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NATIONALSPRACHEN: «Das Rätoromanische ist quicklebendig»

Vor exakt 80 Jahren ist das Rätoromanische Nationalsprache geworden. Der Romanist Rico Franc Valär verfasste seine Doktorarbeit zu diesem Thema. Der 36-Jährige über die seinerzeitige Anerkennung und die Zukunft des Rätoromanischen.
Richard Clavadetscher
«Bezüglich Erhalt dieser Sprache bin ich Optimist.» Rico Franc Valär Design. Romanischprofessor an der Universität Zürich. (Bild: pd)

«Bezüglich Erhalt dieser Sprache bin ich Optimist.» Rico Franc Valär Design. Romanischprofessor an der Universität Zürich. (Bild: pd)

Rico Valär, es ist ein kleines Wunder, was 1938 mit der Anerkennung Ihrer Muttersprache geschehen ist. Noch fünfzig Jahre zuvor hätte dies niemand gedacht.
Sogar zehn Jahre vor 1938 hätte dies niemand gedacht. Dass sich die Wahrnehmung der Rätoromanen durch die Schweizerinnen und Schweizer in wenigen Jahren so sehr verändert hat. Ja, das kann man durchaus als kleines Wunder bezeichnen – aber es war kein Zufall.

Liberale Kräfte im Kanton wollten diese «unvollständige Bauernsprache» noch im 19. Jahrhundert ausmerzen.
Das ist so. Aber dies rief eine Gegenbewegung, getragen von Intellektuellen, Lehrern und Redaktoren, ins Leben. Entgegen kam ihnen das neuerwachte wissenschaftliche Interesse an Kleinsprachen. So sprach man dann schon bald mehr von Anerkennung als von Ausrottung.

Diese Gegenbewegung wurde von der Elite getragen. Wie schaffte sie es denn, auch beim Volk Gehör zu finden?
Sie bemühte sich, die Bevölkerung zu informieren, zu sensibilisieren, den Wert der eigenen Sprache und Kultur aufzuzeigen. Durch die verschiedenen Sprachvereine schaffte sie es schliesslich, zur Volksbewegung zu werden. Dann prägte aber auch die Aussenwahrnehmung die Eigenwahrnehmung: Je mehr Leute von aussen Interesse am Rätoromanischen signalisierten, desto mehr gab es auch in der Bevölkerung ein Umdenken.

Die Rätoromanen erkannten also den Wert ihrer Sprache.
Ja, hilfreich war zudem die Heimat- und Naturschutzbewegung, die sich zu Ende des 19. Jahrhunderts landesweit etablierte und die Rückbesinnung auf die Traditionen der Heimat propagierte. Und schliesslich ist da noch das Stichwort «Selbstbestimmungsrecht der Völker» zu nennen, nach Ende des Ersten Weltkrieges ein grosses Thema. Es hat damals auch die Rätoromanen motiviert, zusammenzustehen und 1919 mit der Lia Rumantscha eine Organisation zu gründen, die sich für ihre Rechte einsetzte.

Sehr hohe 92 Prozent der Stimmbürger sprachen sich 1938 schliesslich für die Anerkennung des Rätoromanischen als Nationalsprache aus. Wie kam es dazu?
Durch die aussenpolitische Bedrohung in jener Zeit entstand in der Schweiz das Bedürfnis, zusammenzustehen und Einigkeit zu zelebrieren. Diese Annahme dieser Vorlage, die eigentlich eher eine ideelle denn eine hochpolitische war, ist vor diesem Hintergrund zu sehen – auch die Propaganda im Vorfeld der Abstimmung stellte sie so dar.

Es war auch eine Demonstration der Schweiz gegen das faschistische Italien, das im Romanischen lediglich einen italienischen Dialekt sah.
Das stimmt. Die Tatsache, dass die italienischen Nationalisten behaupteten, das Rätoromanische sei nur ein italienischer Dialekt und das Gebiet der Rätoromanen müsse deshalb – wie auch das Tessin – Teil des italienischen Staates werden, machte dies zu einer politischen Frage. Es ging um ein klares Signal an Italien: Rätoromanisch ist eine eigenständige Sprache.

Im Zuge der geistigen Landesverteidigung wurden die Rätoromanen vor dem Zweiten Weltkrieg zu Musterschweizern stilisiert. Welche Vorteile zogen sie daraus?
Der grösste Vorteil war sicher die Anerkennung als Nationalsprache. Dies hatte Konsequenzen: Sprach- und Literaturförderung, Ausbau der Schulbildung, Radiosendungen, Unterstützung von Sprachorganisationen.

Ist dieser Enthusiasmus nach dem Ende des Weltkriegs nicht abgeflaut, bevor in den Siebzigerjahren das Selbstbewusstsein bei den Rätoromanen erneut erwachte?
Das ist die Aussenwahrnehmung. In der rätoromanischen Sprachbewegung waren die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wichtig. Es ist viel geschrieben worden, und es wurden Kindergärten gegründet, um das Rätoromanische in von der Germanisierung bedrohten Gebieten zu erhalten. Aber für die übrige Schweiz war das sicher weniger interessant. In den Achtzigerjahren – etwa durch Schaffung der Einheitssprache Rumantsch Grischun – rückten die Rätoromanen wieder mehr in die nationale Wahrnehmung.

Wo steht denn das Rätoromanische heute?
Es ist anerkannt, hat gute Infrastrukturen, ein sehr lebendiges Kulturleben. Aber es gibt auch grosse Herausforderungen. Eine davon ist sicher die zunehmende Zersplitterung der Sprachgemeinschaft: Schon heute lebt ein Drittel der Romanischsprechenden nicht mehr im eigentlichen Sprachgebiet, und ihre Kinder besuchen deshalb auch keine romanischen Schulen.

Jede Zählung weist weniger Romanischsprachige aus. Wann stirbt diese Sprache?
Ich bin kein Hellseher, aber ein Optimist. Schon im 19. Jahrhundert wurde in vielen Texten der baldige Tod dieser Sprache vorausgesagt. Aber die Sprache ist nach wie vor quicklebendig. Also noch nicht kondolieren!

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