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Von Cina bis Stämpfli: Diese Persönlichkeiten gehören zum Machtnetz von Viola Amherd

Pragmatisch, uneitel, zurückhaltend: Die Walliser CVP-Nationalrätin Viola Amherd ist eine Politikerin ohne Show-Effekte.
Sven Altermatt

Spiritus Sanctus! Just dort, wo der Heilige Geist hockt, philosophierte eine junge Frau im Jahr 1982 über das Ideal einer Welt ohne Zwang und Gewalt.

Gegründet von Jesuiten, geprägt von schlichter Architektur: Das Kollegium Spiritus Sanctus thront auf dem «Bildungshügel» ob Brig. Hier, wo Generationen von Oberwallisern das Gymnasium besucht haben, setzte sich die 20-jährige Viola Amherd mit Anarchie auseinander – in ihrer Philosophiearbeit für die Matura. Noch heute, weit über 30 Jahre später, findet Amherd:

«Wenn sich jeder anständig benimmt und an die schwächeren Mitmenschen denkt, bräuchten wir kein staatliches Korrektiv.»

Sie lässt den Satz kurz stehen. Dann gluckst und lacht sie, hebt den Zeigefinger. «Aber leider führen sich nicht alle so auf. Wir brauchen unseren Staat.»

Sagt die Frau, die sich anschickt, in die höchsten Sphären des Staats aufzusteigen. Amherd, 56, Anwältin und Walliser CVP-Nationalrätin, bewirbt sich für die Nachfolge von Bundesrätin Doris Leuthard. Seit 2005 sitzt sie im Parlament, sie gilt als Politikerin ohne Show-Effekte. Die Schweiz kennt für dieses Profil eine eigene Kategorie: stille Schaffer.

Kann sie ihre Politik verkaufen?

Viele im Land wünschen sich genau solche Amtsträger. Doch jetzt muss Amherd lesen, sie sei eine eher langweilige Politikerin. In dieser Feststellung münden die Adjektive, die Freund und Feind über sie verbreiten. Dossierfest, pragmatisch und uneitel, aber auch fade, spröde und zurückhaltend. Eine, die mit feiner Ironie punktet, allerdings keine mitreissenden Reden schwingt. Es sind die Eckpunkte der allseits kursierenden Amherd-Erzählung.

Die entscheidende Frage ist aber: Kann sie ihre Politik auch verkaufen? Kann sie dafür Mehrheiten finden? Amherd sei «nicht spektakulär, aber unheimlich effizient», sagt ihr Obwaldner Fraktionskollege Karl Vogler. «Die Strahlkraft von Doris Leuthard hat sie nicht», bedauert ein anderer CVP-Parlamentarier hinter der betriebsüblichen vorgehaltenen Hand. Scheu wird sie, die Madame Unspektakulär, zuweilen sogar genannt.

Scheu? Sie müsse sich nicht in Szene setzen, sagt Amherd. «Ich habe dann etwas zu sagen, wenn es etwas zu sagen gibt.» Also präsentiert sie sich als Lösungssucherin:

«Wenn ich einen Kompromiss schmiede, will ich die Argumente aller Beteiligten verstehen.»

Coach in der Fraktion

Viola Amherds Kalender ist voll in diesen Tagen, zumindest da herrsche ein wenig Anarchie, scherzt sie. Zum Gespräch bittet sie in das CVP-Fraktionsbüro im dritten Stock des Berner Bundeshauses. Unten brummt die Wandelhalle wie ein Bienenstock, während es hier oben, wo wissenschaftliche Mitarbeiter ihren Dienst verrichten, angenehm still ist.

Amherd ist gern in diesen Räumen. In einer Partei, weiss sie, gibt es ein Wirken nach aussen und ein Wirken nach innen. Seit 2011 ist sie Vizepräsidentin der Fraktion und als solche Chefin der Nationalratsdelegation, eine Funktion, in der sie kaum je öffentlich in Erscheinung tritt. Umso lieber redet Amherd im Gespräch darüber. «Ich stelle sicher, dass sich jedes unserer Nationalratsmitglieder einbringen kann», sagt sie.

Parteifreunde schwärmen, wie souverän sie selbst dann bleibe, wenn um sie herum alle die Nerven verlören. Amherd sieht sich in der Rolle des Coachs. Und der Frauenförderin: Dass so viele CVP-Nationalrätinnen an der Spitze von Kommissionen stehen, gilt als ihr Verdienst. Wer Frauen wirklich fördern wolle, sagt sie, müsse Vorbilder zeigen.

«Die Exekutive liegt mir»

Viola Amherd wurde 1962 in einer katholischen Familie geboren, ihre Eltern führten ein grosses Elektrofachgeschäft. Der Vater war CVP-Mitglied, so wie es sich gehört im tiefschwarzen Oberwallis. Amherd besuchte in Brig die Schulen, studierte in Freiburg, kehrte zurück nach Brig und gründete hier eine Anwaltskanzlei. 1992 wählten sie die Briger erstmals in die Stadtregierung, von 2000 bis 2012 war sie Stadtpräsidentin. Die Exekutive liege ihr, sagt sie. «Dort sind Lösungen für konkrete Probleme gefragt.»

