Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Nach abgewiesener Klage: Chur will Landeskirche nun via Rom bremsen

Die Bündner Landeskirche unterstützt einen Verein, der Beratungen zu Abtreibungen macht. Jetzt wendet sich der 
Churer Bischof Vitus Huonder an den Heiligen Stuhl: Rom soll klären, ob die Landeskirchen für die katholische Kirche noch tragbar sind.
Kari Kälin
Der Churer Bischof Vitus Huonder. (Bild: Michel Canonica (Chur, 3. Mai 2017))

Der Churer Bischof Vitus Huonder. (Bild: Michel Canonica (Chur, 3. Mai 2017))

Das Bistum Chur ist vor Bundesgericht abgeblitzt. Es wies vor kurzem eine Beschwerde wegen Verletzung der Religionsfreiheit ab. Bischof Vitus Huonder hatte wegen eines Entscheids des Parlaments der katholischen Landeskirche Graubünden geklagt. Das sogenannte «Corpus catholicum» beschloss Ende 2012, der Schwangerschaftsberatungsstelle Adebar jährlich 15000 Franken zu überweisen. Der Verein führt unter anderem Beratungen zum Thema Verhütung und Schwangerschaftsabbruch durch, Abtreibungen hält er für legitim.

Das Bistum Chur nimmt die Kontroverse zum Anlass, das Wesen der Landeskirche grundsätzlich in Frage zu stellen. Das Bistum wird den Apostolischen Stuhl, die Verwaltung des Papstes, über die Einzelheiten des Falls ins Bild setzen. Es liege nun am Vatikan zu entscheiden, ob das vom Bundesgericht «Staatskirchenstruktur» genannte Konstrukt für die katholische Kirche noch tragbar sei, teilt Sprecher Giuseppe Gracia auf Anfrage mit. Das Bistum stört sich insbesondere daran, dass eine Organisation wie das Corpus catholicum, die unter dem Label «katholisch» segelt, Aktivitäten unterstützt, die der Lehre der katholischen Kirche widersprechen.

Verstoss gegen die Regeln der Schweizer Bischöfe

Die Landeskirchen, eine Schweizerische Eigenheit, sind vom Staat geschaffene Körperschaften, organisiert nach demokratischen Grundsätzen. Sie verwalten die Kirchensteuern und verwenden sie für die kirchliche Arbeit, mehr oder weniger in Zusammenarbeit mit den Bischöfen. In vielen Kantonen wählt die Kirchgemeinde den Pfarrer.

In einem Vademecum hält die Schweizer Bischofskonferenz fest, die staatskirchlichen Organisationen seien nur dann legitim, wenn sie gegenüber der katholischen Kirche «helfender sowie unterstützender Natur sind und auxiliaren Charakter haben». Gemäss dem Vademecum dürfen die Landeskirchen die Steuergelder nur ausgeben für kirchliche Aufgaben und Interessen, «aber in keinem Fall für Aktionen oder Einrichtungen, die mit dem Glauben und der Sendung der katholischen Kirche nicht vereinbar sind». Für das Bistum Chur ist klar: Der Beitrag an Adebar verletzt die Regeln der Schweizer Bischöfe. Landeskirchen könnten sich zwar «katholisch» nennen, seien aber der katholischen Lehre nicht verpflichtet. Gracia sagt:

«Nach dem Urteil des Bundesgerichts ist klar, dass das staatskirchenrechtliche System in der Schweiz keinen der eigentlichen Kirche zudienenden Charakter hat.»

Was bezweckt das Bistum Chur mit dem Gang nach Rom? Will es das System der Landeskirchen mit Hilfe des Papstes zerschlagen? Es gehe darum abzuklären, ob Landeskirchen für die katholische Kirche noch tragbar seien, sagt Gracia. Es ist indes kein Geheimnis, dass das Bistum Chur den Landeskirchen kritisch gegenübersteht. Generalvikar Martin Grichting schrieb in einem Gastbeitrag für die NZZ, dieses System habe in der katholischen Kirche immer wieder zu internen Konflikten geführt. Eine Alternative sieht er in Italien, wo der Staat zehn Religionsgemeinschaften anerkennt. Die Steuerzahler können selber entscheiden, welcher davon sie acht Promille ihrer Einkommenssteuer zukommen lassen wollen.

Doch was passiert, wenn Rom das Landeskirchensystem tatsächlich für untragbar taxieren sollte? Denkbar wäre, dass der Vatikan die Schweiz beim UNO-Menschenrechtsrat wegen der Verletzung der Religionsfreiheit der katholischen Kirche verklagt. Möglich wäre auch, dass der Heilige Stuhl über diplomatische Kanäle versucht, seiner Position Nachdruck zu verleihen.

Im Extremfall eine 
Kirchenspaltung

Explizit anerkannt hat der Papst die Landeskirchen nie. «Die Schweizer Bischöfe haben sie aber akzeptiert», sagt Christoph Winzeler, Titularprofessor für Staats- und Kirchenrecht an der Universität Freiburg. Der Vatikan habe keine direkte Möglichkeit, am System der Landeskirchen zu rütteln. «Rom könnte aber die Bischöfe anweisen, die Landeskirchen zu kritisieren für Aktivitäten, die mit der Lehre der katholischen Kirche nicht vereinbar sind.» Theoretisch, so Winzeler, «könnte der Papst die Bischöfe dazu auffordern, das System der Landeskirchen aufzukündigen». Gläubige, die bei solch einem Szenario der Landeskirche treu blieben, könnten im Extremfall exkommuniziert werden. Winzeler glaubt nicht, dass der Papst wegen des Falls Adebar eine Kirchenspaltung heraufbeschwören will:

«Rom handelt in derartigen Fällen wohl pragmatisch.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.