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1. Mai Umzug: Eine Absplitterung der Unia , die Basis 21, demonstriert gegen die Machtverhältnisse in dieser und versucht den Demonstrationsumzug aufzuhalten. (Bilder: Roland Schmid)

1. Mai Umzug: Eine Absplitterung der Unia , die Basis 21, demonstriert gegen die Machtverhältnisse in dieser und versucht den Demonstrationsumzug aufzuhalten. (Bilder: Roland Schmid)

Machtkampf in der Gewerkschaft eskaliert: «Die Unia ist wie Scientology»

Die grösste Gewerkschaft der Schweiz ist am Tag der Arbeit mit sich selber beschäftigt. Unia-Separatisten prangern mit einer Protestaktion Korruption und Sexismus an. Doch das Störmanöver funktioniert nicht wie geplant.
Andreas Maurer

Es sieht so aus, als wäre dies der Anfang eines ganz normalen 1. Mai: In der Basler Innenstadt verbarrikadieren Ladenbesitzer ihre Schaufenster zum Schutz vor Ausschreitungen. Und auf dem Barfüsserplatz bauen Gewerkschafter Wurststände auf. Doch auf der Mittleren Brücke nimmt der Tag der Arbeit nicht seinen gewohnten Lauf.

Separatisten der Unia, der grössten Gewerkschaft des Landes, bilden mit mehr als hundert Leuten einen eigenen Demonstrationszug. Der Plan: Auf der Brücke wollen sie sich dem offiziellen Marsch der Gewerkschaftsbewegung in den Weg stellen. Dieser Umzug besteht aus rund 2000 Teilnehmern verschiedener linker Organisationen. Eine davon ist die Unia. Mit der Blockade wollen die Kritiker auf die Missstände in der Unia aufmerksam machen.

Protest und Gegenprotest: Der 1.-Mai-Umzug in der Basler Innenstadt trifft auf ein Störmanöver von Unia-Separatisten der Basis 21.

Protest und Gegenprotest: Der 1.-Mai-Umzug in der Basler Innenstadt trifft auf ein Störmanöver von Unia-Separatisten der Basis 21.

Der Widerstand wird organisiert von der Basis 21, einer Mini-Gewerkschaft von Unia-Oppositionellen. Ihre Sprecherin verbreitet die Botschaft über eine mobile Lautsprecheranlage. Sie wirft der Unia «Machtmissbrauch, Korruption und Sexismus» vor. Damit nimmt sie Bezug auf eine Serie von Mobbingfällen und Intrigen.

Aktuell brodelt der Konflikt im Berner Oberland, wo sich die nationale Geschäftsführung in einem Machtkampf gegen einen Teil der Basis durchgesetzt hat. Zuvor war es zu ähnlichen Unruhen in anderen Regionen gekommen.

Im Aargau eskalierte 2017 ein Streit zwischen Angestellten und Vorgesetzten, als diese Unia-Einheit mit der Region Nordwestschweiz fusioniert wurde. In Basel protestierten Angestellte 2015 gegen unfaire Arbeitsbedingungen. In Zürich ereignete sich 2016 der bisher grösste interne Skandal. Zwei Mitarbeiterinnen beschuldigten den Regionalleiter Roman Burger der sexuellen Belästigung. Doch die nationale Führung um Vania Alleva reagierte erst nach medialem Druck.

Frauen gegen Männer

All diese Vorfälle haben Unzufriedene hinterlassen. Bisher haben diese in den verschiedenen Unia-Regionen ihre eigenen Kämpfe geführt. Jetzt schliessen sie sich zusammen und formieren in Basel eine Gegenbewegung. Mit dabei ist Ueli Balmer, der abgesetzte Präsident der Unia Berner Oberland. Er spricht von mehreren kleinen Feuern in den Unia-Regionen, die von der nationalen Führung bisher alle im Keim erstickt worden seien. Nach dem Eklat im Berner Oberland könnte nun aber ein Flächenbrand entstehen, hofft er. Bei der Aktion in Basel zeigt sich allerdings, dass die Protestbewegung dafür zu schwach ist.

