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Medienvielfalt unter dem Mantel: Gedanken zum bevorstehenden Joint Venture

In seiner Analyse schreibt Pascal Hollenstein, Leiter Publizistik der NZZ-Regionalmedien, über das bevorstehende Joint Venture mit den AZ Medien und warum die Medienkonzentration durchaus ihr Gutes für die Medienkonsumenten mit sich bringt.
Pascal Hollenstein
Gefährden Zeitungsverbünde Föderalismus und regionale Verbundenheit? (Bild: Keystone)

Gefährden Zeitungsverbünde Föderalismus und regionale Verbundenheit? (Bild: Keystone)

Der Text ist die schriftliche Form von Pascal Hollensteins Rede an der Generalversammlung der AZ Medien AG vom Freitag.

Pascal Hollenstein. (Bild: Manuela Jans-Koch)

Pascal Hollenstein. (Bild: Manuela Jans-Koch)

In den letzten Wochen hat das B-Wort wieder einmal die Runde gemacht. Es ist ein böses Wort, dieses B-Wort. Gemeint war damit allerdings nicht wie üblicherweise Christoph Blocher. Wobei, ein bisschen war er doch mitgemeint, mit seinem Verkauf der Basler Zeitung (BaZ) an den Zürcher Branchenprimus Tamedia. Aber eigentlich steht der Buchstabe «B» für Brei.

Zahlreiche Politiker fürchten ihn, diesen Brei. Gewerkschaften beklagen ihn.

Kantonsregierungen sind besorgt über ihn, der Bundesrat ohnehin. Und auch viele meiner Berufskolleginnen und -kollegen können dem Brei nichts Positives abgewinnen.
Was sie alle mit dem Brei meinen? Sie meinen das Resultat der jüngsten Konsolidierungswelle in der Schweizer Publizistik. Wir erinnern uns an einige Eckpunkte:

  • Die SRG arbeitet schon seit längerem an der voll konvergenten Redaktion. Über alle Kanäle – Fernsehen, Radio, Online – sollen die gleichen Redaktionen ihre Inhalte ausspielen. «Ausspielen», ja, so nennt man das neuerdings. Weniger spielerisch bedeutet es: Es gibt nur noch eine Redaktion für alles. Im Grunde ist das der maximale Brei, den die SRG kocht. Interessanterweise ist die Politik hier allerdings nicht sonderlich besorgt. Die Beziehungen zwischen Parlamentariern, Regierungen und öffentlichem Rundfunk sind, man weiss es, eben besonders innig.
  • Tamedia hat entschieden, überregionale Inhalte für praktisch alle Titel in nur noch einer deutsch- und einer französischsprachigen Zentralredaktion zu erstellen und – wieder: wie man so schön sagt – auf ihre Titel auszuspielen. Ein klassischer Fall von Brei also, und mit der Integration der BaZ wird der Kochtopf erst noch ein gutes Stück grösser. Hier ist die Kritik schon lauter.
  • Auch wir kochen: Die NZZ-Regionalmedien und die AZ Medien wollen zusammengehen. Logische Konsequenz ist auch hier: Was überregionale Publizistik ist, kommt künftig aus einer, oder vielleicht eineinhalb Händen. Wieder Brei also. Und wieder gibt es Kritik.
  • Zuletzt: Die Schweizerische Depeschenagentur muss sparen. Interessanterweise fiel auch hier in der allgemeinen Empörung das B-Wort – dabei ist die SDA im Grunde der grösste Einheitsbreifabrikant der Nation. Ihr Breichen wird zentral gekocht und über das ganze Land ausgeleert – in allen drei Landessprachen, in Print, Radio, TV, Internet. Weniger SDA heisst also eigentlich weniger Brei. Aber das wollte dann wieder niemand hören.

Guter Brei, böser Brei

Fassen wir zusammen: Der Brei ist – je nachdem, wer ihn gerade kocht – etwas Böses oder gar etwas Gutes. Es ist wie immer im Leben: Der politische Blickwinkel bestimmt die Schönheit des Gegenstandes.

In der Tendenz gilt: Je staatsnäher der Brei, desto besser, je privatwirtschaftlicher, desto schlechter. Was zum allgemeinen Blickwinkel eigentlich alles sagt.
Lassen wir die Polemik und wenden wir uns den Fakten zu.

