«Mut ist das falsche Wort»

In der Schweiz leben rund 60 000 Kurden. Der Kampf um Kobane hat ihr Engagement in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Zwei Gespräche über die Verpflichtung gegenüber einer Nation.

Sarah Schmalz
Drucken
Teilen
Cahit Ucar (r.) mit Mesut Alagas Cousin in Kobane. (Bild: pd)

Cahit Ucar (r.) mit Mesut Alagas Cousin in Kobane. (Bild: pd)

Es ist Menschenblut. Cahit Ucar schliesst daraus, dass ihm wohl doch nicht gedroht wurde. Dabei schienen die Schmierereien auf seinem Schaufenster eine eindeutige Sprache zu sprechen. «Die Extremisten machen das so», sagt Ucar, während ein Polizist sorgfältig mit einem Wattestäbchen etwas Blut abtupft. Nun vermutet Cahit Ucar einen Unfall. Oder eine Prügelei. «Die würden sich nicht selbst verletzen, um damit auch noch DNA-Spuren zu hinterlassen.»

Journalisten im Schneideratelier

Zu finden wäre Ucar, der Kurde, leicht. Kaum ein Schweizer Medium, der sein kleines Schneideratelier im Zürcher Kreis 3 nicht aufgesucht hat. Während Cahit Ucar an der Nähmaschine die Hose eines wartenden Kunden flickt, erzählt er von den Dingen, die zu hören die Journalisten kommen. Von den Angriffen der Terrormiliz IS, mal aus dem Westen, mal aus dem Osten. Von den Leichen. Von toten Tieren. Einer eingeschlossenen Stadt, die dem Winter entgegenbangt. Es sind Bilder, die den Rückkehrer nicht loslassen. «Mein Kopf ist immer noch dort», sagt Cahit Ucar. In wenigen Tagen wird er sich deshalb wieder auf den Weg machen. Die Grenzen sind zu. Um nach Kobane zu gelangen, will sich der Zürcher nachts nach Syrien durchschlagen. Die Angst, sagt Cahit Ucar, habe er vor 20 Jahren verloren. «Erschossen», sagt er eigentlich. Und deutet seine Zeit in den Bergen an, wie es die Kurden nennen, wenn sie sich dem Guerillakampf der PKK, der Arbeiterpartei Kurdistans, anschliessen.

Jeder hat einen Bruder verloren

Jeder hat einen Bruder, einen Onkel, einen Freund in den Bergen verloren. In einem Imbiss an einer trostlosen Kreuzung der Winterthurer Vorstadt zückt Mesut Alagas sein Handy und findet das gesuchte Bild seines kleinen Bruders in brauner Uniform vor rotgelber Kurdenflagge. Gestorben mit 25 Jahren. Zur Totengalerie in Mesut Alagas Familie, die aus einem Dorf in der ostanatolischen Provinz Siirt stammt, sind vor wenigen Wochen zwei Cousins und ein Neffe dazugekommen. Der 40jährige Emin Enkendi und der 25jährige Harun Garisi haben in Kobane gekämpft. Alagas zweiter getöteter Cousin, der 56jährige Kadri Bagdu, war Herausgeber der kurdischen Zeitung «Azadiya Welat».

Spricht Alagas über die Toten, gesellt sich zur Trauer der Pathos der kurdischen Kampfmoral: «Meine Verwandten sind für die Hoffnung auf ein vereintes Kurdistan gestorben», sagt er. Und: «Wer in Kobane kämpft, kämpft für die kurdische Nation.» Mesut Alagas, der seit bald acht Jahren in der Schweiz lebt, ist Präsident der kurdischen Gesellschaft Winterthur. Auch im Exil leistet er, wie die meisten seiner Landsleute, seinen Beitrag für die kurdische Sache. «Ich lebe nicht wie ein normaler Mensch», sagt Alagas. «Ich bin Kurde. Es herrscht Krieg. Und darüber denken wir fast immer nach.»

Den Bürgerkrieg in Syrien sieht Alagas auch als Chance. Er hofft, dass mit dem Chaos des Nahen Ostens «nun die Zeit der Kurden kommt». Doch dazu brauche es internationale Solidarität. Die Hilfe der UN und der USA. Und es brauche Leute wie ihn, die nicht aufhörten zu protestieren. «Die Menschen in Kobane brauchen nicht nur Kämpfer und Waffen. Sie brauchen vor allem Aufmerksamkeit.»

Ohne Plan nach Kobane

Für diese setzt sich auch Cahit Ucar, der Schneider, ein. Auch er stammt aus dem Südosten der Türkei und lebt seit neun Jahren in der Schweiz. Er ist mit einer Schweizerin verheiratet und eingebürgert. Als er sich das erste Mal nach Kobane durchschlug, hatte er keinen Plan: «Ich wusste nur, dass ich helfen wollte.» Dann bat ein deutscher Journalist den Schweizer um Übersetzungshilfe. So hat Cahit Ucars Engagement für das improvisierte Pressebüro der Kurden in Kobane begonnen. Er organisierte für die Reporter aus aller Welt Treffen mit PKK-Kämpfern und Fahrten an die Front.

Dann holt auch Cahit Ucar sein Mobiltelefon hervor. Er will Bilder seines Einsatzes zeigen. Auf einem davon ist er mit Emin Enkendi zu sehen – einem der verstorbenen Cousins seines Winterthurer Freundes Mesut Alagas. «Er ist einen Tag später umgekommen», sagt Ucar.

Bevor dies passiert ist, hatte Mesut Alagas ständigen Kontakt mit seinem Cousin. Dieser habe zwar oft von der Brutalität des IS gesprochen, sagt er. Er habe Angst gehabt. «Aber auch viel Mut.» Vielleicht sei das aber auch das falsche Wort. Denn es sei eigentlich ganz einfach: Die Kurden in Kobane hätten keine Alternative zum Kämpfen. Von den Kurden in der Schweiz wiederum wird erwartet, dass sie die PKK von hier aus unterstützen. Alagas sagt, er habe das nie als gesellschaftlichen Druck empfunden. Er gehöre nun einmal zur kurdischen Nation. Ohne Wenn und Aber.

Mesut Alagas, Präsident der kurdischen Gesellschaft Winterthur: «Ich lebe nicht wie ein normaler Mensch. Ich bin Kurde. Es herrscht Krieg.» (Bild: Urs Bucher)

Mesut Alagas, Präsident der kurdischen Gesellschaft Winterthur: «Ich lebe nicht wie ein normaler Mensch. Ich bin Kurde. Es herrscht Krieg.» (Bild: Urs Bucher)

Aktuelle Nachrichten