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Einst waren sie Verbündete – nun greift Markus Somm mit dem «Nebelspalter» Roger Köppels «Weltwoche» an

Der Publizist Markus Somm kündigt an, dass das neue Online-Portal des «Nebelspalters» ab März Schweizer Politik in den Fokus rückt. Damit tritt Somm in Konkurrenz zur «Weltwoche», für die er lange gearbeitet hat. «Weltwoche»-Chef Roger Köppel reagiert seinerseits mit einer Online-Offensive.

Francesco Benini
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Plötzlich Konkurrenten: Markus Somm und Roger Köppel.

Plötzlich Konkurrenten: Markus Somm und Roger Köppel.

Keystone

An jedem Werktag um 6 Uhr 30 redet Roger Köppel in eine Kamera. Er spricht manchmal 20 Minuten, manchmal eine halbe Stunde oder noch länger. Er schimpft auf die NZZ, die «infame» Texte über Donald Trump publiziert habe. Kritik am vormaligen US-Präsidenten erträgt Köppel schlecht, hegt er doch tiefe Gefühle für ihn: «Er ist mir ans Herz gewachsen.»

Für die rechtspopulistische Morgenandacht des «Weltwoche»-Chefs gibt es zwei Gründe: Erstens höre Köppel niemanden so gerne reden wie sich selber – sagt ein ehemaliger Redaktor des Wochenmagazins. Zweitens spürt Köppel den Atem von Markus Somm im Nacken. Der langjährige Weggefährte steht kurz vor der Lancierung einer Publikation, die ein ähnliches Publikum ansprechen wird wie die «Weltwoche.»

Im März lanciert Markus Somm den neuen «Nebelspalter»

Köppel konzentrierte sich während Jahren auf das gedruckte Heft und vernachlässigte das Internet. Nun verstärkt er die Online-Aktivitäten. Mit seinem Morgenmonolog erzielt er auf Youtube rund 20 000 Zugriffe pro Tag, eine respektable Zahl. Und er hält seine Redaktoren dazu an, auch kürzere Texte zu schreiben, die nur auf der Website erscheinen, nicht aber im Magazin.

Köppel reagiert damit auf den «Nebelspalter». Chefredaktor Markus Somm will im März loslegen mit dem Online-Portal, und er gibt nun Auskunft über seine Pläne: Drei bis fünf Texte sollen pro Tag erscheinen. Die Satire – bisherige Domäne des «Nebelspalters» – werde nur ungefähr 20 Prozent der Inhalte ausmachen. 80 Prozent seien vorgesehen für Recherchen und Analysen, wobei der Schwerpunkt auf der Schweizer Politik liege.

Somm kündigt ausserdem an, dass er auch die Zeitschrift umbauen werde. Hier soll der Anteil der Satire künftig noch 50 Prozent betragen. Ein «Nebelspalter» mit innenpolitischem Fokus wird zum Konkurrenten der «Weltwoche» – wobei Somm den monatlichen Publikationsrhythmus vorerst beibehält.

Es erstaunt denn auch nicht, dass Somm versucht, Redaktoren von der «Weltwoche» abzuwerben: Florian Schwab prüfte einen Wechsel, lässt es aber bleiben. Über die Zusammensetzung seines Teams schweigt sich Somm aus. Dominik Feusi stösst von Tamedia zur Redaktion, die sich im Stadtzürcher Engequartier niederlässt. Und wie man hört, hat die freie Journalistin und NZZ-Kolumnistin Claudia Wirz zugesagt.

Konsumenten des Online-Portals sollen für einzelne Texte bezahlen können

Wie Köppel will Somm Talkformate lancieren; auf Nebelspalter.ch sind sowohl Video- als auch Audioproduktionen geplant. Dabei ist allerdings nicht damit zu rechnen, dass immer die gleiche Person spricht. Und Somm überlegt sich den Einsatz einer Technologie, mit der die Konsumenten einfach für einzelne Beiträge bezahlen können. Er will so die Einnahmequellen – Jahresabonnements und Online-Werbung – erweitern.

Bei all den schönen Plänen gibt es ein Problem: Somm und Köppel fischen im gleichen Teich, der nicht übermässig gross ist. Seit Köppel die «Weltwoche» auf einem SVP-nahen Kurs führt, hat sie rund zwei Drittel ihrer Leser verloren – sie kam einmal auf 450 000 Leser, heute sind es noch rund 150 000. Fast alle Zeitungen in der Schweiz haben Leser verloren in den letzten Jahren; bei der «Weltwoche» war der Einbruch aber besonders markant.

Somm war Inlandleiter und Vizechef der «Weltwoche»; er vertritt in nahezu allen wichtigen politischen Fragen die gleichen Positionen wie Köppel, also der SVP. Ab März balgen sich zwei Publikationen um ein Stück Kuchen, das so klein ist, dass es nicht beide ernährt – sieht er dieses Risiko nicht? Somm wehrt ab:

«Wir richten uns nicht gegen die ‹Weltwoche›, sondern gegen Publikationen, die geprägt werden von Langweilern, Konformisten und Angsthasen.»

70 Prozent der Schweizer wählten bürgerlich, fügt Somm hinzu. «Da soll mir niemand sagen, dass in diesem Land kein Platz mehr ist für ein neues Blatt mit dezidiert bürgerlicher Ausrichtung.»

Köppel äussert sich ähnlich: «Es ist gut, dass Markus Somm den bürgerlichen Journalismus aufrüsten will. Es gibt zu viel linke Meinungseinfalt in der Schweiz.» Befürchtet er nicht, dass die Leserschaft seines Blattes noch schneller schmilzt? Die «Weltwoche» entwickle sich erfreulich, Print wie Online, meint er. Sie pflege «grösste Meinungsvielfalt», gebe aber Gegensteuer, wo andere zu einseitig seien.

EU-kritische Haltung überzeugt Somms Investoren

Auf der Redaktion der «Weltwoche» arbeiteten Köppel und Somm eng zusammen; ein Beobachter meint aber, dass sie sich menschlich nie besonders nahe gekommen seien. Somm habe sich zunehmend schwer damit getan, Vize statt Chef zu sein. Dann lotste ihn Christoph Blocher zur «Basler Zeitung».

Nun ist Somm stolz darauf, dass 70 Unternehmer und Manager je 100 000 Franken in sein Medienprojekt investieren. Einige von ihnen überzeugte er mit dem Argument, dass er zur EU und zum Rahmenvertrag eine wesentlich kritischere Haltung einnehme als die grossen Schweizer Zeitungen.

Es ist ein neuer Tag, 6 Uhr 30. Köppel lobt wieder Trump und schimpft auf die NZZ. Somm nimmt hier eine andere Position ein: Nach dem Sturm aufs Kapitol Anfang Januar sagte er sofort, dass sich Trump als Politiker erledigt habe. Vielleicht orientiert sich Somm ein wenig zur Mitte hin, weil er mit dem neuen «Nebelspalter» ein grösseres Publikum erreichen will als die «Weltwoche.»