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Bevölkerung weiss zu wenig Bescheid über Naturgefahren

Beim Bergsturz im Bergell haben die Warnsysteme funktioniert. Die Schweiz ist zwar generell gut vorbereitet für den Umgang mit Naturgefahren. Doch es bleiben einige Defizite. Der Bundesrat will sie beheben.
Kari Kälin
Luftaufnahme von Bondo nach dem zweiten Murgang: Die Erdmassen türmen sich meterhoch. (Bild: Miguel Medina/AFP (25. August 2017))

Luftaufnahme von Bondo nach dem zweiten Murgang: Die Erdmassen türmen sich meterhoch. (Bild: Miguel Medina/AFP (25. August 2017))

Kari Kälin

Es ist ein Jahrhundertereignis: Vier Millionen Kubikmeter Gestein sind am Mittwoch vom 3369 Meter hohen Piz Cengalo ins Val Bondasca, einem Seitental des unteren Bergells, mit einem Tempo von 250 Stundenkilometern gestürzt. Eine gewaltige Schlammlawine wälzte sich hinunter bis ins 200-Seelen-Dorf Bondo. Am Freitagnachmittag folgte erneut ein Murgang. Mit weiteren Murgängen und Felsabbrüchen sei zu rechnen, teilte gestern die Kantonspolizei Graubünden mit. Spezialisten des kantonalen Amts für Wald und Naturgefahren sowie ein Geologe würden die Lage laufend beurteilen.

In Bondo wurden zahlreiche Gebäude zerstört, verletzt wurde im Dorf selber bis jetzt niemand – dank rechtzeitiger Evakuierung. Für die acht Wanderer, die am Mittwoch im Val Bondasca unterwegs waren, besteht indes keine Hoffnung mehr. Sie seien vom Bergsturz erfasst worden, teilte die Polizei mit. Man habe alle möglichen Mittel ausgeschöpft, um die Vermissten zu finden. Bei den Toten handelt es sich um vier Deutsche, zwei Österreicher und ein Paar aus dem Kanton Solothurn. Derweil sind weiterhin mehr als 100 Einsatzkräfte vor Ort.

SWITZERLAND LANDSLIDE (Bild: GIAN EHRENZELLER (KEYSTONE))
SWITZERLAND LANDSLIDE (Bild: GIAN EHRENZELLER (KEYSTONE))
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Mudslide after another eruption in Bondo, South Switzerland (Bild: GIAN EHRENZELLER (EPA KEYSTONE))
SWITZERLAND MUDSLIDE (Bild: GIAN EHRENZELLER (AP Keystone))
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Bild: Keystone
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Bergsturz im Bergell

14 Millionen Franken für Warnungen und Vorhersagen

Rebekka Reichlin, Sprecherin des Bundesamtes für Umwelt (Bafu), lobt die Bevölkerung von Bondo. «Sie hat alles richtig gemacht. Sie war über die mögliche Gefährdung informiert und hat die Aufforderung zur Evakuierung rasch befolgt.» Dass der Bergsturz im Bergell nicht mehr Unheil anrichtete, ist einem Lernprozess im Umgang mit Naturgefahren zu verdanken. Die Schweiz habe die Lehren aus den vergangenen Ereignissen gezogen und in den letzten Jahrzehnten in vielen Bereichen deutliche Fortschritte erzielt, schreibt der Bundesrat in einem aktuellen Bericht von August 2016. Und: «Gefahrenkarten für Hochwasser, Rutsch- und Sturzgefahren und Lawinen liegen in allen Siedlungsgebieten und entlang wichtiger Infrastrukturen schweizweit weitgehend vor.» Zudem wurden nach dem Hochwasser in den Jahren 2005 und 2007 nochmals Milliarden in Schutzbauten investiert. Und für die Vorhersage und Warnung aller Naturgefahren wendet der Bund jährlich gut 14 Millionen Franken auf.

