«Man nahm die Risiken einfach in Kauf»

Die Schiesserei im Wallis wirft neue Fragen zum Waffenbesitz auf. Der Schütze von Daillon schoss mit einem historischen Karabiner und einem Jagdgewehr – obwohl er eigentlich keine Waffen besitzen durfte. Für den Kriminologen Martin Killias ist eine Gesetzeslücke mitverantwortlich.

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Martin Killias Professor für Strafrecht und Kriminologie Universität Zürich (Bild: Quelle)

Martin Killias Professor für Strafrecht und Kriminologie Universität Zürich (Bild: Quelle)

Herr Killias, der Täter der Schiesserei im Wallis, hätte keine Waffe haben dürfen. Die Polizei hatte ihm 2005 mehrere Waffen entzogen, als er in psychiatrische Behandlung kam. Wie konnte er trotzdem in den Besitz von Waffen kommen?

Martin Killias: Da gibt es diverse Möglichkeiten. Einerseits kann er sie unter der Hand von einem Freund erhalten oder aber auf dem Schwarzmarkt erworben haben, ohne dass er den Waffenbesitz gemeldet hätte. Tatsache ist aber auch, dass die Karabiner, wie jener, mit welchem der Täter um sich schoss, eine Gesetzeslücke bilden.

Inwiefern?

Killias: Die alten Armeekarabiner sind nicht bewilligungspflichtig. Man hat sie explizit aus dieser Waffenkategorie ausgenommen. Sie fallen heute unter die meldepflichtigen Waffen, obwohl sie zuhauf in Estrichen und Kellern lagern. Das heisst, es wird lediglich der Kaufvertrag den kantonalen Waffenbüros gemeldet. Er enthält Angaben zu Käufer, Verkäufer und zur Waffe. Es findet aber keine sorgfältige Überprüfung des Besitzers statt.

Das Drama im Wallis zeigt, dass diese Karabiner ebenso verheerend sein können wie ein bewilligungspflichtiger Revolver. Warum wurden die Karabiner ausgenommen?

Killias: Dieser Fehlentscheid wurde von der Expertenkommission «Waffengesetz» 1995 gefällt. Ich schlug damals vor, die Karabiner bewilligungspflichtig zu machen. Doch in der Kommission herrschte ein unsägliches Klima und die Risiken wurden grobfahrlässig unterschätzt. Vor allem Jäger- und Schützengesellschaften machten gemeinsame Sache mit Extremisten, die jede Art von Waffenkontrolle ablehnen. Auch die Beamten der damaligen Bundesanwältin Carla Del Ponte stellten sich gegen diese Verschärfung. Das Anliegen, für Karabiner einen Waffenerwerbsschein vorzuschreiben, war chancenlos – man nahm die Risiken solcher Waffen einfach in Kauf.

Obwohl die Karabiner heute meldepflichtig sind, hatte der Schütze ein solches Gewehr.

Killias: Die Meldepflicht wurde sicher verletzt, denn selbst wenn er sie geerbt oder geliehen hätte, hätte man dies melden müssen.

Mit der Tragödie von Daillon und dem Amoklauf in der US-Kleinstadt Newtown Mitte Dezember kommt das Thema Waffengesetz wieder auf den Tisch.

Killias: Zwischen der Schweiz und den USA gibt es einige grundlegende Unterschiede. Hierzulande hat der Waffenbesitz weniger ins kriminelle Milieu diffundiert. In den USA ist die Mordrate nach wie vor rund fünfmal höher als in Europa, obwohl die Kriminalität dort sonst nicht unbedingt höher ist. Während in Europa überwiegend Mitbewohner Opfer sind, wird in den USA überwiegend auf der Strasse gemordet. Anders als in der Schweiz kommt auch bei Raub und im Drogenhandel die Schusswaffe oft zum Einsatz. Schliesslich darf man bei uns keine Seriefeuerwaffen erwerben oder besitzen. Solche haben bei Massakern in den USA immer wieder eine fatale Rolle gespielt.

Nach solchen Vorfällen wird immer wieder der Ruf nach einem zentralen Waffenregister laut. Eine Massnahme, die solche Taten verhindern könnte?

Killias: Verhindern kann man solche Tragödien wohl nicht. Aber man kann das Risiko minimieren. Ich bin kein Freund von aufwendigen, bürokratischen Massnahmen. Die Waffen werden heute registriert, das ist wichtig. Die Bemühungen müssten viel mehr sein, die Anzahl Waffen im Privatbesitz generell zu reduzieren.

Und wie kann man das erreichen?

Killias: Ein Teil ist bereits passiert: Man hat die Armee verkleinert und damit die Anzahl Waffen in den Schweizer Haushalten. Damit ist das Problem der Armeewaffe zu Hause zumindest entschärft worden, auch weil die Munition nicht mehr abgegeben wird.

Aber hier geht es um private Waffen.

Killias: Der private Waffenbesitz in der Schweiz ist nicht sonderlich verbreitet. Unser Land ist nur wegen der Armeewaffen ein Sonderfall, in Sachen private Waffen sind wir im europäischen Schnitt. Man muss aber unbedingt die Profile der Personen, die Waffen besitzen, polizeilich und psychiatrisch durchleuchten.

Der Täter von Daillon war in psychologischer Behandlung und den Behörden bekannt.

Killias: Genau das ist der Punkt. Es ist sieben Jahre her, seit die Polizei dem Mann alle Waffen wegnahm. Wie kontrolliert man nun für den Rest seines Lebens, dass er nicht an Waffen kommt? Das ist schlicht unmöglich. Das ginge nur mittels periodischer Hausdurchsuchungen, wofür wiederum eine rechtliche Grundlage und Personal nötig wären. Der Fall Daillon zeigt die Grenzen eines Ansatzes, der den Menschen als Gefahr definiert und nicht die Waffen.

Das führt zur Frage zurück, wie man den Waffenbestand in der Schweiz minimieren kann.

Killias: Genau. Das geschieht zwar schon heute, es braucht aber noch Zeit, bis alle Massnahmen greifen. Und die breite Öffentlichkeit muss noch mehr zur Erkenntnis gelangen, dass Waffen per se gefährlich sind. Dann wird man weniger wegschauen, wenn jemand Waffen besitzt.

In den letzten Jahren ist die Mordrate in der Schweiz gesunken. Worauf führen Sie das zurück?

Killias: Dafür gibt es verschiedene Gründe. Die Medizin hat Fortschritte gemacht, immer mehr Menschen mit schweren Verletzungen können gerettet werden. Die revidierten Waffengesetze sind ebenfalls nicht wirkungslos geblieben.

Sind die Schweizer Waffengesetze trotzdem noch zu lasch?

Killias: Vor zehn Jahren hätte ich vorbehaltlos Ja gesagt. In der Zwischenzeit hat sich vieles verbessert. Es gibt aber noch die erwähnten Lücken. Dazu gehören die Karabiner und die Kontrolle von Menschen, die keine Waffen besitzen dürfen.

Interview: Léa Wertheimer

Nicht bewilligungspflichtig: Kiste mit Karabinern bei der freiwilligen Waffenabgabe im Mai 2011 in Zürich. (Bild: ky/Alessandro Della Bella)

Nicht bewilligungspflichtig: Kiste mit Karabinern bei der freiwilligen Waffenabgabe im Mai 2011 in Zürich. (Bild: ky/Alessandro Della Bella)