Die App – ein Flop? Nur wenige werden wegen Warnung positiv getestet, jetzt wird pikante Forderung laut

Die Swisscovid-App spielt in der zweiten Welle wegen tiefer Nutzerzahlen bloss eine marginale Rolle. Jetzt sollen die Codes zur Benachrichtigung der Kontakte direkt durch Ärzte und Spitäler ausgegeben werden.

Leo Eiholzer
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Die Swisscovid-App schöpft in der Corona-Bekämpfung ihr Potenzial noch nicht aus.

Die Swisscovid-App schöpft in der Corona-Bekämpfung ihr Potenzial noch nicht aus.

Bild: Imago

Im Lockdown waren die Hoffnungen in die Technologie gross. Ein Programm auf dem Handy sollte die Schweiz vor der zweiten Viruswelle bewahren. Es erschienen Medienberichte mit Titeln wie «Per Handy aus dem Lockdown». Selbst die nüchterne «Neue Zürcher Zeitung» titelte: «Wie eine Smartphone-App das Virus stoppen könnte». Auch Experten stiessen in dieses Horn, wenn auch etwas vorsichtiger. Digital-Epidemiologe Marcel Salathé sagte, falls die Fallzahlen wieder steigen, seien wir viel besser vorbereitet, denn: «Gerade die Contact-Tracing-App macht da einen riesigen Unterschied».

Heute, mitten in der zweiten Welle, spielt die Swisscovid-App nur eine marginale Rolle. Das gibt selbst Il-Sang Kim zu, der beim Bundesamt für Gesundheit das App-Projekt leitet. Er sagt: «Bisher wurden mindestens 220 Personen positiv getestet, die wegen einer Warnung der App zum Test gingen.» Eine verschwindend kleine Zahl, bei fast 100'000 positiven Tests alleine im Oktober. Nur auf knapp 1,9 Millionen Handys läuft die App.

Gibt das BAG bald selbst die Cdoes aus?

Die Software funktioniert gut – das Problem sind die zu tiefen Nutzerzahlen. Doch die App kämpft auch mit anderen Punkten. Seit Monaten gibt es Berichte, dass die Codes, die man eingeben muss, um Kontakte nach einem positiven Test zu warnen, von den Kantonen viel zu spät ausgegeben werden. Die Probleme sind immer noch nicht behoben – und mit zunehmenden Fallzahlen werden sie schlimmer. Die Schweiz am Wochenende weiss von einer Person, die am Donnerstag positiv getestet wurde und den Code erst am Montag erhielt. Salathé sagt: «Natürlich ist das ein grosses Problem. Im Idealfall wäre die Swisscovid-App eine superschnelle Form des Contact-Tracings. Deshalb müssen wir das unbedingt verbessern.» Die offizielle Statistik des Bundes zeigt: In jedem vierten Fall dauert es sechs oder mehr Tage vom Beginn der Symptome bis der Code ausgestellt wird. Zeit, in der die Kontakte schon ansteckend sein könnten.

Il-Sang Kim, Leiter Abteilung für digitale Transformation beim BAG.

Il-Sang Kim, Leiter Abteilung für digitale Transformation beim BAG.

Keystone

Il-Sang Kim, Leiter der Abteilung digitale Transformation beim BAG stellt Abhilfe in Aussicht: «Wir sind kurz davor, dass Ärzte und Spitäler die Codes selbst ausstellen können. Das spart viel Zeit.» Die neue Regelung sei mit Spital- und Ärzteverbänden bereits abgesprochen, die Teilnahme soll aber freiwillig sein. Mediziner könnten sich also weigern, Codes auszustellen. Dann muss der Kanton wieder übernehmen. Laut Kim prüft das Bundesamt für Gesundheit zudem, ob das BAG selbst die Codes ausstellen könnte.

Die tiefen Fallzahlen sind rätselhaft. Bei einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des SRF gaben im Frühling noch zwei Drittel der Bevölkerung an, eine Tracing-App installieren zu wollen. Die Entwickler der App kämpften mit vollem Einsatz dafür, dass die Software alle Idealvorstellungen erfüllt: Anonym, dezentral, einfach. Überwachungsbedenken sind völlig unbegründet, da der Quellcode der App offen gelegt wurde und deshalb jeder sehen kann, was die Software auf dem Telefon macht.

«Kommunikativ lief nicht alles so wie gewünscht»

Alle Wünsche wurden erfüllt, und trotzdem sind die Nutzerzahlen viel tiefer als erhofft. Was lief schief? Marcel Salathé, geistiger Vater der App und ETH-Professor, korrigiert im Gespräch: «Technisch konnten wir wirklich fast alles umsetzen, was wir wollten. Kommunikativ lief nicht alles so wie gewünscht». Am Anfang sei viel mehr über die Überwachungsängste gesprochen worden als über die Hilfe, die die App bei der Bekämpfung der Pandemie bieten könnte, sagt Salathé. Damit zielt er vor allem auf die Medien. Zudem sei der Zeitpunkt der Lancierung Ende Juni nicht ideal gewesen: «Es war einer der Tage mit den tiefsten Fallzahlen des ganzen Jahres. Die Leute freuten sich auf einen entspannten Sommer und wollten nicht an Covid denken.»

ETH-Professor Marcel Salathé ist der geistige Vater der Corona-App.

ETH-Professor Marcel Salathé ist der geistige Vater der Corona-App.

Keystone

Wurden auch seine Hoffnungen in die App enttäuscht? «Jein», sagt Salathé. «Die App kann noch mehr, vor allem wenn die Benutzerzahlen steigen. Aber auch schon jetzt ist sie eine grosse Unterstützung für das manuelle Contact Tracing. Wir haben zudem immer gesagt, dass die App keine eierlegende Wollmilchsau wird.»

Die Verantwortlichen beim BAG scheinen alles versucht zu haben, um die App unter die Leute zu bringen. Il-Sang Kim, Leiter der Abteilung digitale Transformation, sagt: «Uns wird zum Beispiel immer wieder vorgeworfen, wir würden zu wenig mit Influencern werben. Dabei haben wir sehr viele Influencer und Prominente angefragt. Natürlich haben wir auch Geld in die Hand genommen.» Er sei aber ziemlich überrascht worden: «Sehr viele wollten nicht mitmachen, weil sie Sorge hatten, dass ihr Image beschädigt wird. Etwa, weil ihre Fans fälschlicherweise Überwachung durch die App befürchten.»

Auch Kim sagt: «Ja, die App hätte viel besser wirken können.» Sowohl er als auch Salathé haben noch die Hoffnung, die Nutzerzahlen zu steigern. «Jetzt, wo das Virus wieder mehr ins Bewusstsein rückt, sehen wir deutlich mehr aktive Apps», sagt Salathé. Im Oktober stieg die Zahl um etwa 200'000 auf rund 1,8 Millionen. Doch dort verharrt sie mehr oder weniger seit einer Woche. Ist das Plateau erreicht? Kim sagt, das sei möglich. «Aber wir tun alles dafür, um die Zahlen zu steigern.»