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Mensazwang für Vierjährige: Im Kanton Tessin formiert sich Widerstand

Kindergärtler dürfen im Kanton Tessin nicht zu Hause Mittag essen. Ein Elternverein gibt Gegensteuer – und setzt sich dafür ein, dass der Kindergartenbesuch am Nachmittag freiwillig wird.
Kari Kälin
Das schmeckt vielen Eltern nicht: Im Kanton Tessin müssen vierjährige Kinder das Mittagessen zwingend in der Mensa einnehmen. (Bild: Samuel Golay/Keystone/Ti-Press)

Das schmeckt vielen Eltern nicht: Im Kanton Tessin müssen vierjährige Kinder das Mittagessen zwingend in der Mensa einnehmen. (Bild: Samuel Golay/Keystone/Ti-Press)

Die Schulleitung lässt keine Ausnahme zu. Selbst Kindergärtler mit einer Nahrungsmittelunverträglichkeit müssen sich im Kindergarten verpflegen, ärztliches Attest hin oder her. Die Eltern geben ihrem Kind deshalb eine Mittagsmahlzeit zum Aufwärmen mit. Mit diesem Beispiel illustriert der zweifache Familienvater Enrico Ferrari, was im Kanton Tessin seiner Meinung nach im Schulwesen falsch läuft: Seit das Bildungskonkordat Harmos 2009 in Kraft getreten ist, ist der Kindergartenbesuch bereits ab vier Jahren obligatorisch. Und nicht nur das. Im Gegensatz zu den Primarschülern dürfen die Kleinsten über Mittag nicht nach Hause. Ennet des Gotthards gilt ein Mensazwang für Vierjährige. Die Bildungsdirektion hat ihn erst kürzlich mit einer Weisung bekräftigt.

Ein Plädoyer für Wahlfreiheit

Ferrari entdeckte die Problematik vor gut einem Jahr, als sein Sohn ins Kindergartenalter kam. Er und seine Frau hätten das Mittagessen liebend gerne täglich mit ihm und seiner älteren Schwester am Familientisch genossen. Doch die kantonalen Gesetze berauben sie dieser Möglichkeit. Im letzten April gründete Ferrari deshalb mit anderen Eltern den Verein «Aripe» (für eine pädagogisch vernünftige Kindheit). Das Ziel lautet, das staatlich verordnete Mittagessen abzuschaffen. Ferrari und seine Mitstreiter setzen sich weiter dafür ein, dass der Kindergartenbesuch am Nachmittag freiwillig wird.

Aktuell verbringen die Kinder sieben Stunden am Stück im Kindergarten. Er habe nichts gegen eine Tagesstruktur, sagt Ferrari. Viele Eltern seien auf eine externe Kinderbetreuung angewiesen, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. «Aber in einem freien Land sollten die Eltern frei wählen können, ob sie mit ihren Kindern zu Mittag essen wollen oder nicht», sagt Ferrari:

«Ein Staat, der den Eltern diese Freude verweigert, ist grausam.»

Ferrari weist darauf hin, dass kein anderer Schweizer Kanton ähnlich strikte Regeln kennt. Dies räumte neulich Bildungsdirektor Manuele Bertoli (SP) in einer Parlamentsdebatte ein. Schliesslich, so Ferrari, müsse man dem unterschiedlichen Entwicklungsstand Vierjähriger Rechnung tragen. «Nicht alle sind in diesem Alter soweit, dass sie problemlos sieben Stunden ausserhalb der Familie verbringen können.»

Ferraris Facebookseite zur Abschaffung der Mensapflicht und der Einführung des freiwilligen Kindergartennachmittags stösst auf Resonanz. Rund 1300 Personen unterstützen das Anliegen. Zahlreiche Eltern haben bereits Ferraris Verein um Unterstützung gebeten. Und Anfang Jahr verlangten mehr als 300 Kindergärtner und Kindergärtnerinnen in einem Brief an die Bildungsdirektion das Ende des Mensazwangs. Das Mittagessen sei stressig und bringe wenig, sagen sie.

Volksinitiative in der Hinterhand

Auf politischer Ebene bemühen sich Vertreter von CVP, SVP und Lega dei Ticinesi, den Mensazwang aufzuheben. Im November trifft sich Ferrari mit der Bildungskommission des Kantonsrats. Er wird sie bitten, auch die Forderung nach dem kindergartenfreien Nachmittag aufzunehmen. Scheitern Ferraris Anliegen im Parlament, lanciert er mit seinem Verein eine Volksinitiative. Die Mensapflicht wurde im Tessin in den 1950er Jahren installiert. Sie gehört quasi zur pädagogischen DNA des Kantons. Erst seit dem Harmos-Zeitalter jedoch müssen die Eltern ihre Kinder zwingend ab vier Jahren in den Kindergarten schicken. 96 Prozent aller Kindergärten verfügen über eine Kantine. Dort ist das Mittagessen obligatorisch.

Professorale Unterstützung

Die Bildungsdirektion attestiert dem gemeinsamen Mittagessen einen hohen erzieherischen Wert. Die Kinder, sagt eine Departementssprecherin, würden Sozialkompetenzen erwerben, Tischmanieren lernen und sich ausgewogen ernähren. Ferrari kontert: «Deutschschweizer Kindergärtler essen auch nicht mit den Händen.» Unterstützung erhält Ferrari von wissenschaftlicher Seite:

«Dass vierjährige Kinder ganztags einen Kindergarten besuchen müssen, ist eine extreme Umsetzung des Harmos-Konkordats»

Dies sagt Margrit Stamm, emeritierte Professorin für Erziehungswissenschaften und Leiterin des Forschungsinstituts «Swiss Education» mit Sitz in Aarau. Ein Obligatorium in diesem Alter sei fragwürdig, weil sich die Kinder in entwicklungspsychologischer Hinsicht sehr stark unterscheiden würden. Auch beim Znüni könne man überfachliche Kompetenzen erwerben. «Es wäre ein Eigengoal, wenn soziales Lernen nur über Mittag stattfände.» Es versteht sich von selbst, dass Stamm auch die Mensapflicht ablehnt. Für sie wäre es viel wichtiger, bei der Sprachförderung Verbindlichkeiten zu schaffen: «Es kann nicht sein, dass Kinder in den Kindergarten kommen und kein Wort der Ortssprache sprechen.»

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