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«Müller hätte hinstehen müssen»

Die Chance des Badener Stadtammanns und Nationalrats Geri Müller, seine Geschichte mit den versandten Nacktfotos politisch zu überleben, sei inzwischen «sehr bescheiden». Dies sagt der Berner Politikberater Mark Balsiger.
Richard Clavadetscher
Mark Balsiger Politikberater Buchautor (Bild: zVg)

Mark Balsiger Politikberater Buchautor (Bild: zVg)

Herr Balsiger, Sie ermahnen ja Politiker stets, die neuen Möglichkeiten der Kommunikation zu nutzen, in Social Media präsent zu sein. Machen Sie das auch weiterhin?

Mark Balsiger: Ja sicher, Social Media eröffnen ausgezeichnete Möglichkeiten für den Dialog im Netz. Sie haben allerdings auch ihren Preis: Facebook, Google & Co. sind Datenkraken, und sie durchlöchern unsere Privatsphäre. Irgendeinmal ist alles Private öffentlich – keine gute Entwicklung.

Wie sich nun bei Geri Müller und auch sonst immer wieder zeigt, scheinen diese neuen Möglichkeiten nicht wenige Politiker zu überfordern. Sie werden zum Beispiel unvorsichtig. Der beste Rat wäre dann doch: Lasst es lieber bleiben!

Balsiger: Erinnern Sie sich an die Phase, als Sie schwimmen lernten? Vermutlich haben Sie – wie ich – mehr als einmal Wasser geschluckt und gelitten. Wir mussten es zuerst lernen. Der Lernprozess mit Social Media dauert viel länger, vermutlich ein Leben lang, weil diese Kanäle sich ständig wandeln.

Was sind denn in aller Kürze Ihre drei wichtigsten Ratschläge an Politiker, die diese neuen Möglichkeiten nutzen?

Balsiger: Erstens Selbstreflexion, zweitens mit dem Kopf denken, drittens: Im Zweifelsfall darauf verzichten, etwas Dummes oder allzu Provokatives in die Öffentlichkeit zu blasen. Habe ich mich schlüpfrig genug geäussert?

Zu Geri Müller: Wie kommt es denn überhaupt bei Ihnen an, dass ein so erfahrener Politiker wie er so tölpelhaft mit einer Frau kommuniziert? Muss man da das Bild des verliebten Gockels bemühen?

Balsiger: Verliebt und hernach voller Rache war offenbar auch Müllers 21jährige Gespielin; sie nur als Opfer hinzustellen ist mir zu einfach. Wenn Hormone und Pheromone zusammen Polka tanzen, reagieren bekanntlich selbst gestandene Männer intelligenzfrei. Erotische Fotos von sich verschicken ist längst Mainstream, Tausende von Teenagern tun das täglich. Die Bigotterie einiger Kommentatoren ist mir zuwider.

Die Frauengeschichten von Bundeskanzler Willy Brandt waren seinerzeit allen Journalisten bekannt. Keiner hat darüber berichtet. Etwas muss sich also geändert haben bei den Medien in den vergangenen Jahrzehnten.

Balsiger: Ich teile diese Beobachtung, in unserer Gesellschaft wimmelt es von Moralaposteln und Sittenwächtern. Beim Fall von Bill Clintons Praktikantin Monica Lewinsky im Jahr 1998 fanden wir noch: Uh, diese prüden Amis! Heute sind wir wie sie.

Hätten Sie als Chefredaktor einer Zeitung denn Müllers Geschichte gebracht?

Balsiger: Mit einem Fokus auf die Herausforderungen der digitalen Kommunikation, ja.

Was sagen Sie zu seiner Reaktion am Sonntag, als die Geschichte bekannt war?

Balsiger: Sie war defensiv, Müller wusste seit Freitag, dass in dieser Angelegenheit recherchiert wird. Gerade weil es primär um etwas sehr Privates geht, hätte er nicht einen Anwalt vorschicken sollen. Der Verweis auf «ein laufendes Verfahren» beschleunigt oft den politischen Tod.

Was hätte er denn noch sagen können, was sein Anwalt nicht gesagt hat?

Balsiger: Wenn ein Orkan tobt, muss man sich selber der Medienmeute stellen. Das braucht Mut, gibt aber Kredit: Journalisten schätzen es, wenn jemand in einer solchen Situation «Födle» hat, hinsteht und sich erklärt. Das wäre Müllers Chance gewesen, sich glaubwürdig für seine Dummheit zu entschuldigen. Und er hätte seine Version der Geschichte in Ruhe erzählen können. Nebenbei: Bis es zu einer Hausdurchsuchung der Polizei kommt, wie bei der jungen Bernerin geschehen, braucht es einiges.

Die USA kennen in solchen Fällen den tränenreichen TV-Auftritt mit Reue, gelobter Besserung und Bitte um Entschuldigung, die dann oft angenommen wird. Hier kommt so etwas nicht an. Frage an den Fachmann: Was ist zu tun?

Balsiger: Wer Reue zeigt und sich entschuldigt, punktet auch in unserem Kulturkreis. Gerade wenn Prominente öffentlich Fehler eingestehen, ist man schnell wieder versöhnlich. Auch Berufspolitiker sind nur Menschen. Dieser Fall ist gesellschaftlich interessant, politisch hingegen irrelevant. Abgesehen davon, dass ein paar von Müllers Parteikollegen ihn aus dem Amt bugsieren wollen.

Diese Geschichte «lebt» ja nun nicht nur davon, dass ein möglicher Amtsmissbrauch im Raum steht. Sie «lebt» auch davon, dass die Grünen besonders strenge Massstäbe haben – auch und gerade für Männer. Deshalb die Frage aller Fragen: Kann Müller den Kopf noch aus der Schlinge ziehen?

Balsiger: Theoretisch könnte Müller diesen Fall aussitzen, so wie es Nationalrat Hans Fehr mit der Putzfrau, die er schwarz angestellt hatte, auch tat. Zum Rücktritt zwingen kann ihn niemand. Aber Müllers Chancen, diesen Fall politisch zu überleben, sind tatsächlich sehr bescheiden. Die meisten Medien fordern seinen Kopf. Diesem Druck standzuhalten ist extrem schwierig.

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