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MEDIZIN: Initiative will jeden zum Organspender machen, der sich nicht dagegen wehrt

Neu soll jeder Verstorbene zum Organspender werden, wenn er sich zu Lebzeiten nicht explizit dagegen ausgesprochen hat. Parlament und Ethiker dürften der Volksinitiative aber wenig abgewinnen.
Michel Burtscher
Organtransplantationen sind in der Schweiz rückläufig. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Organtransplantationen sind in der Schweiz rückläufig. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Michel Burtscher

Jedes Jahr sterben in der Schweiz rund 100 Menschen, weil sie nicht rechtzeitig ein Organ transplantiert erhalten haben. Die Situation hat sich in den vergangenen Jahren zugespitzt, wie ein Blick auf die Statistik zeigt: Die Zahl der Patienten, die auf ein Organ warten, ist seit 2012 stark gestiegen. Gleichzeitig ist die Zahl der Menschen, die nach dem Tod ihre Organe spenden, zuletzt sogar gesunken.

Am Dienstag wird in Bern eine Volksinitiative lanciert, deren Ziel es ist, dass künftig mehr Organe gespendet werden. Der Titel des Volksbegehrens: «Organspende fördern – Leben retten.» Die Initianten streben einen Systemwechsel an. Im Moment gilt die Regel, dass Organspender ist, wer einer Transplantation zu Lebzeiten explizit zugestimmt hat. Geht es nach den Initianten, soll künftig die «vermutete Zustimmung» ausreichen. Es würde die sogenannte «erweiterte Widerspruchslösung» gelten: Grundsätzlich ist jeder Spender, der sich nicht explizit dagegen ausgesprochen hat und des- sen Angehörige dies nicht ablehnen.

Meinungswandel bei Swisstransplant

Auf diese Weise wollen die Initianten die Bevölkerung sensibilisieren, Diskussionen innerhalb der Familie anregen und die Menschen dazu aufrufen, zur Organspende Position zu beziehen, wie es in der Einladung zur Medienkonferenz heisst. Hinter dem Volksbegehren stecken Vertreter der «Jeune Chambre Internationale de la Riviera» in Montreux. Diese ist eine lokale Kammer der Non-Profit-Organisation «Junior Chamber International», die gemäss eigenen Angaben «die führende Organisation für junge Führungskräfte und Unternehmer» sowie «politisch und konfessionell unabhängig» ist. Viel mehr ist nicht bekannt über die Initianten und deren Hintergründe. Die Mediensprecherin des Initiativkomitees wollte sich nicht äussern vor der heutigen Pressekonferenz. Was jedoch bekannt ist: Unterstützt wird das Volksbegehren von Swisstransplant, der nationalen Stiftung für Organspende und Transplantation. «Wir helfen den Initianten einerseits mit unserem Know-how und andererseits finanziell mit 30 000 Franken», sagt Direktor Franz Immer auf Anfrage.

Die Unterstützung von Swisstransplant überrascht, hatte die Organisation einen Systemwechsel vor einigen Jahren doch noch klar abgelehnt. Der Meinungswandel hat unter anderem damit zu tun, dass der 2013 vom Bundesrat lancierte Aktionsplan «Mehr Organe für Transplantationen» nicht die gewünschte Wirkung hatte. Dessen Ziel war es, die Spenderate von rund 13 Spendern pro einer Million Einwohner im Jahr 2013 auf 20 Spender im Jahr 2018 zu erhöhen. Dieses Ziel werde man klar verfehlen, sagt Immer. Im Jahr 2016 betrug die Rate lediglich 13,3 Spender pro einer Million Einwohner.

Parlament lehnte 2015 Widerspruchslösung ab

Der Aktionsplan setzte in den Spitälern und bei der Bevölkerung an: Die Fachpersonen sollten besser geschult, die breite Öffentlichkeit für das Thema Organspende sensibilisiert werden. Das Schweizer Organspendewesen sei dadurch zwar besser geworden, sagt Immer. Das grosse Problem: Die Ablehnungsrate in den Spitälern sei trotzdem auf 60 Prozent gestiegen. «Der erwünschte Wandel, dass sich die Bevölkerung vermehrt entscheidet und den Entscheid auch mitteilt, ist nicht erfolgt», sagt Immer. Für ihn ist darum klar: «Wir müssen nun über einen Systemwechsel diskutieren.»

Dabei ist es keineswegs so, als wäre ein solcher bisher auf politischer Ebene nie ein Thema gewesen. Das Parlament hat schon mehrmals über die Widerspruchslösung diskutiert, diese jedoch jedes Mal abgelehnt – zuletzt im Jahr 2015. Auch die ­nationale Ethikkommission im Bereich Humanmedizin sprach sich 2013 dezidiert gegen die Einführung der Widerspruchslösung aus, weil diese die Persönlichkeitsrechte tangiere. Der Grund dafür: Die Widerspruchslösung müsse an eine Äusserungspflicht geknüpft werden, um zu garantieren, dass Organe nicht ohne Einwilligung entnommen würden, so die Argumentation der Ethiker. Dies würde aber eine «empfindliche Einschränkung des persönlichen Entscheidungsspielraumes» bedeuten. Zudem sei es nicht erwiesen, dass mit einer Widerspruchlösung die Organspenderate auch tatsächlich steige.

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