Mitgliederzahl verdoppelt: Die US-Demokraten in der Schweiz rüsten auf

Angestachelt vom Ziel, Donald Trump aus dem Weissen Haus zu jagen, engagieren sich vermehrt US-Expats im Wahlkampf, so auch in Genf. Zu Besuch bei einem Partei-Anlass in der Romandie – mit Nachos, Bagels und offenen Fragen. 

Benjamin Weinmann
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Auf Englisch würde man von einer «Safe Zone» sprechen, einem Ort, wo man sich sicher fühlen kann. Sicher vor der aktuellen US-Regierung, zum Beispiel. An diesem Abend ist der Name «Donald Trump» tabu. «Wir wollen positiv sein und nach vorne schauen», sagt der Vorsitzende der Organisation «Democrats Abroad Switzerland», als er die Gäste willkommen heisst. Rund 20 Amerikanerinnen und Amerikaner sind gekommen, um sich ein Bild über das grosse Kandidatenfeld der Demokraten zu machen, oder die Unentschiedenen von ihrem bevorzugten Kandidaten zu überzeugen.

Es ist sieben Uhr abends im noblen Genfer Stadtviertel Champel. Farid, 36-jährig und aus Kalifornien, hat seine Wohnung für den Partei-Anlass zur Verfügung gestellt. Die Gäste kommen direkt von der Arbeit – viele von ihnen arbeiten bei NGOs oder renommierten Organisationen in der internationalen UNO-Hauptstadt. An der Eingangstür hängen zwei kleine US-Flaggen. In der Küche stehen Nachos mit Guacamole und Bagels mit Frischkäse bereit.

Für die Demokratische Partei geht es ab kommender Woche darum, den Kandidaten zu küren, der Donald Trump bei den Präsidentschaftswahlen am 3. November aus dem Weissen Haus verdrängen soll. Der wohl ungewöhnlichste Präsident der US-Geschichte mobilisiert nicht nur die eigenen Anhänger der Republikanischen Partei – sondern auch die Opposition in der Schweiz. Anfang 2016, vor Trumps Wahl, zählte «Democrats Abroad Switzerland» etwa 1700 Mitglieder. Heute sind es 3200 – fast doppelt so viele wie vor der Wahl des US-Milliardärs.

Der Kampf um die Zukunft der USA wird auch in der Schweiz ausgefochten.

Der Kampf um die Zukunft der USA wird auch in der Schweiz ausgefochten. 

Flashpop / Digital Vision

Mehr Werbung, mehr Wahllokale, mehr Engagement

«Wir spüren, dass sich mehr Ausland-Amerikaner engagieren wollen, damit bei den Wahlen im Herbst ein Demokrat siegen wird», sagt Liz Voss, Sprecherin der Demokraten in der Schweiz. Der aktuelle Präsident spiele definitiv eine Rolle für diesen internen Schub. «Bei den Wahlen 2016 hatten wir nur zwei Wahllokale in der Schweiz, wo unsere Mitglieder während eines Tages ihre Stimme abgeben konnten. Für die bevorstehenden Vorwahlen planen wir im März Wahllokale in Zürich, Genf und Basel, wo unsere Mitglieder an zwei Tagen ihre Stimme persönlich abgeben können. Wir investieren mehr in Werbung und kontaktieren unsere Mitglieder, um sie auf die Wahlen aufmerksam zu machen.» Hinzu kämen diverse Info-Veranstaltungen. Bei den letzten Wahlen haben laut Voss nur 700 Demokraten in der Schweiz gewählt. «Dieses Jahr sind es hoffentlich deutlich mehr», sagt Voss.

Die Gäste an diesem Abend in Genf werden es sich nicht nehmen lassen, abzustimmen – auch wenn etwa zwei Drittel von ihnen noch nicht weiss, ob sie ihre Stimme Bernie Sanders, Elisabeth Warren, Joe Biden oder Pete Buttigieg geben werden. Gastgeber Farid, ein Videospielproduzent aus Los Angeles, hat sich seine Meinung bereits gemacht. «Ich wähle Warren, ganz klar.» Farid, der sich auch schon für die Wahlkampagne von Barack Obama engagiert hatte, arbeitete vor zehn Jahren in Washington D.C. im Team von Elizabeth Warren, der Senatorin aus Massachusetts. «Sie ist eine sehr warmherzige Person mit grossen Ideen, und das ist genau das, was wir jetzt brauchen.»

