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Kommentar

Mobbing, Sexismus, Korruption: Wo die ETH nicht Weltspitze ist

Welche Lehren sich aus dem Fall Carollo ziehen lassen.
Yannick Nock
Yannick Nock

Yannick Nock

Die ETH ist ein Leuchtturm der Schweizer Bildungslandschaft. Der Bundesrat lässt keine Gelegenheit aus, das internationale Renommée der Hochschule hervorzuheben. Studenten aus aller Welt reisen nach Zürich, um sich ausbilden zu lassen.

Und die Hochschule schafft es regelmässig in die Top 10 der besten Universitäten überhaupt. Doch vom eigentlichen Stellenwert war in den vergangenen Monaten wenig zu spüren. Mobbing, Sexismus und Korruption machten stattdessen Schlagzeilen. Oder, um ein japanisches Sprichwort zu bemühen: Am Fusse jedes Leuchtturms herrscht Dunkelheit.

Nun gilt es, Licht ins Dunkle zu bringen. Auslöser der Affäre war eine ETH-Professorin. Marcella Carollo soll Doktoranden jahrelang gemobbt und systematisch schikaniert haben. Sie spricht ihrerseits von einem privaten Rachefeldzug gegen sie.

Nach mehreren Untersuchungen, Berichten und Anschuldigungen kam es vergangene Woche zur ersten offiziellen Entlassung einer Professorin an der ETH. Vermutlich wird ihr Anwalt den Entscheid anfechten. Egal wie es ausgeht, der Ruf der Universität hat gelitten. So brillant manche Hochschulen sind, so ungeschickt verhalten sie sich in Krisenzeiten. Zu keinem Zeitpunkt gelang es der ETH, deeskalierend zu wirken. Schon jetzt zählt der Fall zu den grössten Skandalen der 164-jährigen Geschichte der Universität. «Die Situation an der ETH war noch nie so zugespitzt wie jetzt», sagte der Präsident des ETH-Rats. Der Elfenbeinturm wackelt. Es braucht Veränderungen, damit er nicht stürzt.

Unabhängig vom Einzelfall – bei dem Aussage gegen Aussage steht – ist das Machtgefälle zwischen Professoren und Doktoranden zu gross. Universitäten sind wie Pyramiden: Heerscharen von Nachwuchswissenschaftern unten stehen oben nur wenige Professoren gegenüber.

Die Jungen drängen an die Spitze, doch viele müssen sich von einer befristeten Stelle zur nächsten hangeln. Sie bleiben abhängig von den Professoren. Ohne sie gibt es kein Geld, keine Expertise, keine Karriere. Der Doktorvater ist Vorgesetzter und Arbeitgeber in einer Person. Richter und Henker.

Wer wagt es, sich da zu beschweren?
Als Vorbild für den nötigen Kulturwandel könnten US-amerikanische Universitäten dienen. Denn sie haben dieselbe Debatte bereits geführt. Angestossen wurde sie von einem Brief, der vor knapp zehn Jahren unter jungen Akademikern die Runde machte. Ein Professor des California Institute of Technology wies im Schreiben einen seiner Doktoranden zurecht. «Guido», heisst es im Brief, «ich erwarte, dass du neben den gewöhnlichen Arbeitszeiten auch an Abenden und den Wochenenden arbeitest.» Das sei so üblich.

Zudem zeigte sich der Professor irritiert über eine Ferienanfrage: «Das geht mir auf die Nerven. Du musst deine Arbeitsmoral radikal ändern.» Er erhalte täglich neue Bewerbungen, schliesst der Professor. «Wenn du die Arbeitsanforderungen nicht erfüllen kannst, finde ich sicher jemanden, der es kann.» Dass die ETH im Zuge der aktuellen Affäre ihre Professoren künftig in Führungskurse schicken und den Doktoranden mehrere Betreuer zur Seite stellen will, ist richtig. Doch es gibt weitere Möglichkeiten.

Eine ist das Departmentsprinzip, wie es neben den amerikanischen auch skandinavische Hochschulen eingeführt haben. Dort verfügen Professoren über deutlich weniger Macht. Ihnen gehört kein Departement, sie müssen es nicht managen, stellen keine Mitarbeiter ein. Dafür ist ein Chairman zuständig. Die Professoren teilen sich Verwaltungsangestellte, Assistenten und Forschungsgeräte. Doktoranden werden hier nicht einzelnen Professoren zugeordnet, sondern suchen sich ihre Betreuer aus.

Eine zweite Variante brachte der Präsident der Akademien der Wissenschaften vergangene Woche ins Spiel. Bei schlechter Personalführung müsse die Schulleitung eingreifen und die nächste Gehaltsstufe des Professors aussetzen – oder gleich den Lohn für einige Monate kürzen. So sollen Auseinandersetzungen beendet werden, bevor sie eskalieren. Denn einfach entlassen können Schweizer Universitäten die Professoren nicht. Sie sind quasi unkündbar.

Was Akademiker einst vor Einflussnahme aus der Politik schützen sollte, schadet heute vielen Unis. Wer eine Stelle auf Lebzeiten innehat, muss sein Verhalten weniger überdenken. Garantierte Jobs bis zur Pension gibt es sonst nur im Vatikan. Doch anders als der Stuhl des Papstes in Rom, darf ein Lehrstuhl einer Universität nicht heilig sein. Man muss ihn sich verdienen, als Forscher und als Mentor.

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