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Moutier ist ihre verlorene Stadt

Stéphanie Niederhauser hat mit der Annullierung
der Volksabstimmung in Moutier das umstrittenste Urteil der Woche gefällt.
Yann Schlegel
Stéphanie Niederhauser: «Wenn ich in Moutier ein Haus gefunden hätte, würde ich vielleicht noch immer dort wohnen». (KEYSTONE/Stefan Meyer).

Stéphanie Niederhauser: «Wenn ich in Moutier ein Haus gefunden hätte, würde ich vielleicht noch immer dort wohnen». (KEYSTONE/Stefan Meyer).

Stéphanie Niederhauser öffnet im Statthalteramt von Courtelary die Tür. Während in Biel noch der Nebel sitzt, lacht hier, im Tal von Saint-Imier, schon die Sonne. Auch die 49-jährige Statthalterin, die im Berner Jura die bernische Regierung vertritt, hat ihr ­Lächeln nicht verloren. Und das obwohl sie in den vergangenen Tagen zwischen die Linien des ­Jurakonflikts geraten ist. Keine drei Tage sind es her, seit Nieder­hauser ihren Entscheid publik machte: Die Abstimmung in Moutier sei ungültig. Das Städtchen im Berner Jura hatte sich Mitte Juni 2017 hauchdünn für den Wechsel zum Kanton Jura ausgesprochen. Sie habe einen politisch motivierten Entscheid gefällt, lautet der Vorwurf. Sie habe ihre justizielle Kompetenz als Regierungsstatthalterin missbraucht und im Interesse der Berner Regierung gehandelt.

Im Idyll Courtelary scheinen die Vorwürfe weit weg. 30 Kilometer und zwei enge Juraschluchten liegen zwischen Moutier und dem Sitz des Statthalteramtes des Kreises Jura Bernois. Niederhauser ist als Tochter eines Emmentalers und einer Freiburgerin inmitten der ideologisch geführten Jura-Frage aufgewachsen. Den Separatismus erlebte sie von klein auf mit, doch er habe ihre Kindheit nicht geprägt. Ihre ­Eltern seien nicht militant gewesen, sagt Niederhauser. «Sie hatten zwar ihre Meinung, sprachen aber nicht darüber.»

Von der Sekretärin zur Regierungsstatthalterin

Als der Kanton Jura 1979 geboren wurde, war Niederhauser neun Jahre alt und lebte in Court, der Nachbargemeinde Moutiers. Zwei Jahrzehnte später begann sie als kaufmännische Angestellte auf dem Statthalteramt zu arbeiten. Zu jener Zeit wohnte sie während zehn Jahren in Moutier. Der separatistische Stadtpräsident Marcel Winistoerfer unterrich­tete damals an der Schule ihre Tochter. «Wenn ich dort ein Haus gefunden hätte, würde ich vielleicht noch immer dort wohnen», sagt Niederhauser. Sie schwärmt vom Städtchen, in dem sie sich nun bei der Hälfte der Bevölkerung äusserst unbeliebt machte.
In zwanzig Jahren auf dem Statthalteramt arbeitete sich Niederhauser von der Sekretärin zur Stellvertreterin hoch. Letztes Jahr wählte der Jura Bernois die Freisinnige zur neuen Statthalterin.

Auf dem Schreibtisch warteten die Beschwerden aus Moutier. Als die «Berner Zeitung» im Frühling nach Courtelary reiste, sprach Niederhauser noch offenherzig über das Moutier-Dossier. «Es macht mich traurig, dass der Konflikt nach Jahren der Beruhigung in Moutier wieder ein Problem ist», sagte sie etwa. Drei Tage, nachdem Niederhauser die Abstimmung annulliert hat, erwidert die Statthalterin auf sämtliche Fragen, die den Fall Moutier berühren: «Je ne réponds pas à cette question.» Der Druck auf ihre Person ist zu gross geworden. Zudem handelt es sich um ein laufendes Verfahren, das Urteil dürfte weitergezogen werden.

Über die Rolle der Regierungsstatthalterin im allgemeinen Sinn spricht sie aber. Sie finde es gut, dass es im Kanton Bern diese Instanz gebe, die mit einem erstinstanzlichen Verwaltungs­gericht vergleichbar ist. «Wir sind viel näher dran, haben gerade in einem derart grossen Kanton den direkten Draht zu den Menschen.» Im Jura Bernois sind ihr 40 Gemeinden unterstellt. Obwohl sie die Regierung vertrete, gebe diese keine Anweisungen. «Wir machen alle vier Jahre während sechs Monaten Politik», sagt Stéphanie Niederhauser. Dann nämlich, wenn Wahlen anstehen.

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