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Mehr Schweiz für die Russen

Es sei gerade jetzt eine gute Zeit, um als Schweizer KMU den Schritt nach Russland zu wagen, sagt Pierre Helg, Schweizer Botschafter in Moskau.
Richard Clavadetscher
Pierre Helg: Noch nie in der Geschichte hatte der gewöhnliche Russe so viel Geld zur Verfügung wie heute. (Bild: Benjamin Manser)

Pierre Helg: Noch nie in der Geschichte hatte der gewöhnliche Russe so viel Geld zur Verfügung wie heute. (Bild: Benjamin Manser)

Herr Helg, Sie sprachen vor Rheintaler Unternehmern über Chancen von Schweizer Firmen in Russland. Das erstaunt. Hier ist man überzeugt, dass solche Chancen mindestens zurzeit gar nicht existieren.

Pierre Helg: In der heutigen schwierigen Situation richtet sich Russlands Fokus vermehrt auch auf die Schweiz. Und man nimmt zur Kenntnis, dass Schweizer Unternehmen ein sehr gutes Profil haben. Diese Aufmerksamkeit gilt es zu nutzen, ohne dass indes EU-Sanktionen via Schweiz umgangen werden.

Wer darf sich denn Hoffnung machen auf ein gutes Russlandgeschäft?

Helg: All jene, die wichtige und überzeugende Produkte und Dienstleistungen anbieten. Es sind zurzeit circa 600 Unternehmen, die in Russland tätig sind. Von diesen sind bei der Schweizer Botschaft rund 200 immatrikuliert. Das ist wenig für dieses grosse Land, für diesen grossen Markt.

Einmal abgesehen von einer allmächtigen Bürokratie befindet sich Russland in einer Rezession, der tiefe Ölpreis kommt erschwerend hinzu – und schliesslich leidet das Land unter Sanktionen aufgrund der Ukraine-Krise. Wie kann man sich da für Russland entscheiden?!

Helg: Ich meine, es sei eine gute Zeit – gerade weil es drei, vier Jahre braucht, um sich auf dem russischen Markt zu etablieren. Wenn wir nun annehmen, dass die erwähnte Krise in drei, vier Jahren vorbei sein wird, dann sind diese Unternehmen schon vor Ort.

Um die Rechtssicherheit stehe es ebenfalls nicht zum Besten: Wer etwa der Obrigkeit unangenehm auffalle, habe prompt die Feuerschau oder Steuerfahndung im Haus – und die fänden immer etwas.

Helg: Es stimmt zwar, dass es zur Schweiz gewisse Unterschiede gibt bezüglich Rechtssicherheit, und der Markt ist nicht ganz einfach. Was Sie ansprechen, kommt tatsächlich vor. Aber man muss auch sagen, dass es gerade bei der Rechtssicherheit Verbesserungen gab in den letzten Jahren. Russland reagiert auf entsprechende Kritik. Es gibt unterdessen sogar einen Ombudsman für KMU mit entsprechenden Problemen. Über alles gesehen kann man in Russland sehr gute Geschäfte machen. Dasmuss man fairerweise auch sagen.

Tatsache ist, dass Russland sein Geld im Ausland nach wie vor mit Bodenschätzen verdient. Industriell ist das Land – abgesehen von der Rüstungsindustrie – nicht konkurrenzfähig. Was sind die Gründe?

Helg: Zuerst stimmt es, dass die Diversifizierung noch ungenügend ist. Das ist auch eine grosse Sorge der Behörden. Wir dürfen nicht vergessen, dass Russland ein grosses Land ist und Änderungen entsprechend Zeit brauchen. Aber man ist heute an dem Punkt, wo mit Bodenschätzen noch 30 bis 40 Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP) erwirtschaftet werden. Der Rest wird etwa mit dem Agrarsektor, dem Pharmasektor, dem Transportsektor erwirtschaftet. Natürlich ist das noch nicht, was das Land braucht, aber man ist auf dem Weg. Und man will schnell vorwärts kommen. Deshalb ist das Interesse an Joint Ventures gross. Und diese Joint Ventures wiederum sind deshalb für Schweizer KMU interessant, weil der russische Partner nützliches Know-how über die Gegebenheiten im Land einbringt.

Es scheint, dass der Wille, ein Unternehmer zu sein, noch nicht sehr verfestigt ist in der russischen Bevölkerung. Das hat wohl historische Gründe?

Helg: Da haben Sie zweifellos recht. Gerade Leute mit einer guten Ausbildung bevorzugen grosse und wichtige Unternehmen, um ihr Können auch vorzeigen zu können. Vergessen wir aber nicht, dass der Kapitalismus in Russland noch jung ist, und man sollte dabei die junge Generation nicht unterschätzen. Da tut sich sehr wohl etwas. In der Region Moskau etwa werden bereits 30 Prozent des BIP von KMU erwirtschaftet. Ziel der Behörden ist 50 Prozent.

Uns hier in der Schweiz fällt auf, dass es «den reichen Russen» gibt – daneben aber viele arme Leute. Wie geht man in einem Land, das lange kommunistisch war, denn damit um?

Helg: Es gibt tatsächlich grosse Einkommensunterschiede. Dies vor allem in den Grossstädten. Vor allem ältere Leute bedauern manchmal den Untergang der Sowjetunion. Sie sagen nicht nur, dass es zu jener Zeit mehr Gleichheit gab, sie erwähnen auch, dass man die Wohnung nicht abzuschliessen brauchte. Richtig ist aber auch, dass sich seit dem Jahr 2000 die Kaufkraft der gewöhnlichen Bürger versechsfacht hat. Noch nie in der Geschichte Russlands hatte der gewöhnliche Bürger so viel Geld zur Verfügung wie heute.

