Neuer Bericht
Schwere Vorwürfe: Amnesty International spricht von systemischer Gewalt und Misshandlungen in Bundesasylzentren

Die Menschenrechtsorganisation hat Fälle dokumentiert, in denen private Sicherheitsleute Migranten misshandelt haben sollen. Der Bund habe zu wenig Kontrolle über das Sicherheitspersonal, warnt Amnesty - und spricht gar von möglicher Folter in den Zentren.

Lucien Fluri
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In mehreren der Schweizer Bundesasylzentren will Amnesty International Gewaltvorfälle dokumentiert haben.

In mehreren der Schweizer Bundesasylzentren will Amnesty International Gewaltvorfälle dokumentiert haben.

Kennet Nars

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International erhebt schwerste Vorwürfe gegen das Staatssekretariat für Migration. Laut einem Bericht sollen private Sicherheitsleute in den Bundesasylzentren mehrfach Migranten schwer misshandelt haben. Die dokumentierten Fälle hätten ein Ausmass, dass man von systemischer Gewalt sprechen könne, schreibt Amnesty International. In einzelnen Fällen könne gar der Tatbestand der Folter erfüllt sein.

«Die Resultate unserer Recherche zeigen, dass die Behörden diese Misshandlungsvorfälle nicht weiter als Handlungen einzelner Übeltäter betrachten können.» Es brauche dringend «Massnahmen». Es fehlten insbesondere Kontrollmechanismen gegenüber dem Sicherheitspersonal, etwa Anlaufstellen für Whistleblower.

Mehrere Personen mussten ins Spital gebracht werden

Amnesty hatte Interviews mit 32 Personen geführt, darunter Betreuer, Rechtsanwälte und ehemalige Sicherheitsangestellte sowie in Strafanzeigen und interne Dokumente Einblick genommen. Befragt wurden auch 14 Asylsuchende, darunter zwei Kinder. Sie berichteten laut der Organisation von Schlägen, vom Einsatz von Pfefferspray, von Personen, die in Metallcontainer eingesperrt wurden, was in einem Fall zu Unterkühlung führte.

«Sechs der Betroffenen mussten wegen ihrer Verletzungen im Spital behandelt werden, zweien wurde eine medizinische Behandlung verweigert», schreibt Amnesty International. Zudem habe man von «Feindseligkeit, Vorurteilen und Rassismus gegen Menschen in den Zentren» erfahren, wie Alicia Giraudel, Juristin bei Amnesty International Schweiz, erklärt.

Bund hat Abklärungen eingeleitet

Das Staatssekretariat für Migration will laut einer Stellungnahme den Vorwürfen nachgehen. Man akzeptiere «keinen unverhältnismässigen Zwang gegenüber Asylsuchenden».

Nach ähnlichen Medienberichten vor wenigen Wochen hatte die Behörde bereits Alt-Bundesrichter Niklaus Oberholzer mit einer Untersuchung beauftragt. Zudem weist das Staatssekretariat den Vorwurf, systematischer Menschenrechtsverletzungen «in aller Form zurück». Folter von Unrechtsregimes habe nichts mit dem Alltag in Schweizer Asylzentren zu tun.