«Nur die kleine Spitze des Eisbergs»

Der IKRK-Chef Peter Maurer findet die Trennung von politischen und wirtschaftlichen Flüchtlingen veraltet. Um Missbräuche aufzufangen, plädiert Maurer im Gespräch mit unserer Zeitung für ein Eingreifen direkt entlang der Flüchtlingsströme.

Anna Kappeler
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Herr Maurer, Sie sprechen in Stein am Rhein vor künftigen Führungskräften über die humanitäre Weltsicht. Was versprechen Sie sich davon?

Peter Maurer: Einiges. Heute sind die Probleme global, folglich müssen auch die Lösungen global angegangen werden. Künftige Wirtschaftskräfte sollten keine rein ökonomische Weltsicht mehr haben.

Konkret: Sollen CEOs Flüchtlinge beschäftigen oder Ihnen einen Scheck ausfüllen?

Maurer: Es ist zu einfach, nur unmittelbar nach einem Tatbeweis zu fragen. Jede Eigeninitiative ist gut. Aber nur damit ist kein Problem gelöst. Die Flüchtlingswelle ist ein tiefes politisches Problem. Künftige Wirtschaftsführer sollen sich politisch engagieren. Und zwar nicht nur, wenn unmittelbare kommerzielle Interessen vorhanden sind. Sondern grundsätzlich.

Das klingt für uns nach Wunschdenken.

Maurer: Nicht unbedingt. Je mehr ich mit führenden Wirtschaftskräften spreche, desto stärker spüre ich ein wachsendes Bewusstsein dafür, über den eigenen Gartenzaun hinauszuschauen. Die aktuelle Flüchtlingswelle wird tiefe Veränderungen in der Arbeitswelt hinterlassen. Die meisten dieser Menschen werden nicht mehr zurückgehen. Also müssen sie früher oder später in den Arbeitsprozess integriert werden. Hier ist die Wirtschaft gefragt.

Sie haben viele kriegerische Konflikte hautnah erlebt. Wie gravierend ist die aktuelle Flüchtlingskrise im Vergleich?

Maurer: Weltweit sind heute so viele Vertriebene auf der Flucht wie nie mehr seit dem Zweiten Weltkrieg. Schauen wir jedoch nur Europa an, ist es nicht mehr so eindeutig: Der grösste Teil der Vertriebenen lebt immer noch im Konfliktland. Daran haben auch die letzten paar Wochen und Tage nichts geändert. In Europa sehen wir nur die kleine Spitze des Eisberges aller Vertriebenen.

Warum kommen gerade jetzt so viele Flüchtlinge? Der Krieg in Syrien dauert bald fünf Jahre, der IS mordet auch nicht erst seit einigen Monaten.

Maurer: Das kommt für das IKRK nicht ganz überraschend. Syrien war vor fünf Jahren ein Land mittleren Einkommens. Die Vertriebenen hatten Reserven, konnten Geld in Sicherheit bringen, später bei Verwandten unterkommen. Je länger der Konflikt dauerte, desto schwieriger wurde es. Das Ersparte war aufgebraucht, niemand in der Familie konnte mehr helfen.

Dieser Punkt kommt ja aber nicht bei allen gleichzeitig.

Maurer: Irgendwann läuft das Fass über. Entsteht erst einmal eine Massenbewegung, ist sie schwierig zu stoppen.

Die Öffentlichkeit musste zuerst durch Bilder wie die des toten Jungen wachgerüttelt werden. Zuerst wollten alle helfen, jetzt haben etwa Deutschland und Österreich wieder Grenzkontrollen eingeführt. Kippt die Solidarität bereits wieder?

Maurer: Die Solidarität war das Problem.

Wie meinen Sie das?

Maurer: Man muss Ursache und Wirkung betrachten. Die Grundidee einer europäischen Solidargemeinschaft wäre ja: Bei einem Problem hilft man sich gegenseitig. Die Art und Weise, wie die Erstempfangsländer die Flüchtlinge behandelten, machte es für die Zweitländer schwierig, die Grenzen offen zu halten. Frau Merkel wollte mit ihrer Willkommens-Haltung Führerschaft und Humanität zeigen in Europa. Nur: Macht man das, und die anderen Länder ziehen nicht mit, hat man ein Problem.

Wieso nehmen die arabischen Länder nicht mehr Flüchtlinge auf? Beim gleichen Kulturkreis dürfte die Integration einfacher sein.

Maurer: Es ist eine falsche europäische Sichtweise, dass arabische Vertriebene in arabischen Ländern besser aufgehoben sind. Wäre es so, gingen die Leute in diese Regionen. Tun sie aber nicht. Entscheiden Menschen, ihr Leben vor Ort ist nicht mehr lebenswert, kann das auch rationale Gründe haben.

Das wären dann sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge.

Maurer: Nicht zwingend. Die Motive sind vielfältig. Jemand ist nicht entweder ein politischer oder ein wirtschaftlicher Flüchtling. Die Rechtslage macht hier zwar eine scharfe Trennung, aber in der Realität mischen sich die Motive meistens.

Wenn Sie sagen, dass es Mischformen gibt, ist das doch Wasser auf die Mühlen der SVP. Laut dieser handelt es sich vielfach nur um Wirtschaftsflüchtlinge.

Maurer: Für mich ist unbestritten, dass die Leute, die jetzt reisen, verletzlich sind. Niemand reist ohne Grund, niemand will flüchten. Um die Verletzlichkeit dieser Menschen zu beurteilen, dafür gibt es das IKRK. Bei solchen Problemen muss man mit der Formaljuristerei aufhören.

Wie kann die Politik der Flüchtlingswelle denn realistisch und empathisch begegnen?

Maurer: Es gibt kein Patentrezept, wie mit Flüchtlingsströmen umgegangen werden soll. Aber wenn man entlang der Flüchtlingsströme dort eingreift, wo Leute verletzlich sind, ihnen elementare Gesundheitsleistung und ein Dach über dem Kopf gewährleistet, wenn sie sauber registriert und gerecht verteilt werden, können zumindest gewisse Missbräuche aufgefangen werden.

Kommen wir ins Inland. Die Schweiz ist von der Flüchtlingswelle bisher kaum betroffen. Woran liegt das?

Maurer: Eine Rolle spielt die Diaspora. Wenn Leute auseinander getrieben werden, fangen Loyalitäten zu spielen an. So entstehen Dynamiken.

Die Schweiz nimmt im Vergleich mit anderen Ländern pro Kopf überdurchschnittlich viele Flüchtlinge auf. Sind wir diesbezüglich ein Musterknabe?

Maurer: Das nicht. Aber wir haben eine Politik, die sich zeigen kann. Angesichts der aktuellen Zahlen und Probleme müsste die Schweiz aber mehr Menschen aufnehmen. Und eine grössere Bereitschaft zeigen, um über die europäische Flüchtlingsverteilung zu sprechen. Alle Länder müssen nun zusammen einen Weg finden.