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Mister China trifft seine Freunde in Peking

China lässt viele Reisende ratlos zurück. Das ist auch bei der bundesrätlichen Reise von Johann Schneider-Ammann nicht anders. Strebsamkeit und Zukunftsglaube treffen auf Zensur und Verschwiegenheit.
Roger Braun, Peking/Schanghai
Ein gern gesehener Gast in China: Johann Schneider-Ammann bei der Feier zum Zehn-Jahr-Jubiläum des Netzwerks Swissnex China.Bild: Erwin Lüthi (Shanghai, 7. September 2018)

Ein gern gesehener Gast in China: Johann Schneider-Ammann bei der Feier zum Zehn-Jahr-Jubiläum des Netzwerks Swissnex China.Bild: Erwin Lüthi (Shanghai, 7. September 2018)

Wenn Johann Schneider-Ammann eine Reise macht, dann ist das keine lockere Spritzfahrt. Der Wirtschaftsminister ist bekannt für strapaziöse Reisen in weit entfernte Länder. Das ist auch an jenem Mittwochmittag nicht anders, als sich am Flughafen Zürich eine illustre Runde aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft trifft, um für drei Tage nach China zu reisen. Viel Prominenz ist da: Economie­suisse-Präsident Heinz Karrer begrüsst Swiss-Life-Chef Rolf Dörig wie einen ­alten Bekannten. Der Präsident der Schweizer Hochschulen, Michael Hengartner, eilt mit einem Stapel englischsprachiger Zeitungen durch das Gate. Einzig auf Schneider-Ammann wartet man dort vergebens. Er ist nach der ­Bundesratssitzung in Bern direkt auf das Flugfeld in Zürich gebracht worden. Es wird nicht der letzte ehrgeizig bemessene Termin des Bundesrats sein.

China ist das bundesrätliche Reiseziel der Stunde. 21-mal war ein Bundesrat in den sechs vergangenen Jahren auf Besuch im bevölkerungsreichsten Land der Erde. Allein Schneider-Ammann war bereits viermal dort; er wird in Peking bereits Mister China genannt. Vor fünf Jahren unterzeichnete er das erste Freihandelsabkommen eines kontinentaleuropäischen Staates mit China. Die Beziehungen zwischen den beiden ­Staaten sind ausgesprochen gut. Das hat auch historische Gründe. So war die Schweiz einer der ersten westlichen Staaten, welche die Volksrepublik im Jahr 1950 als Staat und im Jahr 2007 als Marktwirtschaft anerkannte. Auf der aktuellen Reise ist das Ziel bescheidener: eine ungenau definierte Vertiefung der Zusammenarbeit in Wirtschaft und Wissenschaft.

Ohne Rücksicht auf Schlafbedürfnisse

Die Nacht im Flugzeug ist kurz. Die Zeitverschiebung um sechs Stunden sowie die frühe Ankunft um 5.15 Uhr lassen zahlreiche verschlafene Gesichter zurück. Immerhin das Wetter in Peking ist prächtig – dem China-Afrika-Gipfel sei Dank. Um den afrikanischen Staatsführern den Smog zu ersparen, hatte die chinesische Regierung kurzerhand Hunderte von Fabriken abgestellt, dementsprechend blau präsentiert sich nun der Himmel. Im Bus zum ersten Termin wird schnell klar, wieso die Delegation mit 50 Leuten ungewöhnlich gross ist. «China packt die Chancen der Digitalisierung», begeistert sich ein Maschinenunternehmer. Er trägt eine E-Watch, spricht über die Wirtschaft 4.0., über Elektromobilität, über digitale Zahlungssysteme. Ein anderer Unternehmer nickt. «Die Chinesen sind uns technologisch inzwischen voraus», sagt er. «Sie nutzen die Möglichkeiten des wissenschaftlichen Fortschritts, anstatt nur Gefahren zu sehen.»

Bundesrat Johann Schneider-Ammann trifft den Vize-Bürgermeister von Schanghai Zhou Bo. (Bild: Erwin Lüthi (Schanghai, 7. September 2018))
Bundesrat Johann Schneider-Ammann trifft den chinesischen Vizepremier Hu Chunhua im Hauptquartier der kommunistischen Partei in Peking. (Bild: Roger Braun (Peking, 6. September 2018))
Zum zehnjährigen Jubiläum von Swissnex China in Schanghai schneidet Bundesrat Johann Schneider-Ammann die Torte an. (Bild: Erwin Lüthi (Schanghai, 7. September 2018))
Zum zehnjährigen Jubiläum von Swissnex China in Schanghai schneidet Bundesrat Johann Schneider-Ammann die Torte an. (Bild: Erwin Lüthi (Schanghai, 7. September 2018))
Bundesrat Johann Schneider-Ammann mit der Wirtschaftsdelegation der Schweiz im chinesischen Handelsministerium in Peking. (Bild: Rudolf Minsch (Schanghai, 6. September 2018))
In Peking trifft Bundesrat Johann Schneider-Ammann den Handelsminister Chinas, Zhong Shan. (Bild: Rudolf Minsch (Peking, 6. September 2018))
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Bundesrat Johann Schneider-Ammann in China

Das sind Worte, die man auf dieser Reise oft hören wird. Das rasante Wirtschaftswachstum beeindruckt. Seit 1990 hat China 700 Millionen Menschen aus der Armut befreit; das Bruttoinlandprodukt pro Kopf hat sich verachtfacht. Galt China mit seinen Tieflöhnen einst die Werkbank der Welt, entwickelt es heute viele Produkte selbst. Shenzen ist bekannt als das chinesische Silicon Valley, in Hangzhou benutzt kaum mehr jemand Bargeld, und Peking verfügt über eine ­lebendige Start-up-Szene, die voll auf die Digitalisierung setzt. Der Staat schiebt derweil kräftig an. Bis 2025 will die Regierung eine Billion Dollar in den Hightech-Sektor investieren.

