SRF-Chefin Nathalie Wappler will an der« Vertrauenskultur» arbeiten.

SRF-Chefin Nathalie Wappler will an der« Vertrauenskultur» arbeiten.

Severin Bigler / MAN

Nach Belästigungsfällen bei RTS: Jetzt reagiert SRF-Chefin Wappler und kündigt Mitarbeiter-Umfrage an

Die Krise beim Westschweizer Fernsehen RTS wirkt über den Röstigraben hinweg: SRF-Direktorin Nathalie Wappler zeigt sich in einer internen E-Mail an die Mitarbeitenden besorgt - und kündigt Verbesserungen bei der Unternehmenskultur an.

Christoph Bernet
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Mobbing, sexuelle Belästigung und eine Chefetage, die nicht konsequent genug reagierte, haben das Westschweizer Fernsehen RTS in eine tiefe Krise gestürzt. Die Missstände öffentlich gemacht hat die Zeitung «Le Temps» vor knapp zwei Wochen. Die Vorwürfe gegen zwei unterdessen suspendierte Kadermitarbeiter werden nun in einer externen Untersuchung aufgearbeitet.

Auch das Verhalten der RTS-Führung steht in der Kritik. Deshalb hat der SRG-Verwaltungsrat eine weitere Untersuchung in Auftrag gegeben, um die «Verantwortungskette» zu untersuchen. Sie soll zeigen, ob die involvierten Stellen ihre Verantwortung korrekt wahrgenommen hätten. Wie am Mittwoch bekannt geworden ist, lässt RTS-Chefredaktor Bernard Rappaz sein Amt für die Dauer dieser Untersuchung ruhen. Unter Druck geraten ist auch SRG-Generaldirektor Gilles Marchand, der von 2001 bis 2017 als Direktor des Westschweizer Fernsehens amtierte.

Die Vorgänge beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen der Romandie bewegen auch die Belegschaft beim Deutschschweizer Ableger SRF. Gross ist die Betroffenheit über die Missstände - und omnipräsent die Frage, ob so etwas auch bei SRF möglich wäre.

Die Vorgänge bei RTS setzen SRG-Boss Gilles Marchand unter Druck.

Die Vorgänge bei RTS setzen SRG-Boss Gilles Marchand unter Druck.

Britta Gut

Am Donnerstagmorgen hat sich SRF-Direktorin Nathalie Wappler deshalb in einer E-Mail an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewandt. Die Belästigungsfälle bei RTS beschäftigten die Geschäftsleitung stark, heisst es in der Nachricht, die CH Media vorliegt: «Es ist uns ein grosses Anliegen, uns direkt an Euch zu wenden.»

«Müssen davon ausgehen, dass nicht alle Fälle gemeldet werden»

Es sei eine «absolut grundlegende Verantwortung der Unternehmensführung», für eine Kultur zu sorgen, in der Belästigungen, Übergriffe und Mobbing nicht toleriert werden, schreibt Wappler. Man pflege zwar Instrumente, die den Schutz jedes Mitarbeitenden sicherstellten. Doch es werde überprüft, ob die bestehenden Instrumente ausreichten und wo es allfällige Mängel gebe.

SRF kümmere sich um jeden Fall von Belästigung, Diskriminierung oder Mobbing, betont Wappler. «Jedoch müssen auch wir davon ausgehen, dass nicht alle Fälle gemeldet werden, sich Betroffene zurückhalten oder sich nicht trauen, Fehlverhalten zu melden.» Um dem entgegenzuwirken, wolle die Geschäftsleitung alles dafür tun, damit bei SRF ein Arbeitsklima vorhanden sei, «in dem Diskriminierung und Machtmissbrauch keinen Platz haben, das geprägt ist von Fairness und Integrität und die Würde der einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewährt ist».

Mitarbeitende werden per Umfrage angehört

Um diesem Ideal gerecht zu werden, sollen die Themen Mitarbeitendenschutz und Vertrauenskultur weiterentwickelt werden. Konkret will die SRF-Geschäftsleitung Berichtssysteme und ein entsprechendes Ausbildungsangebot etablieren. Damit will man frühzeitig auf Problemfelder aufmerksam werden. Auch die Belegschaft soll dabei zu Wort kommen. In ihrer Nachricht kündigt Wappler eine neue Mitarbeiter-Umfrage an. Deren zentralen Punkte: Das persönliche Wohlbefinden und den «Change» im Rahmen der Strategie SRF 2024.

Unter diesem Stichwort hat Wappler im August eine radikale Reorganisation angekündigt. Ziel der Übung: SRF soll sich für den Wandel des Medienkonsums rüsten und setzt stärker auf digitale Kanäle und soziale Medien. Neben der Einstellungen von zahlreichen Sendungen ist im Rahmen von SRF 2024 auch ein Abbau von insgesamt 211 Vollzeitstellen vorgesehen.