Nachgefragt
Chef von Swisstransplant über Organspenden: «Der Eintrag im Register schafft Sicherheit und Klarheit»

Jährlich sterben in der Schweiz rund 100 Personen, weil kein passendes Organ gefunden wird. Mit der Etablierung der Widerspruchslösung wird sich das ändern, ist sich Franz Immer sicher.

Chiara Stäheli
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Franz Immer ist Direktor der Stiftung Swisstransplant.

Franz Immer ist Direktor der Stiftung Swisstransplant.

Swisstransplant

Der 54-jährige Franz Immer ist Facharzt für Herzchirurgie und Direktor von Swisstransplant. Im Gespräch nimmt er Stellung zur erweiterten Widerspruchslösung.

Kann jede Person Organe spenden?

Franz Immer: Beinahe. Es gibt keine Alterslimite und auch kaum Ausschlusskriterien. Nur wer einen bösartigen Tumor hat, kann nicht spenden.

Was halten Sie davon, dass der Nationalrat der erweiterten Widerspruchslösung zugestimmt hat?

Wir sind froh über diesen Entscheid. Wir haben festgestellt, dass mehr als die Hälfte der Angehörigen den Wunsch der Verstorbenen nicht kennen. Deshalb haben wir den indirekten Gegenvorschlag vom Bundesrat unterstützt. Das ist für uns der einzige Weg, wie wir die Spenderzahlen an ein europäisches Niveau angleichen könnten.

Jährlich sterben rund 100 Personen, weil kein passendes Organ gefunden wird. Würde sich das ändern mit dem neuen System?

Da bin ich mir ganz sicher. Wir haben aktuell eine Ablehnungsrate von 55 Prozent in der Schweiz. Das heisst, nicht einmal jedem zweiten potenziellen Spender werden letztlich tatsächlich Organe entnommen. Im Ausland, wo die Widerspruchslösung bereits etabliert ist, liegt die Ablehnungsrate bei rund 20 Prozent. Deshalb muss man davon ausgehen, dass, wenn die Schweiz dieses System anwendet, sich die Zahl der Spender mittel- bis langfristig verdoppelt. Dies ermöglicht mehr Transplantationen, und es gibt weniger Todesfälle. Und hinzu kommt noch ein anderer Vorteil.

Welcher denn?

Im Moment transplantieren die Spitäler Schwerkranke. Wir sind immer an der Spitze des Eisbergs, weil wir zu wenig Organe haben. Dann nimmt man manchmal auch schlechtere Organe, geht Kompromisse ein. Das ist für die Spitäler und Patienten eine riesige Vorhalteleistung. Wenn man mehr Organe transplantieren könnte, wären die Patienten bei der Transplantation in einem besseren Zustand. Sie genesen oft schneller und können früher aus der Intensivstation entlassen werden.

Besteht bei dieser Lösung nicht die Gefahr, dass man jemandem Organe entnimmt, der das gar nicht will?

Klar besteht ein Restrisiko. Deshalb ist es so wichtig, dass sich die Menschen festlegen – egal ob für oder gegen die Organspende. Der Eintrag im Spenderegister schafft Sicherheit und Klarheit. Heute haben wir eine Ablehnungsrate von 55 Prozent, obwohl fast 80 Prozent der Bevölkerung eine Organspende grundsätzlich befürworten. Das fehlende Festhalten des Entscheids kann den Tod für jemanden auf der Warteliste bedeuten, da die Angehörigen sich heute sehr schwertun, stellvertretend im Sinne des Verstorbenen zu entscheiden, wenn nie darüber gesprochen wurde.

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