Die Besuche bei innovativen Firmen und Instituten stehen neben den politischen Treffen denn auch im Mittelpunkt der Reise. Nicht immer sind die Erfahrungen jedoch inspirierend. Am ersten Morgen führt der Weg an die technische Universität Peking. Der Raum ist kahl, das Englisch einiger Referenten kaum zu verstehen. Der Institutsdirektor taucht sogleich in die Tiefen der Astrobiologie ab. Er betet überladene Folien herunter und bombardiert die schlaftrunkenen Anwesenden mit Zahlen. Ein Schweizer Delegationsmitglied umgeht mit seinem Smartphone derweil die chinesische Internetzensur, um auf Google nachzusehen, was es mit den Polymeren auf sich hat. Die Worte in der Runde sind freundlich, das diplomatische Protokoll verpflichtet. Zurück bleiben indes vor allem verdutzte Gesichter. Ähnliches wird sich zwei Tage später am Zentrum für digitale Automobilindustrie in Schanghai wiederholen. Das Tempo der Präsentation ist horrend, zu allem Übel sind die Folien auch noch auf Chinesisch abgefasst. Schlüsse lassen nur die Säulen zu: Es scheint aufwärtszugehen. Die surrealen Präsentationen rufen bei einigen Schweizern auch Misstrauen hervor. Ein Vertreter einer Fachhochschule sagt: «Ich bin mir nicht sicher, ob sie immer offen sagen, wie weit sie in der Forschung sind.» Ein Manager sagt nach einer durchzogenen Testfahrt in einem selbstgesteuerten Elektromobil: «Ich gehe fest davon aus, dass die Chinesen bereits viel weiter sind, dies aber für sich behalten.» Die 50-köpfige Schweizer Delegation ist bunt durchmischt und folgt unterschiedlichen Programmen. Bundesrat Schneider-Ammann führt die offizielle Delegation an und nimmt je nach Ministertreffen unterschiedliche Interessenvertreter mit. Daneben gibt es je ein Programm für die Wirtschafts- respektive die Wissenschaftsdelegation.

Wenn der Dolmetscher bereits zensuriert

Das ranghöchste Treffen steht am Nachmittag des ersten Tages an. Schneider-Ammann trifft den chinesischen Vizepremier Hu Chunhua in Zhongnanhai, dem schwerbewachten Hauptquartier der kommunistischen Partei und Regierung. Über die Dolmetscher tauschen Schneider-Ammann und Hu einige Nettigkeiten aus, dann müssen die Medien den Raum verlassen. Dem Vernehmen nach wird Schneider-Ammann später die Menschenrechte ansprechen. Ob die Worte vom Dolmetscher übersetzt werden, bleibt indes zweifelhaft. Eine Reaktion bleibt auf alle Fälle aus.

Die Programmplanung erfolgt rollend. Da viele afrikanische Staatspräsidenten nach dem China-Afrika-Gipfel im Land geblieben sind, herrscht ein grosser Andrang bei den chinesischen Ministern. Für den vielbeschäftigten Wissenschaftsminister schiebt Schneider-Ammann um 18 Uhr ein Arbeits­essen ein – kurz bevor das Galadiner des schweizerisch-chinesischen Wirtschaftsforums beginnt. Ein Treffen mit dem Parteisekretär von Schanghai entfällt ganz. Und der als Alternative eingeplante Bürgermeister von Schanghai ist ebenfalls verhindert. Schliesslich trifft Schneider-Ammann mit dem Vizebürgermeister zusammen.

Müder Wirtschaftsminister ­punktet mit trockenem Humor

Schneider-Ammann hat sich ein Monsterprogramm aufgeladen. Alleine in ­Peking trifft er neben dem Vizepremier drei Minister und einen Vizeminister. In Schanghai schneidet er an der Nacht der Drohnen den Kuchen zum 10-Jahr-Jubiläum von Swissnex China an. Er gibt insgesamt drei Medienkonferenzen, hält mehrere Reden und spricht unzählige Grussworte. Der Tenor seiner An­sprachen, die er mit «my dear friends» ­einzuleiten pflegt, ist stets derselbe: Die Schweiz ist Innovationsweltmeister, ein Land der Digitalisierung, ein Land des internationalen Austausches. Häufig wirkt der Wirtschaftsminister müde, überrascht jedoch auch wiederholt mit seinem Schalk. Als er den Testbus erwähnt, der in Sitten autonom verkehrt, sagt er: «Der Bus hat elf Plätze, das reicht gerade für die Fussballmannschaft des FC Sion. Einen Sitz für den Trainer braucht’s ja nicht.»

Misstöne bleiben bei der Reise aus. Die Delegation besteht aus Leuten, die dem Wirtschaftsliberalismus anhängen. Und von den – überraschend zahlreichen – chinesischen Journalisten geht im Land der Medienzensur sowieso keine Gefahr aus. So kann es sich Schneider-Ammann leisten, die staatliche Repression Chinas auszublenden wie auch den Schweizer Journalisten, dem die Einreise verweigert wurde, da er in der Vergangenheit kritisch über die chinesische Regierung berichtet hatte. Wer wirtschaftlich so potent ist, der scheint sich ein solches Gebaren leisten zu können.

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