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NAHOST: Bundesrat verteidigt Olympia-Milliarde und Nein zum Vaterschaftsurlaub

Johann Schneider-Ammann hat beim israelischen Staatspräsidenten heikle Themen angesprochen und die Start-up-Szene gelobt. Im Interview verteidigt er zudem die Olympia-Milliarde und sagt, beim Nein zum Vaterschaftsurlaub gehe es nicht primär ums Geld.
Dominic Wirth, Jerusalem
Händeschütteln bei der Al-Aksa-Moschee: Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann trifft den für die Pilgerstätte zuständigen Scheich Azzam al-Khatib. (Bild: Anthony Anex/KEY (Jerusalem, 29. Oktober 2017))

Händeschütteln bei der Al-Aksa-Moschee: Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann trifft den für die Pilgerstätte zuständigen Scheich Azzam al-Khatib. (Bild: Anthony Anex/KEY (Jerusalem, 29. Oktober 2017))

Dominic Wirth, Jerusalem

Herr Schneider-Ammann, Sie sind insbesondere wegen der Start-up-Szene nach Israel kommen. Das Land gilt als Silicon Valley des Nahen Ostens. Was kann sich die Schweiz hier abschauen?

Es geht weniger darum, etwas abzuschauen, sondern darum, Gespräche zu führen, Impulse zu bekommen. Der Innovationsweltmeister sind wir, seit Jahren schon. Was mir aber aufgefallen ist: In Israel gibt es in der Start-up-Szene viel mehr Frauen in Führungspositionen, die Quote beträgt etwa 50 Prozent. Bei uns sind es nur 3 Prozent, und wir müssen uns fragen, wieso das so ist.

Was glauben Sie?

Wir haben zwei Gründe festgemacht. Zum einen ist es so, dass Mädchen hier schon früher mit Naturwissenschaften konfrontiert werden. Das zeigt seine Wirkung. Und dann hat auch der obligatorische Militärdienst einen Einfluss, die jungen Frauen kommen dort mit der Technik in Berührung. Das schürt bei ihnen eine gewisse Neugier. Zudem kommen sie mit jungen Männern mit Unternehmergeist zusammen, das ist ansteckend.

Dann müssen wir die Schweizer Frauen in die Armee holen?

Nein, das meine ich nicht so.

Wie könnte denn ein Schweizer Weg aussehen?

Ich befasse mich damit schon lange. Man muss aufklären, früh mit den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern beginnen, auf allen Schulstufen aufzeigen, was spannend sein könnte. Dann beisst die eine oder andere Frau an.

In Israel steht den Start-ups deutlich mehr Risikokapital zur Verfügung als bei uns. Hat die Schweiz da Nachholbedarf?

Ja, wir haben da sicherlich eine angespannte Situation. Nicht bei der Erstfinanzierung, aber später, in der Phase, in der es darum geht, das Produkt in den Markt zu bringen. Dort braucht es viel Geld. Das fehlt in der Schweiz häufig. Wir bauen deshalb einen privat finanzierten Fonds auf, der nächstes Jahr an den Start gehen soll.

Wie viel Geld wird darin liegen?

Etwa 500 Millionen Franken, damit die Firmen es durch diese Phase schaffen. Schliesslich wollen wir die Jobs bei uns und nicht in Kalifornien.

Neben Geld braucht ein Unternehmer Mut, um seine Ideen zu verwirklichen. Haben wir davon genug im Schweizer Unternehmertum?

Wenn ich mir anschaue, wer wirklich die Verantwortung übernimmt, mit dem eigenen Portemonnaie arbeitet, dann können wir davon sicher mehr gebrauchen.

Sind wir satt geworden?

Ich glaube schon. Wir sind uns zu sicher, dass es so weitergeht, wie es in den letzten Jahren war. Ich wünsche mir mehr Unternehmer, die auch einmal in Kauf nehmen, neben das Tor zu schiessen, schlicht zu scheitern.

Sie wünschen sich einen anderen Umgang mit dem Scheitern.

Ja, ich bin einst selbst gescheitert, als ich in Kalifornien war. Es war ein kleines Start-up, völlig unbedeutend, aber es war dennoch schmerzhaft. Ich hatte mich eine Zeit lang engagiert und realisierte dann, dass ich auf dem falschen Weg bin. Das hat mich traurig gemacht, aber beim nächsten Besuch im Rotary Club kamen die Kollegen und sagten zu mir: Du gehörst jetzt dazu, jeder richtige Unternehmer fällt einmal auf die Nase. Ich würde mir wünschen, dass wir das bei uns auch öfter so sehen. Und nicht mit dem Finger auf jene zeigen, die scheitern. Denn das hält jene, die etwas wagen wollen, davon ab, sich zu bewegen. Und letztlich verliert die ganze Schweiz.

