Neuenburg fürchtet, Moslems zu provozieren

40 Kunstprojekte wurden für die Neuenburger Millenniumsfeier ausgewählt, diskutiert aber wird nur über The Cube des deutschen Raumkünstlers Gregor Schneider. Kritiker sehen in dem Kunstwerk die Kaaba von Mekka nachgebildet – und fürchten deshalb die Provokation.

Denise Lachat
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Gregor Schneider und sein Cube: «Nur eine schwarze Kiste.» (Bild: getty images/Bloomberg)

Gregor Schneider und sein Cube: «Nur eine schwarze Kiste.» (Bild: getty images/Bloomberg)

Neuenburg. The Cube: Das ist eine holzverschalte Metallkonstruktion mit einer Kantenlänge von 14 Metern, die mit einem samtenen schwarzen Stoff bespannt ist. Das Werk hat der deutsche Raumkünstler Gregor Schneider geschaffen als Hommage an das «schwarze Quadrat auf weissem Grund» des russischen Künstlers Kasimir Malewitsch und an die Kaaba von Mekka. Aufgestellt wurde The Cube bisher ein einziges Mal, und zwar in Hamburg im Jahr 2007.

Geht es nach dem Willen des Neuenburger Centre D'Art (CAN), dann steht der Kubus bald ein zweites Mal im öffentlichen Raum: nächstes Jahr vom 22. Juli bis zum 6. September im Rahmen der Millenniumfeier der Stadt Neuenburg.

Rücktritt aus Protest

Nachdem bereits Städte wie Venedig, Berlin und London das Werk abgelehnt haben, gehen allerdings auch in Neuenburg die Wogen hoch.

Insbesondere, seit der Präsident des Organisationskomitees, Daniel Burki, im April unter Protest von seinem Amt zurückgetreten ist. Wer glaube, Schneiders Cube werde in der moslemischen Welt nicht provozieren, sei blauäugig, warnte Burki. Gerade die Schweiz, die ein Bauverbot für Minarette beschlossen habe, könne nicht wochenlang eine Kaaba in Miniatur aufstellen.

Die Kaaba am Neuenburgersee? «Ach woher», sagt der Künstler, er entführe doch kein Heiligtum aus Mekka in die Schweiz. «Das ist eine simple schwarze Kiste, alles andere ist Interpretation.»

«Faszinierende Konstruktion»

Natürlich sei der Cube von der Kaaba inspiriert, erzählte Schneider dem Publikum in Neuenburg. Den Anstoss dazu habe ihm ein moslemischer Freund gegeben. «Er sagte zu mir: Wenn Du etwas über Räume wissen willst, musst Du Dich mit der Kaaba beschäftigen.

» Schneider, der international bekannte Raumkünstler, entdeckte in Mekka nicht nur eine der «faszinierendsten und schönsten Konstruktionen der Welt», sondern erfuhr auch, dass das arabische Wort Kaaba auf Deutsch «würfelartiger Bau» heisst. Zugeordnet wird er Abraham. «2000 Jahre vor Christus und damit in vorislamischer Zeit gebaut, können sich alle drei monotheistischen Religionen mit dem Bauwerk identifizieren», sagt Schneider. Und er ergänzt, dass der Islam eine Abbildung der Kaaba nicht verbiete.

«An jedem Döner-Stand in Deutschland hängt ein Kaaba-Bild.»

Universelles Pendant

Trotzdem wurde Schneiders «schwarze Kiste » 2005 in Venedig und 2007 in Berlin «wegen ihrer politischen Natur» abgelehnt. Dabei habe sie in Hamburg nach anfänglichen Protesten sogar als soziale Plattform funktioniert.

Am Informationsabend in Neuenburg ist es Hafid Ouardiri, der dem deutschen Künstler gratuliert.

«Nein, ich fühle mich durch den Kubus als Moslem keineswegs verletzt», sagt der langjährige frühere Sprecher der Genfer Moschee. Im Gegenteil: Schneider habe ein religiöses Bauwerk in ein universelles Pendant übersetzt, das sei eine Einladung zum Zusammenleben. Ähnliche Reaktionen erhält CAN-Direktor Arthur de Pury auch von den moslemischen Organisationen Neuenburgs. «Sie haben nichts gegen das Projekt.

Sie befürchten höchstens, die christliche Bevölkerung könnte denken, die Moslems nähmen zu viel Platz ein.»

Sponsoren zögern

Ob der Cube tatsächlich ein zweites Mal errichtet wird, bleibt trotz dieser ermunternden Reaktionen offen. Zwar stützt die Neuenburger Stadtregierung das Vorhaben, doch die FDP und die SVP opponieren im Parlament gegen das Projekt, und die aufgeregten Leserbriefe in den lokalen Medien reissen nicht ab. Die unselige Polemik erschwere die Suche nach Sponsoren, seufzt CAN-Direktor de Pury.

Denn Steuergelder gibt es für das rund 400 000 Franken teure Cube-Projekt nicht. Vielen Unternehmern gefalle das Werk, doch sei ihnen ein Sponsoring zu gewagt.