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Nach Absage an Elternzeit: Initianten werfen Bundesrätin Karin Keller-Sutter «Steinzeit»-Denken vor

Man könne nicht alles haben: Justizministerin Karin Keller-Sutter hat sich an einem Anlass der FDP-Frauen gegen eine Elternzeit ausgesprochen. Und löst zum Teil heftige Reaktionen aus. Mit «man» meine Keller-Sutter beide Geschlechter, sagt jetzt ihr Sprecher.
Kari Kälin
Karin Keller-Sutter während der Herbstsession. Bild: Anthony Anex/Keystone

Karin Keller-Sutter während der Herbstsession. Bild: Anthony Anex/Keystone

Nein, mit Kindern, sagte Karin Keller-Sutter letztes Jahr gegenüber dem «Sonntagsblick», wäre ihre politische Karriere nicht möglich gewesen. «Oder nur, wenn mein Mann freiwillig auf seinen Beruf verzichtet hätte. Das hätte ich nie von ihm verlangt, weil er es ebenso wenig von mir verlangt hätte.» Jetzt hat sich die Bundesrätin wieder zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie geäussert. Am letzten Mittwoch sprach sie sich an einem Anlass der FDP Frauen im Bundeshaus gegen eine Elternzeit aus, wie die «NZZ am Sonntag» berichtet. Dies sei zu teuer. Und: «Früher war Familie Privatsache.» Sie finde, jedes Paar solle sich selber organisieren. «Man kann nicht alles haben: drei Kinder, ein Verwaltungsratsmandat und eine politische Karriere. Man kann sich auch selber überfordern.» Keller-Sutter blieb nicht freiwillig kinderlos. Sie erlitt zwei Fehlgeburten.

Pläne für Elternzeit-Initiativen

Ihre Aussagen an der Veranstaltung der FDP-Frauen fallen in eine Zeit, in der sich die Politik intensiv mit der Frage der Vereinbarkeit und Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern befasst. In der abgelaufenen Session hat das Parlament auf Gesetzesstufe einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub verankert. Mit einer Initiative fordert eine breite Allianz vier Wochen. Doch eventuell zieht sie diese zurück, weil bereits neue, weiter gehende Initiativpläne gediehen sind: die Einführung einer Elternzeit. Der Verein «PublicBeta» um «We Collect»-Gründer Daniel Graf schwebt eine Variante vor, bei der Vater und Mutter je 15 Wochen erhalten. Die SP liebäugelt mit einer Variante 14/14 und zusätzlichen zehn Wochen, die sich Vater und Mutter frei aufteilen können.

Karin Keller-Sutter setzt sich als Schirmherrin einer parteiübergreifenden Allianz aus Politik und Wirtschaft für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein. Geleitet wird die sogenannte Steuerungsgruppe vom Schweizerischen Arbeitgeberverband. In einem Interview sagte sie: «Es braucht nach meinen Erfahrungen unbedingt eine spezifische Struktur zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, ohne die Frauenkarrieren gerade für berufstätige Mütter nur schwer gelingen.» Die Justizministerin begrüsst auch das Engagement des Bundes bei der Krippenfinanzierung.

Die Elternzeit gilt von links bis weit in die politische Mitte hinein als Mittel für mehr Gleichberechtigung. Dass Keller-Sutter diesem Instrument nun eine deutliche Absage erteilt, trägt ihr scharfe Kritik ein. «Steinzeit statt Elternzeit», twitterten die Verantwortlichen der Volksinitiative Elternzeit um den Verein «PublicBeta». «Unglaublich. Da bin ich ja ein richtiger Übermensch. Kinder, Verwaltungsrat und politische Karriere...», teilte Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter (CVP, BL) mit.

«So eine Aussage wirft die Gleichstellungsdebatte um Jahre zurück», sagte Rosmarie Quadranti gegenüber der «NZZ am Sonntag». Einem Mann, ergänzte die Zürcher BDP-Nationalrätin, «würde man nie sagen, er könne nicht alles haben.»

Keller-Sutter kontert derweil die Kritik. Via ihren Sprecher Guido Balmer lässt sie ausrichten, dass ihre Feststellung für Männer und Frauen gelte. «Man», sagt Balmer, sei ein Pronomen, das sich nicht nur auf ein Geschlecht beziehe. Und: «Die Bundesrätin hat dieses Wort bewusst gewählt. Sie ist nämlich davon überzeugt, dass in einer Partnerschaft beide gleichermassen gefordert sind, wenn sie das gemeinsame Leben, Familie und Beruf organisieren.» Zum Vaterschaftsurlaub und zur Elternzeit habe sie an der Veranstaltung der FDP Frauen die Position des Bundesrats vertreten, der familienergänzende Angebote zur Kinderbetreuung als zielführender erachte.

Candinas: «Jedes Paar muss selber entscheiden»

Doch wie schätzt ein Politiker, Berufsmann und Familienvater die Lage ein? Nationalrat Martin Candinas (CVP, GR) arbeitet bei der Helsana in einem 20-Prozent-Pensum, und hat Mandate in elf Organisationen. Seine Frau geht derzeit keiner bezahlten Erwerbsarbeit nach und kümmert sich um die drei Kinder im Schul- und Vorschulalter. Die Frage, ob sich jemand mit seiner Lebensgestaltung überfordere, müsse nicht die Politik beantworten, sagt er. «Jedes Paar muss selber entscheiden, wie es die Aufgaben aufteilt.» Wenn sich ein Partner sehr stark in Beruf und Politik engagiere, sei dies aber fast nur möglich, wenn sich der andere schwerpunktmässig für die Familie sorge. «Das muss nicht zwingend die Frau sein», sagt er. Candinas glaubt nicht, dass dank einer Elternzeit deutlich mehr Männer ihr Arbeitspensum zugunsten der Kinderbetreuung reduzieren.

«Die strukturelle Schwierigkeit der Frauen ist viel mehr, Männer zu überzeugen, im Beruf kürzer zu treten und im Haushalt und in der Kindererziehung mehr zu leisten»

, sagt er. Es brauche mehr Männer, die den Mut hätten für diesen Schritt. Candinas räumt ein, dass es immer noch den gesellschaftlichen Erwartungen entspricht, dass die Mutter nach der Geburt eines Kindes den Hauptteil der Betreuungsarbeit übernehme. «Diese Denkweise muss sich ändern.»

Min Li Marti ist Verlegerin, Zürcher SP-Nationalrätin und Mutter einer kleinen Tochter. Sie stellt nicht in Abrede, dass es anspruchsvoll sei, Beruf, Politik und Familie unter einen Hut zu bringen.

«Mich stört aber, dass diese Feststellung primär auf Frauen gemünzt wird»

, sagt sie. Und es dürfe nicht sein, dass junge Mütter auf eine politische Karriere verzichten müssten, während sie junge Väter wie selbstverständlich offen stehe. Marti erachtet die Elternzeit als Mittel auf dem Weg zu mehr Gleichberechtigung. Auch deshalb stört sie sich an Karin Keller-Sutters Aussage.

Die Bundesrätin ist nicht die einzige FDP-Frau, die mit ihrer Einschätzung zur Vereinbarkeit von Beruf, Politik und Familie in ein Wespennest sticht. Er vor wenigen Wochen provozierte die Zürcher Nationalrätin Doris Fiala heftige Reaktionen, als sie in der «Rundschau» sagte, dieser Dreiklang sei fast nicht unter einen Hut zu bringen. Später präzisierte sie in einem Interview mit «Le Matin Dimanche», dieser Befund gelte selbstverständlich auch für Männer.

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