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Nervensache Job

43 Prozent der Angestellten wünschen Kurse, in denen sie lernen, wie mit psychischen Belastungen umzugehen ist. Das geht aus einer neuen Studie der Fachhochschule St. Gallen hervor. Gesundes Führen werde immer wichtiger.
Diana Bula
Verzweifelt am Bürotisch: 35 Prozent der Befragten gaben an, dass die Arbeit sie psychisch belaste. (Bild: Hanspeter Schiess)

Verzweifelt am Bürotisch: 35 Prozent der Befragten gaben an, dass die Arbeit sie psychisch belaste. (Bild: Hanspeter Schiess)

«Ein höhenverstellbarer Schreibtisch ist nett, damit allein werden Arbeitnehmer aber nicht glücklich», sagt Markus Grutsch, Arbeitspsychologe an der Fachhochschule St. Gallen. Und meint damit: In Betrieben, in denen ergonomisches Mobiliar, klare Pausenregelungen und gesundes Essen in der Kantine bereits zum Standard gehören, rückt die psychische Gesundheit in den Fokus. Das zeigt die Studie, an der Grutsch mit seinem Team in den vergangenen zwei Jahren gearbeitet hat und die nun vorliegt: 43 Prozent der Angestellten brauchen Schulungen zu psychischen Belastungen.

Fragen im Lift

54 Prozent der 300 online befragten Angestellten aus der Dienstleistungsbranche betonten den «hohen Zeitdruck», den sie bei der Arbeit haben. 35 Prozent der Teilnehmer gaben an, «grosse psychische und emotionale Belastungen» zu verspüren. Der Studienautor ist überzeugt: «Es ist an der Zeit, dass Chefs ein Führungsverständnis entwickeln, das auch psychische Faktoren wie Stress einbezieht.»

Gesundes Führen nennt sich das; noch ist der Begriff ziemlich unbekannt. Das sagt nicht nur Grutsch, das sagen auch die Umfrageteilnehmer: 66 Prozent der Befragten meinten, dass ihre Vorgesetzten noch nicht so leiten. Aufgaben nicht nur aufgrund von Kompetenzen verteilen, sondern abhängig von Zeitbudget und Kraft der Mitarbeitenden, das versteht Grutsch etwa darunter. Oder Angestellte immer wieder nach dem Wohlergehen fragen – «nicht nur beim Mitarbeitergespräch, auch zwischendurch». Im Gang, im Lift.

Belastung oder Ressource?

«Gesundes Führen ist keine Zusatzaufgabe. Es geht darum, Führung überhaupt als gesundheitsfördernden Faktor wahrzunehmen», sagt Annette Nitsche von der Fachstelle Betriebliche Gesundheitsförderung des Kantons St. Gallen. Und nennt Beispiele, wie das gelingt: gute Leistungen wertschätzen, Feedback geben, am Menschen interessiert sein, mit den Mitarbeitenden realistische Ziele vereinbaren, transparent entscheiden… «Das Führungsverhalten hat den grössten Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit der Angestellten. Vorgesetzte können eine wichtige Ressource sein, aber auch eine grosse Belastung.» Es brauche zudem Angebote zum konstruktiven Umgang mit persönlichen Belastungen, sagt Nitsche. «Den Energiehaushalt in Balance halten» oder «Gezielt und richtig entspannen»: So und ähnlich heissen Seminare, welche die Fachstelle anbietet. Die Teilnehmer erfahren, was die Anzeichen für Erschöpfung sind, wie man sich auch im Büro entspannt.

Arbeit ist in der Schweiz eines der höchsten Güter. «Wer nicht leistungsfähig ist, fühlt sich schnell als Versager», sagt Urs Braun, Leitender Psychologe an der Psychiatrischen Klinik Wil. Deshalb dauere es meist zu lange, bis sich ein Mitarbeiter zu einem Nein durchringe und eine Aufgabe ablehne. Der Mensch sei, biologisch betrachtet, ein Sammler und Jäger mit klarem Tagesablauf; der schnelllebigen Arbeitswelt aber fehle der Rhythmus. «Wir meinen, dauernd erreichbar sein zu müssen. Unsere Ruhephasen fallen dadurch zu kurz aus.» Auch Grossraumbüros könnten durch «ständigen, unkontrollierbaren Input» stressen, sagt Braun. Und die optimierten Abläufe in den Firmen würden Mitarbeitern zu wenig Freiräume lassen – «so dass kaum Zeit bleibt für einen Schwatz».

Innert 48 Stunden in die Klinik

Bei einigen Firmen ist Stressprävention durchaus bereits ein Thema. Die St. Galler Kantonalbank sensibilisiert Kadermitarbeiter in der Weiterbildung entsprechend, wie Mediensprecher Simon Netzle sagt. Ausserdem können sich Mitarbeitende bei Problemen von der externen Firma Movis beraten lassen. Netzle: «Diese bietet individuelle Unterstützung bei betrieblichen Themen sowie bei persönlichen Fragen, Gesundheit oder Finanzen.» Ist ärztliche Hilfe nötig, erhalten die Mitarbeiter in der Klinik Teufen, die auf psychosomatische ambulante Behandlungen spezialisiert ist, innert 48 Stunden einen Termin. «Die Kosten für die ersten drei Sitzungen übernimmt die Arbeitgeberin.»

Der Versicherungskonzern Helvetia – er arbeitet ebenfalls mit der Firma Movis zusammen – bietet laut Mediensprecher Jonas Grossniklaus zudem interne Kurse wie «Stress und Burn-out – Was ich darüber wissen muss» an. In der Führungsausbildung sei das Modul «Gesund führen – sich und andere» Pflicht. 2016 wird es eine Neuerung geben: Vorgesetzte sprechen dann die psychische und physische Gesundheit im Jahresgespräch an.

Markus Grutsch begrüsst die Massnahme, gibt allerdings zu bedenken: «Wenn Mitarbeiter Belastungen thematisieren, darf das nicht zu einer schlechteren Qualifikation führen.» Misstrauen wäre Gift für die ersten Schritte auf diesem Terrain.

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