MOBILITÄT: Digitale Revolution im Verkehr

Selbstfahrende Autos und andere neue Technologien könnten den Verkehr umwälzen. Die Politik aber hinke hinterher, kritisieren Experten. Sie setze auf den Ausbau von Strassen statt auf innovative Lösungen.

Maja Briner
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Was tun gegen Staus? Abhilfe schaffen könnten neue Technologien.. (Bild: ky)

Was tun gegen Staus? Abhilfe schaffen könnten neue Technologien.. (Bild: ky)

Maja Briner

In den Ausbau von Strassen will der Bund bis 2030 insgesamt 6,5 Milliarden Franken investieren. Das Geld soll aus dem neuen Verkehrsfonds NAF stammen, über den am 12. Februar abgestimmt wird. Manche Fachleute kritisieren allerdings, der Bund setze dabei die Prioritäten falsch. Daniel Müller-Jentsch von der liberalen Denkfabrik Avenir Suisse sagt: «Die Politik versucht, Verkehrsprobleme zu lösen, indem sie die Infrastruktur ausbaut. Der NAF ist ein Beispiel dafür.» Dabei wäre es laut dem Verkehrsexperten günstiger und effizienter, auf neue Technologien zu setzen. «Die Politik steckt noch im Ingenieursdenken des 19. Jahrhunderts fest», kritisiert er.

Ähnlich äussert sich Wolfgang Stölzle, Professor für Logistikmanagement an der Uni St. Gallen und Mitverfasser der Studie «Vision Mobilität Schweiz 2050». Er sagt: «Die Staustunden in der Schweiz explodieren, es braucht dringend Innovation im Strassenverkehr. Mit ein wenig Retuschen an ausgewählten Knotenpunkten löst man das Problem nicht.» Vielmehr brauche es intelligente Lösungen, fordert er. Dadurch könne man «bis zu zehn Prozent mehr Kapazität rausholen».

«Mut für Innovationen fehlt»

Die Politik müsse umdenken und wegkommen von teuren Infrastrukturlösungen, fordert auch Müller-Jentsch: «Dank neuer Technologien und Mobility Pricing könnten Verkehrsprobleme besser gelöst werden – günstiger für den Steuerzahler und rascher», sagt er. Die Digitalisierung eröffne viele neue Möglichkeiten, um die Verkehrsströme optimaler zu lenken und die Kapazitäten besser zu nutzen. Als Beispiel nennt Müller-Jentsch unter anderem smarte Ampelschaltungen und automatisierte Parkplatzsuchsysteme.

Viel Potenzial würden laut Wolfgang Stölzle selbstfahrende Fahrzeuge bieten, da diese näher hintereinander fahren können als normale Autos. Dazu müsste aber vieles geändert werden, etwa das Verkehrsrecht: «Hier ist die Politik gefordert, und nicht nur die Autohersteller», sagt Stölzle. Beispielsweise müsse die Frage geklärt werden, wer bei einem Unfall mit einem selbstfahrenden Auto haftet.

Mit der Schweizer Verkehrspolitik geht Stölzle hart ins ­Gericht: Diese sei seit einigen Jahren extrem defensiv unterwegs, handle reaktiv und öffne sich nur zögerlich für Innovationen. Das zeige sich etwa beim NAF. «Die Politik hat nicht mehr den Mut wie früher, als etwa der Bau der Neat beschlossen wurde», kritisiert er.

Bundesrat will an Planung festhalten

Der Bundesrat hat das Thema indes durchaus auf dem Radar, sein Zeithorizont ist aber ein anderer. In einem Bericht hielt er diese Woche fest, er gehe davon aus, dass automatisierte Fahrzeuge in den nächsten 15 bis 25 Jahren einen «beträchtlichen Anteil» der zugelassenen Autos ausmachen werden. Dank selbstfahrender Autos könnte die Infrastruktur effizienter genutzt werden, schreibt der Bundesrat im Bericht.

Dennoch könnten sich die Kapazitätsprobleme auf der Strasse unter Umständen verschärfen. Denn es kommt laut Bundesrat darauf an, wie die neuen Möglichkeiten genutzt werden: Ob ein selbstfahrender Bus mehrere Personen transportiert oder sich alle einzeln zur Arbeit chauffieren lassen – und das Auto anschliessend wieder nach Hause schicken. Nach Ansicht des Bundesrats liegen daher noch keine verlässlichen Erkenntnisse vor, «die eine Abkehr von der eingeleiteten Infrastrukturplanung für Strasse und Schiene nahe legen würden». Mit anderen Worten: Die Prognosen sind noch zu unzuverlässig, um heute etwas zu ändern.

Auch das Bundesamt für Strassen verteidigte auf Anfrage den NAF. Es gab zu bedenken, die neuen Technologien würden ebenfalls Investitionen in die Infrastruktur bedingen, etwa wenn Strassen mit Sensoren ausgerüstet werden.