Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Nach langem Zaudern: Reformierte Kirche sagt Ja zur «Ehe für alle»

Das Parlament des Evangelischen Kirchenbundes stimmt der Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare zu - und folgt damit dem Präsidenten Gottfried Locher. Den reformierten Pfarrern steht es aber weiterhin frei, die Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren zu verweigern.
Tobias Bär
Ein Mitglied der Abgeordnetenversammlung während der Diskussion über die «Ehe für alle». (Bild: Keystone, Anthony Anex)

Ein Mitglied der Abgeordnetenversammlung während der Diskussion über die «Ehe für alle». (Bild: Keystone, Anthony Anex)

Beim Entscheid habe man sich unter anderem an der unvoreingenommenen Liebe von Jesus zu den Mitmenschen orientiert. So begründete der Rat des Evangelischen Kirchenbundes (SEK) um Präsident Gottfried Locher seine Zustimmung zur «Ehe für alle».

Der Rat sei sich allerdings bewusst, dass die Homosexualität für manche Reformierte mit Blick auf die einschlägigen Bibelstellen dem göttlichen Gebot widerspreche und schöpfungswidrig sei.

Innerhalb der reformierten Kirche stiess die positive Haltung der SEK-Exekutive denn auch auf Widerstand. In einer von mehr als 200 reformierten Pfarrern unterzeichneten Erklärung ist von einem radikalen Bruch mit der Tradition die Rede und davon, dass der Schöpferwille Gottes «niemals aus dem gesellschaftlichen Mainstream abgeleitet» werden könne.

Am Dienstag hat sich nun aber auch die Abgeordnetenversammlung, das Parlament des Kirchenbundes, hinter die «Ehe für alle» gestellt. Und dies deutlich mit 49 zu 11 Stimmen.

Gegner: Umgang mit der «Ehe für alle» soll Sache der Kantonalkirchen sein

Die Diskussion verlief äusserst gesittet. Eine Abgeordnete aus der Nordwestschweiz sagte analog zur Argumentation des Rates, die Kirche müsse als Anwältin ausgegrenzter Minderheiten handeln. Dem hielt ein Gegner aus dem Kanton Obwalden entgegen: «Dann sollten wir nicht eine theologische Minderheit neu ausgrenzen.»

Damit meinte er jene Vertreter der reformierten Kirche, die sich gegen die Öffnung der Ehe sperren. Überhaupt sei die «Ehe für alle» kein Thema, das auf nationaler Eben diskutiert werden müsse. Die Kantonalkirchen seien in der Lage, die sich stellenden Fragen selber zu beantworten. Ein Abgeordneter aus Genf meinte, die Reformierten sollten sich ganz aus der Diskussion über die zivilrechtliche Öffnung der Ehe heraushalten.

Ratsmitglied Sabine Brändlin warnte hingegen vor einem Abseitsstehen. Gegenwärtig laufe der politische Meinungsbildungsprozess (siehe Infobox am Schluss), da sei die Kirche für viele Menschen ein «Orientierungspunkt».

Er sei im Vorfeld einer Versammlung noch nie derart oft auf ein Traktandum angesprochen worden, sagte Florian Fischer von der Reformierten Kirche Luzern: «Da lebt die oft totgesagte Kirche.» Die Welt verändere sich, so Fischer. Er wünsche sich eine Kirche, welche die Liebe hochhalte und an erste Stelle setze. «Eine Kirche, die ihren Segen nicht nur für heterosexuelle Paare, Brücken, Fahrzeuge und Kanonen reserviert.» Und eine andere Rednerin sagte:

«Es ist Zeit, ein Zeichen für Offenheit, Lernfähigkeit und Solidarität zu setzen.»

Die Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren, also die Umsetzung der «Ehe für alle», bleibt Sache der Kantonalkirchen. Der Beschluss der Abgeordnetenversammlung, dass sich die kirchliche Trauung nach einem allfälligen neuen zivilrechtlichen Ehebegriff richten soll, hat lediglich den Charakter einer Empfehlung.

Die Mitgliedkirchen können sich gegenüber der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare also weiterhin verschliessen. Und selbst wenn sie die Trauung für alle einführen, gilt für die Pfarrer die Gewissensfreiheit: Wer kein schwules oder lesbisches Paar trauen will, der darf sich weigern. Damit lasse die Abgeordnetenversammlung weiterhin auch ein konservatives Eheverständnis zu, sagte SEK-Präsident Locher nach der Sitzung.

Dieselbe Praxis verfolgen die Protestanten heute bereits bei der Segnung von homosexuellen Paaren. Die erste Segnung erfolgte 1993 im Kanton Graubünden. In einigen Kantonalkirchen ist das bis heute tabu.

Ein Sieg für Präsident Gottfried Locher

Der klare Entscheid der Abgeordnetenversammlung ist ein Sieg für Locher. Er hatte sich im Sommer in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» klar positioniert: Homosexualität entspreche Gottes Schöpfungswille, da gebe es keinen Spielraum. Für dieses Vorpreschen musste sich Locher am Dienstag vereinzelt Kritik anhören.

Gemäss dem Präsidenten hat das Interview aber dafür gesorgt, «dass die Diskussion endlich an die Oberfläche kommt». Zuvor hatte sich der Kirchenbund auf der Suche nach einer Haltung schwergetan. Als es darum ging, Stellung zu nehmen zur Vorlage aus dem Nationalrat, da beantragte der SEK zunächst Fristverlängerung. Als die Stellungnahme schliesslich vorlag, da hiess es, die Meinungsbildung sei noch nicht abgeschlossen.

Die Zustimmung der Reformierten zur gleichgeschlechtlichen Ehe endet beim Adoptionsrecht und bei der Fortpflanzungsmedizin. Zu diesen Fragen, die schon bald im Nationalrat diskutiert werden, will sich der Kirchenbund zu einem späteren Zeitpunkt äussern.

Nationalrat entscheidet voraussichtlich im Frühjahr 2020

Auf der politischen Ebene steht der Einführung der «Ehe für alle» nichts mehr im Weg. Mit Ausnahme der SVP sprechen sich sämtliche grossen Parteien dafür aus. Gemäss der Vorlage, welche die Rechtskommission des Nationalrats ausgearbeitet hat, würden gleichgeschlechtliche Paare mit der Eheschliessung automatisch Zugang zur gemeinschaftlichen Adoption von fremden Kindern erhalten.

Heute steht ihnen nur die Stiefkindadoption offen. Die Fragen der Fortpflanzungsmedizin will die Kommission hingegen erst in einem nächsten Schritt angehen. Dieser Entscheid fiel mit 13 zu 12 Stimmen allerdings äusserst knapp – und könnte vom neu zusammengesetzten Nationalrat, der sich voraussichtlich im Frühling 2020 mit der Vorlage befasst, umgestossen werden. Vor der parlamentarischen Beratung wird sich auch noch der Bundesrat zur Vorlage äussern. (bär)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.