Mehr Show als Showdown

Als «Nacht der langen Messer» ist sie bekannt, die Nacht vor Bundesratswahlen. Vieles daran ist Mythos. In erster Linie inszeniert sich die Classe politique medienwirksam.

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Die Zeiten, in denen die «Königsmacher» in den Beizen um unentschlossene Parlamentarier gerungen hätten, seien vorbei. Heute trieben sie ihre Spielchen per SMS, hört man im Bundeshaus. «Die Nacht der langen Messer ist nichts weiter als ein Mythos», sagt Gabi Huber, Präsidentin der FDP-Fraktion. Das sagen viele andere auch.

Heute nachmittag, nach den Fraktionssitzungen, geht jeder seinen Verpflichtungen nach, bis sich die Fraktionen morgen um 7 Uhr wieder treffen.

Hildegard Fässler (SP/SG) etwa trifft sich mit der Gruppe 2011, einer Sponsorenvereinigung der SP. Hans Fehr (SVP/ZH) tritt im Tessiner Fernsehen auf. Ein Teil der CVP-Fraktion besucht am frühen Abend das Forum politique im Casino. Andere ziehen es vor, den Abend individuell zu verbringen: Felix Müri (SVP/LU) fährt zum Jassen nach Luzern, Jürg Stahl (SVP/ZH) zum Champions-League-Spiel nach Zürich – und Bundesratskandidat Christian Lüscher verbringt den Abend zusammen mit seiner Mutter und seinen Söhnen.

Und doch gibt es sie, die Treffpunkte in der Berner Altstadt, wo die Parlamentarier während der Session den Abend ausklingen lassen. Zum Beispiel das «Diagonal», das «Della Casa», das «Schwellenmätteli» oder das «Fédéral». Diese gehören alle zur Kategorie B. Zur Kategorie A gehören die «Bären-Bar», wo sich vornehmlich Bürgerliche aufhalten, und der «Kornhauskeller», Treffpunkt der Linken.

Der heisseste «Hotspot» in den Nächten vor Bundesratswahlen ist aber die «Bellevue-Bar». Sie erlangte am 11. Dezember 2007 neue Faszination, als Christian Levrat, Alain Berset und Ueli Leuenberger dort die Abwahl von Christoph Blocher vorbereiteten. Angeblich soll hier 1983 auch die Wahl von Otto Stich eingefädelt worden sein. Der Grund, weshalb die «Bellevue-Bar» auch heute abend wieder ein Schmelztiegel aller Couleurs sein wird, ist ein simpler: Hier werden die Direktsendungen von Radio und Fernsehen inszeniert.

Wo es Mikrophone hat, da hat es auch Politiker. Und wo es Politiker hat, da hat es Journalisten. Kommt es hier spätabends zum grossen Showdown? «Ach wo», sagt Gabi Huber, «nicht Showdown, nur Show.»

David Angst, Bern

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