Nachspiel zur Nackt-Selfie-Affäre

Der Presserat hat die «Schweiz am Sonntag» wegen eines Artikels über schlüpfrige Bilder des grünen Politikers Geri Müller gerügt. Der Verleger der Zeitung denkt nun an einen aussergerichtlichen Vergleich.

Pascal Hollenstein
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Geri Müller Badener Stadtammann und alt Nationalrat (Grüne) (Bild: ky)

Geri Müller Badener Stadtammann und alt Nationalrat (Grüne) (Bild: ky)

ZÜRICH. Die «Schweiz am Sonntag» habe mit einem Artikel über Nackt-Selfies die Privat- und Intimsphäre des ehemaligen grünen Nationalrats und Badener Stadtpräsidenten Geri Müller «in schwerer Weise verletzt». Zu diesem Schluss kommt der Schweizer Presserat in einer gestern veröffentlichten Stellungnahme. Es habe kein öffentliches Interesse an der Berichterstattung gegeben, schreibt das Selbstregulierungsorgan der Medienbranche weiter. Die Zeitung habe zudem vor der Publikation des Artikels im Sommer 2014 «nicht genügend recherchiert».

Die Beschlüsse haben zwar moralisches Gewicht, rechtliche Folgen haben sie aber nicht. Dennoch könnten sie die «Schweiz am Sonntag» in Bedrängnis bringen, denn Geri Müller kann die Zeitung noch immer verklagen – und hierbei jetzt auch auf den Presserat verweisen. Wie Peter Wanner, der Verleger der «Schweiz am Sonntag», sagt, habe man sich mit Müller auf eine Verjährungsunterbrechung bis Ende Jahr geeinigt. Bis dahin kann Müller klagen. «Bis jetzt» sei Geri Müller gegen die Zeitung nicht rechtlich vorgegangen, fügt Wanner an. Offenbar befürchtet er aber, dass es doch noch so weit kommen könnte – es sei denn, die Zeitung und der Politiker einigten sich auf eine aussergerichtliche Lösung. Für Wanner ist das eine Option, wie er erstmals sagt. Zwar sei derzeit kein Vergleich in Verhandlung: «Ich schliesse aber einen solchen nicht aus.»

Die Sache erinnert an die Affäre um den ehemaligen Botschafter der Schweiz in Deutschland, Thomas Borer. Nachdem der «Sonntags-Blick» von einer ausserehelichen Affäre des Diplomaten in den Gemächern der Botschaft geschrieben hatte, kam es zu einem Vergleich mit Verleger Michael Ringier. Dabei publizierte Ringier eine Entschuldigung auf der Titelseite des «Sonntags-Blicks» und zahlte Borer ein Schmerzensgeld von über einer Million Franken.

Von einer Entschuldigung ist Wanner indes noch weit entfernt. In einer gestern publizierten Stellungnahme hielt der Verleger fest, die Berichterstattung über Geri Müllers Nacktfotos sei angemessen gewesen.

Die Affäre Müller dürfte die Öffentlichkeit auch abseits der Auseinandersetzung mit der «Schweiz am Sonntag» weiter beschäftigen. So wird sich das Regionalgericht Berner Jura-Seeland mit den mutmasslichen Verfehlungen von Müllers ehemaliger Chatpartnerin zu befassen haben. Diese ist von der Staatsanwaltschaft per Strafbefehl zu einer hohen Geldstrafe verurteilt worden. Sie habe sich der versuchten Nötigung, der üblen Nachrede, der Beschimpfung, des unbefugten Aufnehmens von Gesprächen sowie – dies ohne Zusammenhang mit der Affäre Müller – der Urkundenfälschung schuldig gemacht. Wie ein Sprecher der bernischen Generalstaatsanwaltschaft bestätigt, hat die Frau gegen den Strafbefehl Einsprache erhoben. Sie bestreitet die ihr zur Last gelegten Taten inhaltlich. Zudem führt sie strafprozessuale Fehler in der Untersuchung an.