Vaterschaftsurlaub: Moderne Familienpolitik oder teure Lösung für ein Luxusproblem?

SP-Nationalrätin Yvonne Feri ist für den zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub, SVP-Nationalrätin Sandra Sollberger lehnt ihn ab.

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Pro: «Vaterzeit für einen guten Start ins Familienleben»

Yvonne Feri, Nationalrätin (SP/AG) ist für den Vaterschaftsurlaub.

Yvonne Feri, Nationalrätin (SP/AG) ist für den Vaterschaftsurlaub.

Bild: Keystone

Veränderte Lebens- und Familienformen verlangen nach Anpassungen in der Ausgestaltung der Sozialsysteme in der Schweiz. Viele Paare teilen sich heute die Erwerbs- und Kinderbetreuungsarbeit. Das System der sozialen Sicherheit, dem das Modell des berufstätigen Mannes und der haushaltführenden Frau zugrunde liegt, muss diesen gesellschaftlichen Wandel nachvollziehen. Mit einem Ja zum Vaterschaftsurlaub können wir einen bedeutenden Schritt in der Weiterentwicklung unseres Sozialsystems machen.

Mit Umsetzung der Mutterschaftsentschädigung vor fünfzehn Jahren wurde endlich der Tatsache Rechnung getragen, dass immer mehr Frauen erwerbstätig sind. In diesem Herbst gilt es, das verstärkte Engagement von Vätern bei der Kinderbetreuung mit der Einführung eines Vaterschaftsurlaubs familienpolitisch anzuerkennen. Von der sehr bescheidenen zweiwöchigen Vaterzeit profitieren viele: die Kinder, die Familien, die Väter, die Mütter, die KMU. Nach der Geburt eines Kindes organisieren sich Familien neu.

Sind Väter in dieser wichtigen Phase präsent, entwickeln sie eine intensivere Beziehung zu ihren Kindern und beteiligen sich auch längerfristig stärker an der Familienarbeit. Die Nähe und die Verfügbarkeit der Väter tun den Kindern gut. Neben einer engen Bindung sind positive Effekte u. a. auf die kognitive, soziale und emotionale Entwicklung der Kinder wissenschaftlich nachgewiesen. Und den Müttern vereinfachen es aktive Väter, weiterhin berufstätig zu sein.

Viele Arbeitgebende haben die Bedeutung familienfreundlicher Arbeitsbedingungen erkannt. Während grössere Firmen bereits heute Vaterschaftsurlaube anbieten, müssen KMU auf eine staatliche Regelung hoffen, da ihnen die finanziellen Möglichkeiten für eigene Lösungen fehlen. Indem wir am 27. September dem konservativ-bürgerlichen Referendum eine Abfuhr erteilen und den zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub annehmen, sagen wir Ja zu einer modernen und kindeswohlorientierten Familienpolitik, Ja zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie und Ja zur Förderung der Erwerbstätigkeit von Frauen.

Contra: «Keine zusätzliche Belastung durch teuren Vaterschaftsurlaub»

Sandra Sollberger, Nationalrätin (SVP/BL) spricht sich wegen der Wirtschaftslage gegen den Vaterschaftsurlaub aus. (Bild: Keystone)

Sandra Sollberger, Nationalrätin (SVP/BL) spricht sich wegen der Wirtschaftslage gegen den Vaterschaftsurlaub aus. (Bild: Keystone)

Der Papi-Urlaub schafft neue Ansprüche und hohe Kosten für die Allgemeinheit. Bezahlen müssen es dann alle: Jung und Alt, Grosseltern, Eltern und Kinderlose, Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Wir müssen uns bewusst sein, dass infolge der Corona-Krise bereits hohe, ungedeckte Mehrausgaben auf uns alle zukommen. Alle unsere Sozialwerke sind finanziell am Anschlag.

Die aktuelle Wirtschaftskrise verschärft die Lage drastisch. Die Arbeitslosenversicherung und die Sozialhilfe werden in den nächsten Monaten noch stärker unter Druck kommen, als sie es ohnehin schon waren. Gleichzeitig sind auch die Invalidenversicherung und die Altersvorsorge immer noch sanierungsbedürftig. Es geht um Milliarden, die fehlen. Als Finanzpolitikerin ist mir nicht mehr wohl dabei, wie die Sozialausgaben ins Unermessliche wachsen. Sie belaufen sich auf rund 200 Milliarden Franken jährlich und sind seit 2010 um 40 Milliarden Franken gewachsen. Und just in diesem Moment soll ein neues Sozialwerk, der Vaterschaftsurlaub, eingeführt werden? Das geht für mich nicht auf.

Ich finde es verantwortungslos, wie hier mit partikularen Interessen und einem Luxusproblem die Allgemeinheit und kommende Generationen belastet werden sollen. Dieses Geld wird in Zukunft irgendwo fehlen – vielleicht in der Bildung oder bei jedem im Portemonnaie. Solche Ansprüche sind nicht gratis. Am Schluss wird es den Mittelstand, unsere KMU, Büezer und Gewerbler am härtesten treffen, wenn die Sozialabgaben und Steuern weiter steigen wegen solcher Ferien-Ideen. Ich appelliere an die Eigenverantwortung der Eltern.

Ich verweise zudem auf die schon heute grosszügige und freiwillige Praxis der Schweizer Unternehmen, die teilweise ausgedehnte und grossmehrheitlich flexible Lösungen für junge Väter anbieten. Das gilt inzwischen sogar als Vorteil bei der Personalrekrutierung. Es braucht dafür kein neues, teures Sozialwerk und keinen staatlichen Zwang für unsere KMU.

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