Als der offizielle Demonstrationszug auf die Unia-Kritiker trifft, tritt Toya Krummenacher, die Präsidentin des Basler Gewerkschaftsbundes, mit einem Megafon nach vorne und ruft:

«Liebe Kolleginnen und Kollegen bitte tretet zur Seite und reiht euch hinter den Blöcken ein».

Sie meint die Einheiten, welche die verschiedenen Organisationen an der 1.-Mai-Demonstration bilden. Balmer antwortet per Megafon: «Liebe Kolleginnen und Kollegen», beginnt auch er. Seine weiteren Worte gehen in einem Handgemenge unter.

Angeführt wird der offizielle Demonstrationszug von einer Reihe Frauen, die zum Kampf für den Frauenstreik am 14. Juni aufrufen. Sie erheben die Fäuste, rempeln die Unia-Separatisten zur Seite, übertönen sie mit ihren eigenen Sprechchören und marschieren an ihnen vorbei. Und schon ist der Spuk vorbei – beziehungsweise ist auch dieses kleine Feuer gelöscht.

Zurück bleibt ein riesiges Transparent, das die Unia-Kritiker vor der Brücke montiert haben. Es zeigt eine Karikatur von geldgierigen Unia-Bossen. Doch nicht einmal dieser Teil der Aktion funktioniert wie geplant. Das Plakat hängt schief, weil die Protestler zu kleine Schrauben organisiert haben.

Obwohl die Blockade nur zu einer kurzen Verzögerung führt, erreicht sie ein Ziel: Sie stiehlt der offiziellen Kundgebung die Show. Die Fernsehkameras und Radiomikrofone sind nicht auf die Feministinnen gerichtet, die für den Frauenstreik mobilisieren, sondern auf die Unia-Gegner.

«Die Unia ist wie Scientology»

Mit einer Unia-Fahne in der Hand marschiert Monika Beck am Protestmarsch gegen die Unia mit. Sie war vier Jahre lang in der Gruppe Pflege der Unia Aargau aktiv. Sie sagt: «Präsidentin Alleva ist betriebsblind. Sie will nicht sehen, was an der Basis läuft.» Die nationale Geschäftsleitung führe die Unia auf «nordkoreanische Art», meint sie. Die Basis könne die Entscheide nur abnicken, aber nicht mitdiskutieren.

An ihrer Seite steht Ursula Reich, eine weitere Pflegerin aus dem Aargau, die einst im Unia-Regionalvorstand war. Sie sagt:

«Ich spüre in der Unia kein Gewerkschaftsfeuer mehr.
Es geht nur noch um Macht und Geld.»

Ein ehemaliger Spitzenfunktionär der Unia sagt: «Die Unia ist wie Scientology. Wer es wagt, eine kritische Meinung zu entwickeln, wird kaltgestellt.» Ähnlich wie gewisse Sekten-Aussteiger haben die Unia-Dissidenten nun eine neue Mission. Früher haben sie auf der Strasse für die Gewerkschaft missioniert. Nun missionieren sie auf der Strasse gegen die Gewerkschaft.

Gewerkschafter werfen sich gegenseitig Sexismus und Machismus vor

Unia-Präsidentin Vania Alleva hat für das Phänomen eine einfache Erklärung. Das Austragen von Konflikten gehöre zum Job eines Gewerkschafters. Deshalb würden die internen Konflikte besonders heftig ausgetragen, sagte sie in einem Interview.

Sanja Pesic, die Chefin der Unia Nordwestschweiz, lächelt den internen Protest weg. Sie zeigt auf ihre Brust, über die sich das T-Shirt der Frauenbewegung spannt, und sagt:

«Heute spreche ich nur über den Frauentag.»

Deshalb kommentiere sie die Gegendemonstration nicht. Dieser «Machoszene» wolle sie keinen Raum geben. Damit meint sie, dass die Gegenbewegung von Männern dominiert werde, während bei der offiziellen Kundgebung nur Frauen das Sagen hätten.

Und so endet dieser 1. Mai nicht wie üblich mit einem «Hoch auf die internationale Solidarität», sondern mit Gewerkschaftern, die sich gegenseitig Sexismus und Machismus vorwerfen.

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