Sie sitzen vor Ort. Über alles gesehen, wie präsentiert sich Ihnen Russland?

Helg: Russland interessiert mich, weil es andere Referenzen und Werte hat als Westeuropa. «Die russische Seele» ist auch in der Schweiz ein Begriff. Das Land schöpft zudem aus einer reichen Geschichte, und auch seine Leistungen sind imposant – denken Sie nur an die Realisierung von St. Petersburg. Das Leben ist sicher weniger organisiert als bei uns, aber mich beeindruckt dieses pulsierende Leben im heutigen Russland – besonders in den Städten. Die Menschen, schliesslich, sind herzlich, grosszügig, ich möchte sogar sagen grossherzig – ob sie nun viel Geld haben oder nicht.

Wie steht es denn um Ihren Zugang zum Kreml? Man könnte meinen, er sei wohl mindestens zurzeit besser als jener von Botschaftern aus Ländern der EU. Trifft dies zu?

Helg: (lacht) Also zuerst einmal kann man als Botschafter nicht einfach in den Kreml spazieren. Um Präsident Putin zu sehen, muss man schon Bundesrat Burkhalter sein. Ich habe mit den Leuten in den Ministerien zu tun. Sie machen ihre Arbeit professionell. Sie haben jedoch schon recht: Gerade in der aktuellen Krise werden die Neutralität der Schweiz und ihre Anstrengungen im Rahmen der OSZE sehr wohl registriert und anerkannt – auch wenn Russland findet, die Schweiz könnte ruhig noch etwas neutraler sein. Kurz: Die Schweiz ist präsent - auch aufgrund des regelmässigen parlamentarischen Austausches.

Im letzten Jahr rückte Russland in der Schweiz gleich aus zwei Gründen ganz besonders ins öffentliche Interesse: Die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern waren 200 Jahre alt, und die Schweiz hatte den OSZE-Vorsitz, was aufgrund der Ukraine-Krise ständigen Kontakt bedeutete. Brachte die russische Öffentlichkeit aus diesen Gründen der Schweiz mehr Interesse entgegen als sonst?

Helg: Absolut. Gerade das 200-Jahr-Jubiläum generierte ein sehr reichhaltiges Programm mit nicht weniger als 150 Veranstaltungen zu den verschiedensten Themen mit zahlreichen Gästen. Es war auch Anlass für viele Kontakte zu den russischen Medien. Entsprechend gross war das Interesse. Ihre Arbeit in der OSZE wiederum gab der Schweiz Profil. Sie müssen wissen, dass es in Moskau 165 Botschaften gibt – und die Schweiz ist ja nun nicht das wichtigste Land auf der Welt. Aus der Sicht des Schweizer Botschafters in Russland waren die beiden Ereignisse deshalb von grossem Wert.

Russland fühle sich eingekreist und nicht mit gebotenem Respekt behandelt, hört man immer wieder. Hier liege der eigentliche Grund für die Entwicklungen in jüngster Vergangenheit. Sehen Sie dies auch so?

Helg: Russische Gesprächspartner verweisen immer wieder darauf, dass die Nato zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs der Sowjetunion gerade mal 16 Mitglieder hatte. Die Nato sage zwar, sie sei ein rein defensives Bündnis. Heute umfasse sie jedoch 28 Staaten. In Russland sieht man das im historischen Kontext: Wenn das Land je grosse Probleme hatte, kamen diese seit Napoleons Zeiten immer aus dem Westen, aus Europa.

Hier in der Schweiz verfestigt sich das Bild eines zunehmend autoritär regierten Landes. Zu Recht?

Helg: Im Vergleich zur Präsidentschaft von Dimitri Medwedew gibt es tatsächlich eine solche Entwicklung, und es gibt auch Opposition dagegen. Wenn Sie jedoch mit den Leuten auf der Strasse sprechen, werden viele von ihnen sagen, dass sie vor allem eines nicht mehr wollen: den Rückfall in das Chaos der Zeit vor der ersten Präsidentschaft von Wladimir Putin. Man hat dort also durchaus Interesse an einer starken Führung. Dies auch, weil Russland ein grosses Land mit verschiedenen Ethnien und Religionen ist.

Ideologisch habe der Nationalismus den Kommunismus ersetzt, und die Regierung unterscheide zwischen «Unsrigen» und «Nicht-Unsrigen». Zu Letzteren zähle sie die Opposition. Was sind die Gründe für diese innenpolitische Verhärtung?

Helg: Dass der Nationalismus den Kommunismus ersetzt hätte, scheint mir übertrieben. Die Unterscheidung zwischen «Unsrigen» und anderen allerdings gibt es im Umgang mit der Opposition, das stimmt. Allerdings scheint dies aktuell von geringerer Bedeutung zu sein: Wie in anderen Ländern in solchen Situationen ist auch in Russland die Opposition angesichts der gegenwärtigen Krise patriotischer als auch schon.

Welche Zukunft sehen Sie für dieses riesige Land?

Helg: Vor dem Hintergrund seiner tausendjährigen reichen Geschichte gebe ich Russland eine gute Zukunft – wenn einmal die Schwierigkeiten der Gegenwart überwunden sein werden.

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