Der Bundesrat hat im Gefahrenmanagement aber auch Mängel festgestellt. «Die von Risiken Betroffenen sind oft unzureichend über Naturgefahren, Risiken und mögliche Schutzmassnahmen informiert», heisst es im Bericht. Der Bund will deshalb die Risikokommunikation verbessern. Er unternehme deshalb grosse Anstrengungen für den Ausbau des Naturgefahrenportals für die Bevölkerung ( www.naturgefahren.ch ) sowie einer gemeinsamen Informationsplattform für Experten, sagt Bafu-Sprecherin Reichlin. Als ungenügend bewertet der Bundesrat auch die Förderung von Forschung und Entwicklung zum Umgang mit Naturgefahren. Nun sollen Wissenslücken geschlossen und vermehrt neue Technologien genutzt werden.

Die Gefahr von Hochwasser, Waldbränden oder Lawinen wird in der Schweiz gut erfasst. Bei spezifischen Phänomenen, wie zum Beispiel Rutschungen in Wildbächen, würden hingegen vergleichbare, flächendeckende Daten fehlen, schreibt der Bundesrat. Dies gelte auch bei Geschiebeaufkommen in Gebieten mit Permafrost. Permafrost ist dauerhaft gefrorener Boden und kann in der Schweiz oberhalb von rund 2400 Metern über Meer vorhanden sein. Wenn der bisher stabile Boden auftaut, besteht die Gefahr, dass Bäche mehr Geröll und Schlamm ins Tal transportieren.

Gemäss Bafu-Sprecherin Reichlin ist das vom Bundesrat monierte Defizit Teil der Unsicherheit bei der Gefahrenbeurteilung. Prognosen über die Grösse von Murgängen, die aus Bergsturzablagerungen entstünden, seien generell äussert anspruchsvoll. «Deshalb ist es auch so schwierig, die betroffenen Gebiete zu erkennen», so Reichlin. Mit einem gezielten Monitoring will der Bundesrat solche Veränderungen besser beobachten. Er setzt dabei auf Technologien wie moderne Radarsysteme oder qualitativ gute Fotos aus der Luft. Der Bundesrat will das Risikomanagement ohne Mehrkosten verbessern – durch das Setzen von Prioritäten in den zuständigen Bundesämtern.

Schweizweit gibt es rund ein Dutzend Murgang-Warnanlagen

Im Bergell hat die Alarmierung geklappt. Das ist nicht zuletzt auf ein Naturereignis im Jahr 2011 zurückzuführen. Schon damals kam es am Piz Cengalo zu einem gewaltigen Bergsturz. Die Behörden installierten darauf ein automatisches Murgang-Warnsystem, das am Mittwoch rechtzeitig auf die nahenden Geröllmassen hinwies. «Das Warnsystem hat sehr gut funktioniert», sagt Hugo Raetzo, der in Bondo die lokalen Behörden unterstützt. Raetzo ist im Bundesamt für Umwelt unter anderem zuständig für Schutzbauten und Frühwarnsysteme. Laut Raetzo gibt es in der Schweiz rund ein Dutzend Murgang-Warnanlagen wie die in Bondo. Sie würden nur an Orten eingerichtet, wo ein möglicher Murgang mit Sicherheit durchfliesse. Die bekannteste Murgang-Warnanlage befindet sich im Pfynwald bei Leuk VS. Dort würde im Ernstfall der Campingplatz evakuiert, wie die Schweizerische Depeschenagentur meldet. Weitere Anlagen existieren am Schipfenbach in Silenen im Kanton Uri oder in der Drun in Sedrun im Kanton Graubünden.

Seit 1946 verloren in der Schweiz wegen Murgängen und Rutschungen in Siedlungsräumen 74 Menschen ihr Leben. Dies zeigt eine aktuelle Studie der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). Allein 13 Opfer gab es im Oktober 2000 nach einem Erdrutsch in Gondo im Kanton Wallis zu beklagen.

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