Ihre Reise stand im Zeichen von Wirtschaft und Wissenschaft, doch auch die politische Ebene mit dem Konflikt zwischen Israeli und Palästinensern war omnipräsent. Sie waren heute beim israelischen Staatspräsidenten Reuven Rivlin. Haben sie dabei auch über dieses Thema gesprochen?

Ja, die heiklen Themen wurden von mir angesprochen. Der Staatspräsident hat das zur Kenntnis genommen, aber auch zu erkennen gegeben, dass man sich nicht reinreden lassen will. Ich zweifle nicht am Lösungswillen auf beiden Seiten, aber die Situation ist kompliziert.

Die israelischen Signale mit der intensivierten Siedlungspolitik etwa in Ostjerusalem können der Schweiz, die sich für die Zweistaatenlösung innerhalb der Grenzen von 1967 einsetzt, nicht gefallen. Haben Sie das gegenüber Rivlin zum Ausdruck gebracht?

Ja, ich habe das angesprochen.

Wie?

Ich habe auf die völkerrechtlichen Verpflichtungen von Israel aufmerksam gemacht.

Sie haben Israel also kritisiert.

Ich habe die Israeli gebeten, die Abmachungen einzuhalten.

Wechseln wir zum politischen Geschehen in der Schweiz. Der Bundesrat hat vor zehn Tagen beschlossen, eine Milliarde Franken für Olympische Spiele bereitzustellen. Sind Sie für das Projekt?

Ja, ich habe mich schon für andere Olympia-Projekte eingesetzt, und ich gehöre auch jetzt wieder zu denen, die Sion 2026 wollen. Ich glaube, dass dieses ­Projekt einen Spirit, eine Aufbruchstimmung kreieren wird.

Sie sprechen von Aufbruchstimmung. Gibt es auch einen konkreten, einen volkswirtschaftlichen Nutzen?

Das ist schwierig abzuschätzen. Solche Grossanlässe haben einen Effekt auf das Gewerbe, wenn sie unmittelbar bevorstehen. Und sie werden dazu führen, dass im Wallis und der Westschweiz die Hotels modernisiert werden, auch die Bergbahnen. Das wiederum wird in den Folgejahren Touristen anlocken.

Der Bundesrat hat am gleichen Tag eine Milliarde für Olympia gesprochen, einen Vaterschaftsurlaub aber als zu teuer abgelehnt. Das hat für Kritik aus dem linken Lager gesorgt. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?

Für Olympia zahlen wir nur einmal. Der Vaterschaftsurlaub aber wird jedes Jahr Geld kosten. Es ging aber nicht primär ums Geld. Der Bundesrat ist der Meinung, dass er dem Volk und vor allem den jungen Vätern und Müttern den grössten Gefallen tut, wenn er so politisiert, dass wir die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen erhalten. Es geht darum, keine Kosten für den Werkplatz zu kreieren, die nicht unbedingt sein müssen. Wir verzichten auf einen Vaterschaftsurlaub, um Arbeitsplätze erhalten zu können.

Und die Schweiz bleibt im OECD-Vergleich mit nur einem Tag Vaterschaftsurlaub ein Entwicklungsland.

Das ist übertrieben. Aber Sie haben natürlich recht: Wir bieten nicht gleich viel wie andere Länder. Dafür haben wir eine höhere Beschäftigung, bei den Jungen und den Alten. Dass ist viel besser, als Dinge anzubieten, die man nicht zahlen kann.

Heute kehren Sie in die Schweiz zurück. Bei der nächsten Bundesratssitzung am Mittwoch wartet ein neuer Kollege auf Sie: Ignazio Cassis. Freuen Sie sich?

Ich kenne Cassis schon seit Jahren. Wir verstehen uns gut. Er ist offen, politisch versiert, und wir haben uns seit seiner Wahl regelmässig ausgetauscht. Wir werden versuchen, miteinander zu politisieren und nicht gegeneinander.

Bestimmt werden Sie sich mit Cassis öfter einig sein als mit seinem Vorgänger Didier Burkhalter, dem man nachsagt, dass er öfter ins linke Lager gekippt sei.

Ich mache keine Vergleiche, das ist gefährlich. Herr Cassis hat Signale gesetzt, als er von der Reset-Taste gesprochen hat. Mal schauen, wie es wird. Ich bin sicher, dass er nicht weit weg ist von meinen Positionen.

Doris Leuthard hat ihren Rücktritt bis zum Ende dieser Legislatur bereits angekündigt. In Bern spekuliert man nun auf eine Doppelvakanz. Wissen Sie schon, wie Ihre Zukunft aussieht?

Es wird viel spekuliert in Bern. Ich werde mich rechtzeitig äussern. Dem habe ich nichts beizufügen.

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