Laubers Mann für alle Fälle

Beim Genfer Wirtschaftsanwalt Christian Lüscher (FDP) laufen immer mehr Fäden in der Schweizer Strafjustizlandschaft zusammen.

Henry Habegger
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Bern, am 25. September 2019: Christian Lüscher kehrt nach seinem Plädoyer für Bundesanwalt Michael Lauber an seinen Platz  zurück. Wenig später wird Lauber knapp als Bundesanwalt wiedergewählt. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Bern, am 25. September 2019: Christian Lüscher kehrt nach seinem Plädoyer für Bundesanwalt Michael Lauber an seinen Platz  zurück. Wenig später wird Lauber knapp als Bundesanwalt wiedergewählt. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Die Welt ist klein. Ende September verhalf der Genfer FDP-Nationalrat Christian Lüscher (55) Bundesanwalt Michael Lauber (53) durch ein flammendes Plädoyer in der Bundesversammlung zur Wiederwahl.

Einige Wochen später kommt nun ein Beschuldigter im Korruptionsskandal um die halbstaatliche brasilianische Ölfirma Petrobras günstig davon. Laut «Tages--Anzeiger» war oder ist der Mann ein Klient von Lüscher.

Es geht um den Fall eines bei Genf wohnhaften schweizerisch-brasilianischen Doppelbürgers, dem Gehilfenschaft zur Bestechung fremder Amtsträger und Geldwäscherei vorgeworfen wird. Die Bundesanwaltschaft will seinen Fall im abgekürzten Verfahren vor Bundesstrafgericht bringen, was heisst, dass sie sich mit der Verteidigung verständigt hat.

Beobachter sagen, der Zeitpunkt der Anklage sei «erstaunlich». Das Dossier sei schon lange entscheidungsreif.

Hinter Anwaltsgeheimnis verschanzt

Lüscher beruft sich aufs Anwaltsgeheimnis, wenn es um seine Kunden geht. Oder er antwortet gar nicht erst. So eine Woche vor Laubers Wiederwahl, als CH Media ihn fragte: «Haben oder hatten Sie als Anwalt aktuell oder innerhalb des letzten Jahres Verfahren/Fälle bei der Bundesanwaltschaft hängig. oder stehen solche an?»

Lüscher ist bekannter Wirtschaftsanwalt und Partner in einer internationalen Anwaltskanzlei. Leute, die ihn als Politiker kennen, sagen: Er setze sich skrupellos für seine beruflichen Interessen ein. Es gibt aber auch Leute, die in Lüscher einen Staatsmann alter Prägung sehen, der als Politiker einzig und allein im Interesse der Institutionen handle.

Immer zu Diensten

So oder so stand Lüscher Lauber auch zur Seite, als dieser seinen Chef Wirtschaftskriminalität Olivier Thormann abschoss. Lauber schwärzte den Freiburger, der als sein möglicher Nachfolger galt, bei der Aufsichtsbehörde AB-BA im Zusammenhang mit dem Fifa-Komplex an. Er stellte ihn frei, trennte sich von ihm. Ein Sonderermittler prüfte die Vorwürfe, fand nichts Zählbares. Da tauchte Lüscher auf und setzte sich in der Gerichtskommission dafür ein, dass Thormann (FDP) im Bundesstrafgericht in Bellinzona unterkam.

Dort arbeitet Thormann seit Frühling 2019 in der Berufungskammer. Nächstes Jahr wird er Präsident der Kammer. Dies, nachdem das Gericht die amtierende Präsidentin, CVP-Richterin Claudia Solcà, nicht wiederwählte. Das gleiche Schicksal erlitt Giorgio Bomio (SP), der der Beschwerdekammer vorsteht. Zufall oder nicht: Bomio und Solcà wirkten an Entscheiden mit, in denen Lüschers Schützlinge Lauber und Thormann kritisiert wurden: Wegen Befangenheit in den Fifa-Verfahren.

SVP-FDP-Putsch in Bellinzona?

Olivier Thormann steigt aber auch in der Gerichtsleitung schnell auf: Er wird Mitglied der dreiköpfigen Verwaltungskommission des Bundesstrafgerichts. Präsident und Vize des Leitungsgremiums sollen zwei Deutschschweizer SVP-Richter werden, was die Bundesversammlung allerdings noch absegnen muss. Einige Berner Beobachter reden von einer SVP-FDP-Machtübernahme in Bellinzona.

Der einst als Leichtgewicht belächelte Lüscher hat sich zum einflussreichen Strippenzieher gemausert. Offensichtlich befasst er sich schon länger mit der Nachfolge von Lauber. Der nach seiner knappen Wiederwahl und durch die Fifa-Affäre angeschlagene Bundesanwalt suche den Ausgang, heisst es in Laubers Umfeld. Er wolle in ein, zwei Jahren abspringen, vermutlich zu einer Bank.

Bald eine Bundesanwältin?

Für die Lauber-Nachfolge habe Lüscher schon länger ein As im Ärmel, sagen Westschweizer Szenekenner. Und zwar eine Frau: Maria-Antonella Bino (53). Die Genferin war bis 2013 bereits stellvertretende Bundesanwältin, überwarf sich mit Lauber und wechselte als Compliance-Chefin zur Grossbank BNP Paribas in Genf. Im Verwaltungsrat dieser Bank sitzen einige alte Bekannte: Ex-Migros-Chef Herbert Bolliger. Ex-Post-und SBB-Chef Ulrich Gygi (SP). Und die ehemalige Tessiner Regierungsrätin Marina Masoni (FDP).