«Masken schützen beidseitig»: Epidemiologe Marcel Tanner lobt die Maskenpflicht im ÖV – und fordert mehr Tempo beim Contact Tracing

Der Basler Professor Marcel Tanner ist sehr beunruhigt über die steigenden Fallzahlen. Der Bundesrat habe mit der Einführung der Maskenpflicht richtig reagiert – doch trage er mit der zu schnellen Öffnung Mitschuld an der aktuellen Lage.

Doris Kleck
Drucken
Teilen
Ein Mitarbeiter der Genfer Verkehrsbetriebe verteilt Masken an Fahrgäste.

Ein Mitarbeiter der Genfer Verkehrsbetriebe verteilt Masken an Fahrgäste.

Keystone / Salvatore di Nolfi

Herr Tanner, die Fallzahlen steigen wieder an: Wie beunruhigt sind Sie?

Sehr. Die Zunahme in den letzten Tagen ist beunruhigend. Die Fallzahlen sind zwar immer noch relativ tief. Entscheidend ist aber auch, wie die Verteilung der Fälle ist. Gibt es an einem Ort eine Häufung oder treten sie in der ganzen Schweiz gleichmässig auf? Wir müssen die Übertragungsherde rasch lokalisieren, und dann gezielt eingreifen. Fälle in der ganzen Schweiz sind besorgniserregender als eine Häufung an einem Ort.

Wie sieht denn die Situation aus?

Das Problem ist, dass wir die Daten zu wenig rasch vorliegen haben. Bund und Kantone lernen nun am Objekt. Wir haben nicht Wochen Zeit um besser zu werden. Wir brauchen die Daten schneller um die aufflammenden Übertragungsnester zu lokalisieren.

Epidemiologe Marcel Tanner begrüsst die Maskenpflicht im ÖV.

Epidemiologe Marcel Tanner begrüsst die Maskenpflicht im ÖV.

BZ / Juri Junkov

Zur Person

Marcel Tanner ist emeritierter Professor für Epidemiologie an der Universität Basel und Präsident der Schweizerischen Akademie der Wissenschaften. Der 67-jährige ist Mitglied der vom Bundesrat eingesetzten «Swiss National Covid-19 Science Task Force».

Hat der Bundesrat zu rasch geöffnet?

«Der Zeitplan war sportlich und sehr herausfordernd. Aus wissenschaftlicher Sicht kam die Öffnung zu schnell.»

Doch uns ist auch klar, dass Lockerungen aus sozialer Perspektive sehr wichtig waren. Jetzt müssen wir nach vorne schauen und die Herausforderungen annehmen. Richtig ist, dass der Bundesrat im öffentlichen Verkehr nun eine Maskenpflicht einführt.

Weshalb nur im ÖV? Es gibt auch andere Orte, wo die Distanzregeln nicht eingehalten werden können.

Der ÖV ist einer der neuralgischen Punkte. Es ist nur schwer möglich, mit Contact Tracing die Übertragung und damit die Kontakte einer infizierten Person im ÖV ausfindig zu machen. Wo man die Grundmassnahmen, Hygiene und Distanz nicht einhalten kann, sind die Masken wichtig und insbesondere noch wenn auch das Nachverfolgen der Kontakte sehr schwierig ist

Und die Maske schützt nicht nur das gegenüber sondern auch uns selbst?

Genau – Masken schützen beidseitig. Neue Studien weisen klar nach, dass man sich auch weniger infiziert, wenn man eine Maske trägt.

Soll man in Clubs eine Maske tragen?

Eine Disco ist kein Ort, wo man eine Maske tragen möchte. Dort sind die Schutzkonzepte wichtig, vor allem die Namensliste.

«Es geht nicht, dass ein Clubbetreiber 20 Donald Ducks aus Entenhausen auf seiner Liste hat»

Der Betreiber ist für die Einhaltung des Schutzkonzepts verantwortlich. Ich finde deshalb gerade für Clubs die Diskussion um eine ID-Pflicht wichtig.

Der Bundesrat führt eine Quarantänepflicht für Einreisende aus Risikoländern ein. An welchen Kriterien soll er sich orientieren?

Die Universität Genf und die beiden ETH haben ein gutes System entwickelt, um die Länder zu kategorisieren. Man schaut die Reproduktionszahl an, aber auch die Fallzahlen, die Dynamik der Fallzahlen sowie die Datenqualität. Die Länder werden in vier Kategorien eingeteilt. Grün ist unbedenklich, für die übrigen Kategorien braucht es Massnahmen. Das Problem ist die Durchsetzung von Gesundheitskontrollen beim Grenzübertritt.

Weshalb?

Leute, die mit dem Zug oder dem Auto einreisen, sind schwieriger zu erfassen. Im Flugzeug kann man den Passagieren eine Gesundheitscheckliste ausfüllen lassen und auch die Körpertemperatur messen. Wenn jemand aus einem Risikoland kommt, sollte er in die Quarantäne.

Demnach müsste die Quarantänepflicht nebst Schweden und Serbien etwa auch für Kroatien, Tschechien, Rumänien oder Bosnien gelten. Glauben Sie, dass der Bundesrat der Empfehlung der Task Force nachkommt?

Das ist keine Glaubensfrage. Wir liefern eine wissenschaftliche Entscheidungsgrundlage. Wenn der Bundesrat kohärent und konsequent sein will, müsste er sich daran orientieren. Er wird natürlich aber auch politische Erwägungen in Abstimmung mit den EU/EFTA Nachbarn machen müssen, was dann zu den Richtlinien führt.

Mehr zum Thema