Marie sticht in ein Wespennest

Die in Lausanne wohnhafte französische Journalistin Marie Maurisse hat mit ihrem schonungslosen Buch über das Leben der Franzosen in der Schweiz einen Sturm der Entrüstung entfacht. Von Schweizern wird sie seit Wochen übel beschimpft.

Denise Lachat
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Die französische Journalistin Marie Maurisse nimmt kein Blatt vor den Mund. (Bild: pd)

Die französische Journalistin Marie Maurisse nimmt kein Blatt vor den Mund. (Bild: pd)

LAUSANNE. Die Illustration auf dem roten Bucheinband verheisst nichts Gutes mit ihren zwei über Kreuz gelegten weissen Wundpflastern. Von Verletzungen ist denn auch viel zu lesen auf den 200 Seiten, auf denen die 33jährige Journalistin Marie Maurisse aus Toulouse das Leben der Franzosen in der Schweiz beschreibt. Franzosen, die mit Bildern von Heidiland, Banken und Spitzensalären im Kopf ins vermeintliche Eldorado gereist sind, um dann auf dem harten Boden der Realität aufzuschlagen: vom Kampf um den Waschküchenschlüssel, von Nachbarn, die bei Musiklärm ab zehn Uhr abends die Polizei rufen, von unerwiderten Einladungen zum Essen, von der Schwierigkeit, Freundschaften zu schliessen, bis hin zu bösartigen Sticheleien im Alltag, vorab am Arbeitsplatz, wird erzählt.

«French Bashing»

Es sind vor allem die Sticheleien, die sich in der Westschweiz zu einem veritablen «French Bashing» auswachsen, denen die junge Journalistin in ihrem Buch nachgeht. «Bienvenue au paradis!» lautet sein Titel, doch für viele Franzosen ist die Schweiz mehr Hölle als Paradies. «Immer wieder haben mir Landsleute erzählt, dass sie zurückgewiesen und beleidigt werden», sagt Maurisse, die selber vor rund acht Jahren in die Schweiz gekommen ist und als Korrespondentin für «Le Monde» und für welsche Publikationen tätig ist.

Man muss unweigerlich an die Spannungen zwischen Deutschen und Deutschschweizern denken, an das Buch «Kuhschweizer und Sauschwaben» und deren Hassliebe auch. Natürlich gibt es hier die schwerreichen Franzosen, die vor dem Fiskus in der Heimat geflohen sind und grimmig die «République» verfluchen, bequem pauschal besteuert von den Gestaden des Lac Léman aus. Natürlich gibt es auch die gelangweilten, deprimierten Partnerinnen der «Expats», denen keine Integration gelingt. Vor allem aber gibt es da die Heerscharen von einfachen Französinnen und Franzosen, die zum Arbeiten in die Schweiz gekommen sind. Oder die, weil ein Schweizer Lohn trotz allem in der Schweiz nicht zum Leben reicht, in der französischen Grenzregion wohnen und zum Arbeiten pendeln, nach Genf, nach Lausanne, in den Neuenburger Jura und ins jurassische Porrentruy. 200 000 «frontaliers», also Grenzgänger, sind es mittlerweile, 200 000 Franzosen wohnen in unserem Land, 400 000 sind es total: Nirgendwo auf der Welt sei die Gruppe der Franzosen grösser als in der Schweiz, rechnet Maurisse vor.

Müde von der wüsten Kritik

Ihre Zahl ist seit der Personenfreizügigkeit mit der EU und erst recht seit der Wirtschaftskrise in Frankreich explodiert: Immer mehr Franzosen kommen von immer weiter her und finden hier Arbeit zu einem Lohn, der französische Gehälter vielfach übertrifft – und häufig eben doch tiefer liegt als ein Schweizer Gehalt. Die lokale Wirtschaft stürzt sich dankbar auf die Coiffeusen, Serviertöchter, Krankenschwestern, Ingenieure und Pharmazeuten. Viele Westschweizer aber sehen in den Franzosen eine Bedrohung, und die Hemmschwelle für Aggressionen sinkt. Es wird geschimpft über die «Profiteure» und ihre «typisch französischen Eigenschaften: meckernd, arbeitsscheu, streikbereit, eingebildet – das klassische französische Grossmaul».

Für Franzosen sei das Leben in der Schweiz hart, sagt Maurisse in ihrem singenden südfranzösischen Akzent bei einem Treffen in einem Lausanner Café. Dass sie in ihrem Buch von latentem bis offenem Rassismus spricht, verzeihen ihr die Schweizer offensichtlich nicht. Seit Wochen hagelt es wüste Kommentare; bei der Waadtländer Zeitung «24heures» waren sie derart wüst, dass diese den Blog zum Thema schloss. Standardvorwürfe lauten «Wie kann sie es wagen? Sie wäre besser dankbar! Sie soll doch dahin zurück, woher sie kommt!» Maurisse seufzt und streicht sich mit der Hand über die müden Augen, auch einen Monat nach Erscheinen des Buches erhalte sie täglich Schmähpost. Offenbar tue sich die Schweiz schwer im Umgang mit Kritik. Trotz dem sensiblen Thema: Mit dieser Wucht rechnete die an französische Debatten gewohnte Journalistin nicht.

Man kann Marie Maurisse vorwerfen, sie verallgemeinere in ihrem Buch zu stark - was schon fast wieder zu einer Stigmatisierung der Schweizer führt. Man kann ihr aber nicht vorwerfen, sie habe ihre Recherchearbeit nicht gemacht. Anhand von zahlreichen Studien und Interviews zeigt die Autorin eine wachsende fremdenfeindliche Tendenz und deren Banalisierung auf, die in der Westschweiz vorab vom populistischen Mouvement Citoyens Genevois und gesamtschweizerisch von der SVP bearbeitet wird. Maurisse legt ihre zierlichen Arme auf die Tischplatte und sagt enttäuscht, sie hätte sich einen Dialog über Visionen für die Zukunft gewünscht. Denn die Bitterkeit der Schweizer sei ebenso verständlich wie jene der Franzosen, die Lösungen verschlafen habe die Politik. Und zwar in Frankreich wie in der Schweiz.

Marie Maurisse, Bienvenue au paradis!, Editions Stock, ISBN 978-2-234-07913-7