Medienwandel: Die Parteien hoffen auf Blick-TV – und suchen neue Ideen bei Meister BSC Young Boys

Die Wahlen 2019 waren für die Parteien in einem Punkt ein Schock: Sie schafften es nicht mehr, ihre Inhalte über die klassischen Medien zu den Wählern zu transportieren. Nun suchen sie neue Wege.

Othmar von Matt
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Startet am Montag mit Blick-TV: Chefredaktor Jonas Projer.

Startet am Montag mit Blick-TV: Chefredaktor Jonas Projer.

Thomas Meier

Ab Montag gilt es ernst. Nach monatelangen Vorbereitungsarbeiten nimmt Blick-TV mit Chefredaktor Jonas Projer den Betrieb auf. Das bestätigt eine Sprecherin der Blick-Gruppe.

Zwischen 6 und 23 Uhr soll zu jeder vollen Stunde eine 15minütige Sendung ausgestrahlt werden. Geplant sind Live-Schaltungen, Interviews per Skype und Befragungen von Blick-Journalisten als Experten. Blick-TV ist vollumfänglich auf das Handy ausgerichtet.

Die politischen Parteien verfolgen den Start von Blick-TV mit besonderer Spannung. Denn sie haben realisiert, dass sie neue Kanäle für ihre Inhalte finden müssen. «Ich verspreche mir von Blick-TV schon etwas», sagt etwa SVP-Präsident Albert Rösti: «Dass wir unsere Botschaft unverzerrt und im O-Ton ans Publikum bringen.»

Der Wahlkampf 2019 hat bei den Parteien für lange Gesichter gesorgt. Sie schafften es nicht mehr wie früher, selber Themen zu setzen. Seither stellen sie sich alle die Frage, die FDP-Generalsekretär Samuel Lanz stellvertretend formuliert: «Wie können wir als Partei künftig unsere Inhalte an die Menschen bringen? Über die klassischen Medien scheint das leider nur noch bedingt möglich zu sein.»

Das Schlüsselerlebnis vom 22. August 2019

Ein Schlüsselerlebnis öffnete den Parteien die Augen. Am 22. August 2019 rief die FDP zu einer Medienkonferenz. Thema: die lahmende Wirtschaft. Die Journalisten interessierten sich allerdings nicht für diesen Termin. Es tauchten nur gerade sechs Medienvertreter auf.

Das war, drei Monate vor den Wahlen, ein Schockerlebnis für alle Parteien. Die SP, die auch noch einen Medientermin plante, liess das Vorhaben fallen.

«Normalerweise kann man gute Geschichten in den Medien platzieren», sagt Michael Sorg, Co-Generalsekretär der SP. Doch ab Juni seien die Parteien «auf eine Mauer» gestossen. «Auch ernsthafte politische Vorstösse wurden als reines Wahlkampfgetöse betrachtet.»

In der SP ortet man einen «starken Wandel» der Medien. «Sie hatten eine unglaubliche Angst, als parteiisch wahrgenommen zu werden», sagt Sorg. Viele hätten «risikolos auf das Pflichtprogramm» gesetzt: Parteienchecks, Interviews mit Präsidenten, Porträts spezieller Kandidierender. Die Medien hätten sich «kaum für Inhalte» interessiert, sagt auch FDP-Generalsektretär Lanz. «Viel wichtiger waren Metathemen wie Facebook, Google, Datenschutz, Plakate und Give-aways.»

Wer hat am meisten Follower? Wer die beste Online-Kampagne? Wer die umstrittensten Plakate? «Die Medien machten während den Wahlen Sportberichterstattung», urteilt CVP-Präsident Gerhard Pfister. Das aber helfe den Polparteien.

Die SRG kommt, hinter vorgehaltener Hand, nicht gut weg

Nicht gut weg kommt, hinter vorgehaltener Hand, die SRG. Sie habe mit ihren Fernsehen, Radios, Online und Podcasts in drei Sprachen   viele Ressourcen gebunden alleine mit Anfragen, heisst es bei den Parteien. Aufwand und Ertrag hätten selten in gutem Verhältnis gestanden. Und Albert Rösti kritisiert, die SRG habe in der Klimadebatte die «neutrale Berichterstattung» vermissen lassen.

Gleichzeitig beobachten die Parteien, dass die Tageszeitungen der vier grossen privaten Medienhäuser zu einer Art Sonntagszeitungen geworden sind. Alle suchen neue Geschichten. «Es gab eine Verschiebung von Relevanz zu News und Exklusivität», sagt SP-Nationalrat Cédric Wermuth. «Der Druck für exklusive Storys hat zugenommen.»

«Die Medien sind kein Selbstbedienungsladen»

Politologe Claude Longchamp teilt diese Schelte der Parteien allerdings nicht. «Die Medien sind kein Selbstbedienungsladen, sie setzen ihre Themen selber», sagt er. Sie hätten das Klima zum Top-Thema geformt im Wahljahr. «Lanciert wurde es aber mit den Schülerstreiks ab 18. Januar 2019 und von Greta Thunberg am WEF.»

Gaudenz Looser, Chefredaktor von «20Minuten», kontert die Kritik noch deutlicher: «Die Parteien müssen sich von der Idee verabschieden, dass ihnen in den Medien rituell Zeit und Raum zur Verfügung steht, nur weil sie Parteien sind.»

Auch «20Minuten» baut seine Live-Berichterstattung aus. Den Parteien macht Looser aber nur bedingt Hoffnung. «Es ist mir recht, wenn sie mit platten Wahlkampf-Parolen zu Blick-TV gehen», sagt er. «Stossen sie aber interessante Debatten an, bringen wir sie gerne im Blatt, online und per Video.»

Eigener Content als Zauberwort

Den Parteien ist klar: Sie müssen reagieren. Das zeigt die SP-Analyse zu den Wahlen. «Mit Blick auf den Medienwandel stellt sich die Frage: Wie müssen wir unsere Kommunikation verändern», steht da, «damit wir 2023 unabhängig von den traditionellen Medien die Wählenden erreichen können?»

Eigener Content heisst das Zauberwort. In acht Jahren gewinne man Wahlen nur mit massiver Online-Präsenz, sagt Cédric Wermuth. «Dafür brauchen Parteien Videos und Podcasts.» Sportklubs sind hier Vorreiter. Deshalb beobachtet die FDP genau, wie der 13fache Schweizer Meister BSC Young Boys Inhalte generiert und verbreitet.

YB-Fanradio Gelb-Schwarz von Newsroom Communication in Vaduz im Einsatz

YB-Fanradio Gelb-Schwarz von Newsroom Communication in Vaduz im Einsatz

Keystone

Bei YB spielt Newsroom Communication eine wichtige Rolle. Das Unternehmen steht für «schnellen, authentischen und hochwertig produzierten Realtime-Content», wie es über sich selbst schreibt.

Es kreierte bei den Europa-League-Spielen in Zusammenarbeit mit YB verschiedene Content-Formate für diverse digitale Kanäle. Und es betreibt das Fan-Radio «Gelb-Schwarz». Für die FDP schuf die Newsroom Communication den Inhalte bei den Bundesratswahlen.

«Welchen Weg wir gehen sollen», gesteht aber FDP-Generalsekretär Samuel Lanz ein, «ist nicht ganz klar.»

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