  1. Mit Zeitungen verdient man in der Tendenz weniger Geld als auch schon. Leider ist es sogar viel weniger.
  2. Daraus folgt, dass Verlage sparen müssen. Es kommt zu Konsolidierungen.
  3. Die regionalen Märkte sind allerdings bereits konsolidiert. Praktisch überall im Land – mit Ausnahme von Zürich, Bern und Basel – bestehen schon heute Zeitungsmonopole. Die vertikale Konsolidierung im geografischen Sinn ist mit anderen Worten weit fortgeschritten. Es bleibt die horizontale: Die Monopolzeitungen schliessen sich zusammen. Durch Übernahmen wie im Fall von BaZ und Tamedia. Oder durch eine Hochzeit wie im Fall der NZZ-Regionalmedien und den AZ Medien.
  4. Weil es bei diesen horizontalen Zusammenschlüssen allerdings keine regionalen Überlappungen gibt, kann in der lokalen und regionalen Publizistik kaum gespart werden. Es bleibt damit der sogenannte Mantel: Also alle Inhalte eines Mediums, die für alle Regionen gleichermassen geeignet sind: Ausland, Teile der Wirtschaft, Inland, Teile der Kultur, des Sports, Servicegeschichten. Je mehr Zeitungen den gleichen Mantel finanzieren, desto billiger wird dieser für den einzelnen Träger. Oder umgekehrt: Desto mehr Ressourcen kann man pro Leser in die Mantelredaktion stecken. Und desto besser wird der Mantel.
  5. Bei den Tageszeitungen gibt es in der Deutschschweiz bald nur noch vier Player, die aus eigener Kraft einen Mantel herstellen können: Tamedia, das Joint Venture von NZZ-Regionalmedien und AZ Medien, die NZZ und Ringier. Alle anderen Häuser hängen entweder am Tropf der SDA oder beziehen Mantelinhalte von den Grossen. Im Bereich der überregionalen Publizistik ist das Gerede von den unabhängigen kleinen Zeitungen deshalb ein nostalgisches Märchen. Politiker glauben offenbar daran. Schlimmer noch: Manchmal erzählen sie das Märchen weiter. Das stärkt nicht gerade das Vertrauen in die Politik.

Prima vista ist diese Konzentration für einen Journalisten eine besorgniserregende Entwicklung. Es geht dabei ja ums Sparen. Und das bedeutet: Es entfallen in der Tendenz Stellen von Journalistinnen und Journalisten.

Zudem: Idealerweise wünschte man sich als Staatsbürger und Medienkonsument eine Vielzahl komplett unabhängiger Medien mit eigenen Meinungen und Gesichtspunkten, mit starken Redaktionen auch im überregionalen Bereich. Dummerweise ist das aber nicht finanzierbar. Und eigentlich hat dieser Idealzustand auch in der Vergangenheit nicht wirklich bestanden.

Ich habe als 16-Jähriger bei der «Thurgauer Volkszeitung» zu schreiben begonnen. Die Volkszeitung, Erscheinungsort Frauenfeld, hatte als Mantellieferanten: die SDA. Ihre Konkurrentin, die «Thurgauer Zeitung», ebenfalls Erscheinungsort Frauenfeld, hatte als Mantellieferanten: die SDA.

Eine eigene Inlandredaktion hatten beide nicht, das Wirtschaftsressort bestand aus einer beziehungsweise exakt keiner Person. Und der Nachrichtenredaktor tat dies: Er verwurstete die Depeschen der SDA. Klar, es gab zwei Zeitungen in einer Stadt. Im Grunde wäre das Meinungsvielfalt gewesen. De facto war es das im Überregionalen aber gerade eben nicht.

Heute ist die «Thurgauer Volkszeitung» verschwunden – Stichwort: Vertikale Konsolidierung –, und die «Thurgauer Zeitung» gehört zu den NZZ-Regionalmedien – Stichwort: Horizontale Konsolidierung. Über diesen Verbund hat die «Thurgauer Zeitung» eine Mantelredaktion, die diesen Namen verdient.

