide Seiten treten extrem moralisierend auf. In diesem Klima hat es eine offene Debatte natürlich schwer.

Einen kleinen Shitstorm löste ein Artikel aus, in dem es hiess, in deutschen Städten gebe es immer weniger «Ur- oder Biodeutsche». Darauf wurde der NZZ vorgeworfen, sich bei der AfD-Kundschaft anzubiedern. Ging dieser Text zu weit?

Der Duden definiert das Wort «Bio-Deutscher» ganz neutral: mit deutscher Herkunft und in Deutschland lebend. Überdies ist es sachlich zutreffend, dass Deutsche ohne Migrationshintergrund in vielen Städten in der Minderheit sind. Dennoch haben wir uns dafür entschieden, den Begriff in einer zweiten Version zu entfernen. Wir bedauern, dass der Begriff im Umfeld eines so kontroversen Themas wie der Migration zu Missverständnissen geführt und Emotionen geweckt hat. Niemand sollte sich an einem einzelnen Wort festbeissen, auch die NZZ nicht. Wer auf seine Leser eingeht, nimmt sie ernst und steigert so seine Glaubwürdigkeit.

Hinweis: An CH Media, die dieses Onlineportal betreibt, sind die AZ Medien und die NZZ-Gruppe (Verlegerin der NZZ) zu je 50 Prozent beteiligt.

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