Als 2016 fast alle Experten prognostizierten, dass Hillary Clinton die deutliche Siegerin sein würde, sagten manche Wähler, sie würden bei einer Wahl Trumps das Land verlassen. Die meisten taten es nicht – Farid hingegen schon. «Ich hatte gesagt, dass ich in die Schweiz flüchten würde, und so kam es.» Als US-Bürger mit arabischen und südamerikanischen Wurzeln habe er sich in seinem Land nicht mehr wohl gefühlt:

«Ich stehe für alles, was Trump hasst.»

Die Mauer zu Mexiko, das Reiseverbot für arabische Länder – irgendwann sei es zu viel für ihn geworden. «Es war deprimierend. Also suchte ich eine Stelle in der Schweiz und wurde beim WEF fündig.» Inzwischen arbeitet er selbständig in der Medienbranche.

Ein Projektor zeigt eine Liste von möglichen Themen, über welche die Gäste sprechen könnten: Waffengesetze, Klimawandel, Frauenrechte, und so weiter. Doch soweit kommt es nicht. In Farids Wohnung gibt es heute Abend nur ein Thema, das die anwesenden US-Bürger interessiert: die demokratischen Kandidaten und ihre Wahlchancen. Young, eine Anwältin aus Washington D.C., erklärt den Anwesenden, weshalb sie für den Aussenseiter Pete Buttigieg stimmen wird: «Als ich das erste Mal von ihm hörte und erfuhr, dass er erst 37-jährig ist, gab ich ihm keine Chance.» Doch dann habe sie den ehemaligen Bürgermeister aus der Stadt South Bend, Indiana, sprechen gehört. «Mit seiner mitfühlenden Art ist er am besten dafür geeignet, das Volk wieder zusammenzubringen, er schaut auf niemanden herab.» Momentan verspüre sie so viel Hass in den USA.

Buchautor und Politaktivist Eric, 64 Jahre alt und ursprünglich aus Brooklyn, New York, weilt beruflich in Genf und nutzt die Gelegenheit, um Parteimitglieder zu treffen. Er hält ein flammendes Plädoyer für Bernie Sanders, den 78-jährigen, der ebenfalls in Brooklyn aufwuchs, seit 2007 Jahren für Vermont im Senat sitzt und 2016 in den Vorwahlen knapp Hillary Clinton unterlegen war. Schon damals hatte sich Eric für Sanders eingesetzt. «Er ist der Kandidat, der trotz seines hohen Alters bei der jungen Wählerschaft am meisten Enthusiasmus auslöst. Und es war der fehlende Enthusiasmus bei Clintons Kandidatur, der dazu führte, dass zu wenig Demokraten stimmen gingen.»

Sanders tritt an gegen den «betrügerischen Halunken»

Jemand kontert: Bis heute sei unklar, wie Sanders seine sozialistischen Pläne finanzieren wolle, zum Beispiel die kostenlosen Universitäten. Zudem seien seine Ergebnisse als Senator bescheiden. Eric antwortet, als würde Sanders ihm die Antworten über ein Chip im Ohr vorsagen, und mit dem gleichen Brooklyn-Akzent wie jener des Senators. Wenn erst einmal die viel zu hohen Gesundheitskosten gesenkt würden, seien auch Gratis-Studiengänge möglich – «so wie es in den 40er- und 50er-Jahren in den USA auch der Fall war.» Überhaupt, Sanders kandidiere nicht mit seiner Bilanz im Senat, sondern mit seiner Vision für das Land. Er werde in den ersten 100 Tagen im Amt so viele Entscheide des jetzigen US-Präsidenten rückgängig machen, wie nur möglich. Eric erwähnt Trumps Namen nicht, sondern spricht von «diesem betrügerischem Halunken». In der «Safe Zone» ist das erlaubt.

Es ist bereits 22.30 Uhr, die meisten Bagels und Chips sind gegessen. Vor diesem Gesprächsabend war die Mehrheit der Gäste noch unentschieden. Und so bleibt es auch der zweieinhalbstündigen Diskussion. Manche sagen zumindest, es hätten sich einige Politiker aus dem grossen Feld für sie herauskristallisiert. Die Organisatoren betonen zum Schluss nochmals, man solle als Ausland-Demokrat seine Stimme abgeben, da diese aufgrund des komplizierten Wahlsystems in den USA mehr Gewicht habe im Vergleich zur Abstimmung im eigenen US-Staat.

Insgesamt leben rund 9 Millionen Amerikaner im Ausland, rund 20‘000 davon in der Schweiz. Bei den Vorwahlen 2016 gingen die meisten Stimmen der US-Expats an Bernie Sanders. Wer sie 2020 erhält, entscheidet sich Mitte März.

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