Das linke Etikett

«Viola», habe ihre Mutter stets zu ihr gesagt, «mach dich nie von jemandem abhängig.» Amherd führt ein, und das betont sie selbst gern, unabhängiges Leben. In aller Konsequenz. Die Freiberuflerin hat keine Kinder und bezeichnet sich als «überzeugte Ledige». Nie habe sie das Ziel gehabt, in einer Partnerschaft zu sein. Mit ihrer um 14 Jahre älteren Schwester und deren Tochter lebt sie in einem Frauenhaushalt.

Die Positionen von Amherd liegen in der Mitte des politischen Spektrums, in Wirtschaftsfragen sind sie ein wenig bürgerlicher als der CVP-Schnitt. Profiliert hat sie sich mit Jugendschutzthemen. Beharrlich ist Amherd, wenn es darum geht, die Interessen der Bergkantone durchzusetzen. Vehement fordert sie den Ausbau des Lötschbergtunnels, verlangt die Steuerbefreiung von Pistenfahrzeugen und bemüht sich um eine bessere Versorgung der Randgebiete.

«Einfach zu links»

Nur bei gesellschaftlichen Fragen macht es Amherd den Konservativen nicht leicht. In den 1990er-Jahren kämpfte sie für die Fristenlösung, aktuell für den vierwöchigen Vaterschaftsurlaub und die Homo-Ehe. Amherd sei zwar eine flotte Person, stehe aber einfach zu links, liess etwa SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner verlauten.

Auch dieses Etikett ist fester Teil der Amherd-Erzählung. FDP-Nationalrätin Christa Markwalder bezeichnet es als Binse. «Viola Amherd ist eine Gesellschaftsliberale, keine Linke.» Die CVP-Frau sei angenehm sachbezogen und habe ihre Dossiers im Griff.

In den vergangenen Wochen gerieten die Dinge allerdings ein wenig ins Rutschen. Es schien, als könnte Amherd die Kandidatur entgleiten. Über sie kursierten Negativschlagzeilen. Es geht vor allem um eine Zivilklage, die vor dem Walliser Kantonsgericht hängig ist. Eine Erbengemeinschaft der Amherds soll 250'000 Franken zu viel Miete kassiert haben und wurde erstinstanzlich zu einer Rückzahlung verurteilt. Amherd hat sich via Medien hinlänglich dazu geäussert. Dass zwei Vertragsparteien unterschiedliche Meinungen vertreten, sei völlig normal, lautet ihr Standpunkt. «Das gehört zu unserem Rechtsstaat.»

Das Zögern am Anfang

Am Tisch im CVP-Büro sitzt eine zweite Walliserin, die bei solchen Sätzen heftig nickt. Wer den Kontakt zu Amherd sucht, kommt an ihr nicht vorbei: an Brigitte Hauser-Süess, 64, Medienberaterin der Bundesratskandidatin. Diese Funktionsbezeichnung wird ihrer Bedeutung nicht gerecht. In der Partei hat die frühere Präsidentin der CVP-Frauen den Status «graue Eminenz». Seit 30 Jahren ist Hauser-Süess eng mit Amherd befreundet, beruflich war sie unter anderem Kommunikationschefin von BDP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf.

Die Sparringspartner Amherd und Hauser-Süess lassen sich nicht unterkriegen, erst recht nicht von Eiferern im Namen des Heiligen Geistes. Vor 20 Jahren, als im Wallis der Streit um die Fristenlösung heftig tobte, wurde CVP-Frauen-Chefin Hauser-Süess auf Plakaten als «Babymörderin» verunglimpft. Ihr Bild war neben dem eines mit Blut verschmierten Fötus zu sehen. Anwältin Amherd verklagte für sie die Täter – das Bundesgericht stützte eine Verurteilung wegen Ehrverletzung. Damals erklärte sie:

«Es darf in einem demokratischen Staat nicht ein Klima der Diffamierung geschaffen werden.»

Natürlich müsste man jetzt Hauser-Süess zu Wort kommen lassen, niemand könnte mehr über Viola Amherd erzählen. Doch momentan mag sich die PR-Frau nicht ausgiebig zitieren lassen, sie stehe ja nicht im Vordergrund. Bekannt ist: Hauser-Süess war es, die Amherd dazu motivierte, 1992 erstmals für ein politisches Amt zu kandidieren. «Du kannst dich nicht über fehlende Chancen für Frauen beschweren, aber dann Nein sagen, wenn du eine Chance bekommst», sagte sie zu ihrer Freundin. Ein Zögern stand am Anfang der politischen Karriere, die nun in den Bundesrat führen könnte.

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