Und über den Verbund mit den AZ Medien im Joint Venture hat sie bald eine noch stärkere. Objektiv muss man sagen: Die Frauenfelder Leser können zwar heute nicht mehr zwischen zwei praktisch identischen Mänteln auslesen – was sie in der Praxis ohnehin nie taten. Aber der Mantel, den sie heute erhalten, ist vermutungsweise der beste in der Geschichte der Thurgauer Presse überhaupt.

Kein kategorischer Widerspruch

Aus Sicht der Medienkonsumenten hat die Medienkonzentration also durchaus ihr Gutes. Für die Journalisten fällt die Bilanz gemischt aus: In der Summe verschwinden Stellen im klassischen Print-Geschäft. Das ist die unschöne Seite, jene des Sparens nämlich. Auf der anderen Seite bieten die trotz allem grösseren Mantelredaktionen ein interessanteres berufliches Umfeld, als es die beschriebenen SDA-Verwaltungs-Redaktiönchen bildeten. Das ist die schöne Seite.

Bleibt die Frage, ob ein grosser Mantel auch aus staatspolitischen Überlegungen vertretbar ist. Geht Föderalismus mit einem Medienhaus, wie wir es bald sein werden, zusammen?

Zunächst: Wenn das nicht ginge, hätte man die SRG – man erinnert sich: maximaler Breiverdacht! – zerschlagen müssen. Bemerkenswerterweise war das Föderalismusargument in der vergangenen Abstimmung aber eines für und nicht gegen die SRG.

Man muss zwar zugeben: Föderalismus und Regionalität stehen grundsätzlich im Widerspruch zu einem Mantelkonzept. Aber es ist kein kategorischer Widerspruch, sondern einer, der aufgelöst werden kann.

Dies unter zwei Bedingungen:

  1. Der Mantel muss weit genug geschnitten sein. Wenn sich auch vieles in der Schweiz genau gleich darstellt, so gibt es doch in manchen Punkten unterschiedliche Befindlichkeiten. Ich kenne das schon heute. Zu den NZZ-Regionalmedien gehören die «Zuger Zeitung» und die «Urner Zeitung». Sie können sich vorstellen, dass punkto Finanzausgleich da andere Empfindlichkeiten bestehen. Ganz simpel: Die einen geben, die anderen nehmen.
  2. Oder nehmen Sie die Bundesratswahl, sollte Johann Schneider-Ammann zurücktreten: Die Ostschweizer drängen, die Zentralschweizer auch. Beide mit gutem Recht. Klar werden sich die «Luzerner Zeitung» und das «St. Galler Tagblatt» hier anders positionieren. Immerhin dürften sich die Aargauer diesmal zurückhalten. Selbst nach dem absehbaren Ende der Ära Leuthard ist der politische Anspruch dieser Region, so scheint es dem Nichtaargauer, fürs Erste saturiert. Aber auch hier dürfte die Befindlichkeit womöglich eine andere sein. Dann soll die «Aargauer Zeitung» den Ball aufnehmen. Daraus folgt: Ein Mantel ist immer nur so gut, wie die Zeitung auch Regionales transportiert, und zwar im weiteren Sinn. Der spezifisch regionale Blick auch auf die Bundespolitik, auf die nationale Wirtschaft, auf Kultur und Sport muss erhalten, ja gestärkt werden. Das ist eine grosse Aufgabe. Aber es ist unumgänglich, dass man sich ihr immer wieder von Neuem stellt. An welcher Stelle man es in der Zeitung tut, ist dagegen zweitrangig.

Die Schweiz ist ein föderalistisches Land. Dennoch haben wir die Zeiten überwunden, als die Kantone eigene Armeen unterhielten, Zölle festlegten und Münzen prägten. Genauso, wie man diese Aufgaben zentral besser lösen kann, kann man auch überregionale Berichterstattung effizienter und schlagkräftiger organisieren. Ja, in gewisser Weise ist das Brei. Aber der bessere, als wenn jeder selber kochen würde.

Das zumindest ist unser Anspruch und unser Ziel. Bald können wir die neue Küche einrichten. Und ob es dann schmeckt, das müssen die Leserinnen und Leser beurteilen – nicht der Koch.

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